Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
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380 Speziell das Sabbatgebot gab Delitzsch Veranlassung zur Rüge; hat' doch Mose hier einen ganzen Satz hinzuzufügen gewagt: 5. Mos. Kap. 5, V. 15 „Gedenke, daß du ein Knecht gewesen rc.", während er den ursprünglichen Wortlaut 2. Mos. Kap. 20, V. 11: „denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde geschaffen rc." ganz unterdrückte. Utid doch spricht gerade diese Stelle für die Weisheit.'und das noch heute .bewundernswerte soziale Empfinden eines Mose..• Er - sagt: -„Beobachte den Sabbattag, ... wie dir geboten der Ewige, dein Gott." Diese letzten Worte sind zunächst ein deutlicher Hinweis auf den ersten, am Sinai verkündeten Text dtzs Sabbatgebotes mit seiner dortigen Begründung, daß am fiebenten Tage der Weltenschöpfer Rast hielt. Diese Begründung war allgemein bekannt. Mose aber wollte den Sabbat zu einer bewußh sozialen Institution in Israel erheben, die allen Bevölkerungsschichten zugute kam, damit rückte er die Notwendigkeit der allgemeinen Arbeitseinstellung am Sabbat mehr in den Vordergrund und bewies den Anspruch, den auch der niedrigste Knecht auf einen Ruhetag in der Woche hat, indem er das Volk an seinen früheren Sklavendienst iu Aegypten erinnerte und an die Unzuträglichkeit einer ununterbrochenen physischen Anstrengung für Geist und Körper. Man ersieht schon aus diesem einen Beispiel, was es mit der scheinbar nicht ganz echten Entrüstung wider den leichtfertigen Mose auf sich hat, und wie wenig damit das eigentliche Ziel erreicht wird, den Offenbarungsglauben zu erschüttern, ja gar verächtlich zu machen. (Vgl. .die Schrift von Klausner: Hie Babel - hie Bibel.) In seinem dritten Vortrage, der erst in diesem Jahre erschienen ist, geht Delitzsch noch einen Schritt weiter, indem ihm jetzt auch der gedankliche Inhalt des Offenbarungswortes vom Sinai Anlaß zu tadelnden Bemerkungen gibt. Vorzüglich rufen seinen Unwillen hervor das 9. und 10. Gebot (nach jüdischer Zählung). Delitzsch hält es geradezu für beklagenswert, daß das 9. Gebot nicht die Fassung erhalten hat: du sollst nicht lügen. Er sagt auf S 20 seines Vortrags: „Würde uns so das Bewußtsein der Verwerflichkeit der Lüge in jeglicher Gestalt von frühester Jugend auf eingeimpft . . . so würde hiermit unausdenkbarer Segen über die Welt gebracht werden." Es ist nun allerdings nicht leicht zu sagen, weshalb das 9. Gebot nicht die von Delitzsch gewünschte allgemeinere Fassung erhalten hat, es ist aber doch ein starkes Stück, dem Offenbarungswort aus solchem Grunde die Schuld für die traurige Erscheinung, daß in der menschlichen Gesellschaft die Lügner nicht alle werden, zuzumessen. Wer sich nur immer mit dem Unterricht der Jugend befaßt, wird seinen Schülern erklären, daß das 9. Gebot selbstverständlich nicht allein die falsche Zeugenaussage vor Gericht, sondern die Lüge in jeder Gestalt verbietet. Die Thora hat uns übrigens einen Ausspruch über die Verwerflichkeit der Lüge schlechthin nicht vorenthalten und wir lesen 3. Mos. 19, 11: „Ihr sollt nicht stehlen (= 8. Gebot) und nicht lügen (= 9. Gebot) einer gegen seinen Nächsten." ' Endlich entwirft Professor Delitzsch in seinem letzten Vortrage (S. 19) ein Bild von der Unvollkommenheit des 10. Gebotes, dem er wieder einmal die angeblich vollkommenere Ethik des Neuen Testaments entgegenstellt. Er meint, das 10. Gebot: „Du sollst dich