Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Und als sie wieder heimkehren nach Deutschland, da erwarten sie gleichfalls die größten Auszeichnungen. Während Frau Amalie für ihre segensreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der Wohltätigkeit den Louisenorden erhält, ernennt der König Giacomo zum Hofkapellmeister. Mit Ausnahme einiger Neider, so vor allem des damaligen Generalmusikdirektos Spontini, dessen Amt später in die Hände Meherbeers überging, drängt sich alles herbei, um den gefeierten Komponisten des „Robert" zu huldigen. Und die vornehme Villa der jüdischen Familie Beer wird so recht zum Sammelpunkte aller gebildeten Kreise der Großstadt. . Da spielt Hummel, da verblüffen Moscheles und Kalkbrenner durch ihre brillante Technik. Da geigt sogar Paganini, der sich bekanntlich nicht oft in Privatzirkeln hören ließ, da singt die Catalani, die göttliche Henriette Sontag, die große Schröder-Drevient, kurz alles, was Rang und Namen hat, wetteifert um die Ehre, im Beerschen Hause empfangen zu werden und dem großen Meister wie der vornehmen Hausfrau als eifriger Beschützerin und Förderin der Künste und Wissenschaften ihre Huldigungen darzubringen. Mitten in diesem rauschenden Gesellschaftsleben findet der Meister dennoch Muße für ein Werk, in das er seine ganze Seele versenkt und das eine! sinnige Ueberraschung für die teuere Mutter'^werden soll. In der kurzen Zeit von sechs Wochen," kurz, wenn 't man bedenkt, wie wenig Zeit dem Maestro zur ruhigen Arbeit verblieb, verfaßt er die Musik zu seines früh dahingeschiedenen Bruders Michael Meisterwerk, dem „Struensee", und wehmütige Erinnerung mag das Herz der alten Frau durchzittert haben, als sie diese gewaltige Tonschöpfung, den Manen des teuren Dahingegangenen j gewidmet, bei der glänzenden Aufführung im königlichen Schauspielhause vernimmt, und sich an den hohen dichterischen Schönheiten dieses Werkes, dem die Musik ihres Giacomo nun die höchste Weihe gegeben, erbaut. Reiche Ehren, königliche Auszeichnungen folgen dieser glänzenden Bahn und voll freudigen Stolzes darf die glückliche Mutter auf ihren Sohn blicken, dem eine ganze Welt in maßloser Bewunderung zu Füßen liegt und den sein König in gerechter Würdigung seines großen Talentes ehrt, indem er ihn zum Ritter des erst kürzlich gestifteten Louisenvrdens ernennt und ihm die Stelle eines Generalmusikdirektors verleiht. Es ist selbstverständlich) daß diese hohen Ehren, einem Inden erwiesen, den Neid und die Scheelsucht aller im höchsten Grade erregten und in ihren Herzen den Wunsch keimen ließen, den Charakter dieses so über alles gepriesenen Juden herabzusetzen. Dies jedoch war nicht möglich. Zu fest gegründet war der gute Ruf dieses Mannes, auf zu festen Säulen der Gottesfurcht ruhte dieses Mannes Haus! Und daß dies nebst den ausgezeichneten Charaktereigenschaften Giacomos hauptsächlich auf den Einfluß der Mutter zurückzusühren ist, liegt klar zutage, wenn man das Urteil der Zeitgenossen über die werhtätige Nächstenliebe vernimmt, die in diesem Hause herrschte und die vor allem diese echt jüdische Mutter ausübt. „Kein Tag vergeht," so heißt. es bei Heine, „ohne daß sie einem Armen geholfen hat; ja, es scheint, als könne sie nicht ruhig zu Bette gehen, bevor sie nicht eine edle Tat vollbracht. Dabei spendet sie ihre Gaben an Bekenner aller Religionsgenossenschaften, an Juden, Christen, Türken und sogar an Ungläubige der schlechtesten Sorte. Sie ist unermüdet im Wohltun und scheint dies als ihren höchsten Lebensberuf anzusehen." So konnte denn auch der gehässigste Späherblick an der Lebensführung ihres Sohnes wie an ihrer ganzen vom wahren jüdischen Geiste beseelten Hausführung nicht nörgeln und selbst die ärgsten Feinde des mit Beifall so reich bedachten Musikers mußten dem edlen Charakter dieses Juden und der alles überragenden Hochherzigkeit dieser vornehmen jüdischen Dame gerecht werden. Der Sonnenweg, den ihr großer Sohn betreten, wies auch fernerhin keinen Schatten auf und die Tage, die sie an seiner Seite, mit seiner Frau, die ihn jetzt neuerdings mit einem Töchterchen beschenkte, verlebt, gehen für die alte Frau dahin gleich ungetrübten Festtagen. Nun aber sollte es Abend werden. Ihre Lebenssonne ging zur Neige und stilles Verlöschen beschloß dieses so harmonisch abgeklärte Menschenleben. Tiefe Trauer erfaßte das Herz des Sohnes und lange Zeit verdüsterte der Gram um die teure Tote seine Seele. Es währte lange, ehe er wieder die Sammlung seines Gemütes erlangte, um an die Vollendung seiner Lieblingsoper „Die Afrikanerin" zu schreiten nnd ein herbes Weh mag seine Seele erfaßt haben bei dem Gedanken, daß die Verklärte sich an dieser Tonschöpfung, deren Entstehen sie mit ganzem Herzen begleitet, nicht mehr werde erfreuen können. Nun aber war sie, der ein langes, reiches Menschenleben beschieden war, voll Gottesfurcht und Religiosität, und der noch im hohen Greisenalter wahrhaft königliche Ehren erwiesen wurden, heimgegangen zu ihrem Gotte, und ihr Andenken geleiteten all die heißen Segenswünsche jener Armen und Bedrängten, deren Beschützerin sie zeitlebens gewesen — und die über das Grab reichende Kindesliebe ihres berühmten Sohnes. Drr alte Nolenkran?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Nobolsky. HI. er Abend dämmerte schon geheimnisvoll herauf, einzelne Sterne leuchteten wie glänzende Augen des Himmels am klaren Firmament, als das junge Ehepaar wieder den Tanzsaal betrat. Die Musik schweigt. ' Die Speisetafeln sind bereits wieder aufgestellt worden. Und nun nehmen sie alle wieder Platz und essen und trinken, als hätten sie den Tag über gefastet. — Es ging jetzt an das wichtige Geschäft des „Brauthuhn-Sitzens". Ein anschaulicher leerer Teller macht die Runde um den Tisch, und jetzt regnete als Hochzeitsgeschenke Goldstücke in das Geschirr hinein. Andere Präsente, wie sie in der Stadt gegeben werden, kennt man auf dem Lande nicht; denn die meisten von den Dorfbewohnern lieben das Solide, das Klingende. — Reichlich gingen heute die Goldstücke ein. Die Familien der Wichards und Lenzens suchten sich förmlich zu überbieten. Sie konnten es beide „gut machen", und das läßt der altmärkische Landmann, wenn er auch sonst zuweilen genau ist, gar zu gerne durchblicken. — Während das Brauthuhn-Sitzen vor sich ging, trat am Ende des Zeltes ein großer breitschultriger Mann unbemerkt auf die Tanzdiele und näherte sich etwas zögernd der fidelen Gesellschaft. Ein mächtiger rötlicher Bart reichte dem Fremden bis halb auf die Brust herab. Der Anzug wies verschiedene sehr defekte Stellen auf; den Kopf aber bedeckte ein breit-- krämpiger, ziemlich abgegriffener Hut.