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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-18 · Heft 33 (18.8.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse. Koriin, 18. August 1905. 69. Jahrgang; No. 33. Diese Zeitung .erscheint w ä chentli chl Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter, Streifband bezogen oierteljährl. 3 Dl. R edaktenrr Grrstav «arzrele». Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philippson. Veidss-LxxeMoll:Berlin, Jerusalemerstr. 46/49, Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW;, Ierusalemer Straße JH9, zu richten. Verlag von Rudolf Moss«, Berlin. Der „jüdische Geilt" Berlin, 15. August. man ist heute nicht mehr wie in der bösen alten Zeit Judenfeind, man ist Antisemit; das klingt wissenschaftlich, gelehrt, ist aber genau so schlecht und verkehrt. Man schlägt nicht mehr, wenn man nicht gerade ein Pückler, Ahlwardt oder sonstwer ist, aus den Juden - in corpore vile, zumal das auf die Anklagebank führen und andere unangenehme Folgen haben kann, sondern man drischt auf den „jüdischen Geist" los. Das ist wenig gefahrvoll, gewährt aber dem braven Antisemiten eine gewisse Erleichterung, und wirkt doch auch aufhetzend und kränkend. Diesen „jüdischen Geist" nun nehmen sich die Deutschsozialen Vor, zu bekämpfen, und die „Kreuzzeitung" sekundiert ihnen. Der „jüdische Geist" aber, wenigstens . der, den die Herrschaften bekärnpfen wollen,, existiert, wie die Geister der Spiritisten, gar nicht. Er existiert nur in der Phantasie der Antisemiten, zu deutsch Judenfeinde, wenn er nicht gar von ihnen genau so, wie die Geister der Spiritisten von betriebsamen Medien, erfunden ist, um Geschäfte zu machen oder von Ammen und sonstigem Gesinde oder auch denkfaulen Eltern und Erziehern ausgeheckt, um Kinder und Einfaltspinsel zu schrecken und gefügig zu machen. Wohl gibt es einen jüdischen Geist, der von der jüdischen Religion erzeugte und großgezogene. Aber den zu bekämpfen geniert man sich heutzutage. Wenn man es auch ist, man liebt es nicht, religiös unduldsam zu scheinen. Dieser jüdische Geist ist auch nicht so leicht zu bekämpfen. Er hat sich siegreich drei Jahrtausende behauptet gegen Angriffe, wie man sie heute gar nicht mehr wagt, und er wird sich immer behaupten, denn es ist der sittliche Geist, der auch das Fundament der christlichen Religion und das Fundament aller modernen und zivilisierten Staaten geworden ist. Weder Staat noch Kirche haben auch nurdas geringste-Interesse, diesen jüdischen Geist zu bekämpfen, eher hätten sie bei der heutigen Zunahme religiöser Gleichgültigkeit und Koketterie mit Herrenmoral ein nicht geringes Interesse daran, ihn nach Möglichkeit zu fördern. Der jüdische Geist, der bekämpft werden soll, und der nach unserer Behauptung nicht existiert, nicht als „jüdischer Geist" existiert, soll „an nichts glauben und alles leugnen". Nichts soll ihm „heilig" sein und „ehrfurchtgebietend", und darum'soll er auch der „Feind jeglicher Autorität und der Bahnbrecher des Anarchismus" sein. „Der Gifthäuch des' jüdischen Geistes" soll „bei allen anarchistischen, revolutionären und sozialistischen Bewegungen eine Hauptrolle, spielen." So dozieren die berüchtigte „Nowoje Wremja", die „Kreuzzeitung" und andere geistesverwandte Blätter mehr. Daß es Geister gibt, wie die hier geschilderten, wird wohl niemand leugnen. Es gibt solche auch unter Juden; daß sie aber nur unter Juden sich finden oder auch nur vorzugsweise, ist eine geradezu wahnwitzige Behauptung. Daß es ehrfurchtslose Leugner jeder Autorität, Revolutionäre zu allen Zeiten und bei allen Völkern gegeben hat und gibt, auch zu Zeiten, da man die Juden nicht kannte, bei Völkern, die Juden kaum gesehen, und bei denen sie nie die allergeringste Rolle gespielt haben, das braucht wohl nicht einmal dem oberflächlichsten Kenner der Geschichte früherer und neuerer Zeit bewiesen zu werden. Die Juden sind im Gegenteil durch ihre Religion und Tradition zur Achtung jeder Autorität, und zur Ehrfurcht selbst schon vor grauem Haar erzogen. Dem Juden, dem nichts so sehr als wirtschaftliches Ideal vorschwebt als seine wirtschaftliche Selbständigkeit und wo möglich Unabhängigkeit, der einen ausgesprochenen, vielleicht sogar übertriebenen, weil viele Jahrhunderte hindurch durch die Umstände herangezüchteten Erwerbssinn hat, der ihm auch häufig genug zum Vorwurf gemacht wird, wie er denn auch als Vertreter des Kapitalismus gilt, sollte doch am ehesten vor dem Verdacht sozialistischer und anarchistischer Neigungen geschützt sein. Wenn es unter den Juden auch Sozialdemokraten gibt — was in Abrede zu stellen uns nicht einfällt — so beweist das doch nur, daß sie keinen aparten. Geist haben, der sich sonderlich von dem anderer Leute unterscheidet, da sie eben wie andere Leute auch gewiß diesen Ideen,, wahren wie falschen, zugänglich sind. Sollte aber wirklich nachgewiefen, nicht bloß in den Wind hinein behauptet werden, daß Juden in verhältnismäßig großer Zahl zur sozialdemokratischen, revolutionären, anarchistischen Bewegung gehören,, dann würde damit nur bewiesen sein, daß die Gesetzgebung an ihnen so viel sündigt, daß sie gegen ihre Natur und Erziehung sich selbst solchen Bewegungen zuwenden. Man hat. nicht gehört, daß in Ländern mit liberalen, oder was noch weit besser, gar keinen Judengesetzen, die Juden sich mit Vorliebe revolutionären Bewegungen anschließen. Das Gegenteil ist der Fall, wie beispielsweise England und die Vereinigten 'Staaten beweisen. Und wie es keinen befondern jüdischen Geist in der Politik gibt, so gibt es auch keinen aparten jüdischen Geschäftsgeist, keinen besonderen jüdisch literarischen Geist. Was man jüdischen Geschäftsgeist nennt, das ist weiter nichts als eine im Laufe der Jahrhunderte gewonnene Uebung im geschäftlichen Auffassen und Verkehr, die andere Völker zum Teil in weit höherem Maße besitzen und die durch Mangel an Uebung wieder eingebüßt werden kann, die also ÜÜ MM

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