nicht gelüsten lassen deines Nächsten Haus rc."; besagt nur: du sollst dir nicht anzueignen streben, nicht aneignen deines Nächsten Haus rc. Wenn also das Alte Testament nur die rechtswidrige Aneignung einer Sache verbietet', dagegen kein Verbot setzt auf das bloße sündhafte Verlangen, auf das böse Gelüsten des Herzens, so steht es natürlich auf einer sittlich tieferen Stufe als das Neue Testament mit seinem": „Ich aher sage/eüch" : swer nur ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen). Delitzsch spielt offenbar auf diesen Vers aus der Bergpredigt an>. wenn er ihn auch nicht ausdrücklich zitiert. Bevor' wir nun aber umlernen und das 10. Gebot also fassen: „Dir sollst nicht gelüstend an dich reißen deines Nächsten Haus, Weib rc." müßte uns Delitzsch zunächst den Nachweis führen, daß der hebräischen Wurzel lediglich die Bedeutung der zur vollendeten Gewalttat fortgeführten Begierde eignet. Dieser Nachweis dürfte ihm jedoch um so schwerer fallen, als Mose selbst für die Sicherstellung des Begriffes NvN wenigstens im 10. Gebot gesorgt hat, gleich als wenn er geahnt hätte, ein deutscher Professor werde in künftigen Tagen gegen die Ethik des Sinaiwortes die des Neuen Testaments als eine höhere Offenbarung ausspielen. Denn bei der späteren Wiederholung des Zehnworts gebrauchte Mose neben dem Ausdruck "T&nh üb den ihn offenbar erläuternden [rhanfl üb; daß aber die Wurzel niK die alleinige Bedeutung von „gelüsten, im Herzen -nach etwas Verlangen tragen" hat, wird auch Professor Delitzsch widerspruchslos gelten lassen müssen?) Die Ethik des Judentums, oder was dasselbe ist, die Ethik des Alten Testaments hat es demnach auch bereits mit der Läuterung des menschlichen Herzens und der Veredlung des menschlichen Willens zu tun, was gerade aus dem 10. Gebot nach seiner Fassung im fünften Buche Moses unwiderleglich bewiesen ist. Es folgt nun aus diesen Auseinandersetzungen, daß die polemischen Versuche des Herrn Professor Delitzsch gegen die Quelle und den Ursprung alles Offenbarungsglaubens, gegen die zehn Gebote, sich keines besonderen Erfolges rühmen können. Mit einer so kleinlichen, trotz vieler stolzen Worte so wenig besagenden Kritik vermag man gegen eine große Sache nichts auszurichten. Dafür bleibt uns die ungetrübte Freude am Worte Gottes und es bleibt uns der berechtigte Stolz, daß unser ist die Quelle/ aus der ein großer Teil der Menschheit noch heute seinen Durst nach der höchsten Erkenntnis stillt. \ Sit Mutter Mryerdrrrs. Von E. Gassinger. II. ine köstliche Zeit ungetrübten Friedens und höchster künstlerischer Ehren folgte dem Trauerjahre nach dem Hinscheiden des geliebten Vaters. - Jedoch nur zu bald „pocht das Schicksal neuerdings an die Pforte", und ein neues Todesopfer ists, das die fromme Frau dem Geschicke darbringen muß. Diesmal ist es das blutende Mutterherz, das ihren geliebten Sohn, den hoffnungsvoller Dichter, in ein frühes Grab sinken sieht. Im Frühling des Jahres 1831 scheidet der Dichter des „Struensee" von einer Welt, die seine Kunst nicht gewürdigt und die ihm schnöde begegnet war. Er unterlag, weil seine weiche Seele für den Kampf, der das Leben bedeutet^ nicht gestählt war und nach Liebe und Freundschaft heiß begehrte, wo nur Gewinnsucht und eitles Selbstbewußtsein herrschte — ja, selbst in das, den Dichter so beglückende Freundschaftsbündnis, das ihn an Jmmermann knüpfte, trat einst störend ein Mißton. Bei einer Aufführung des Jmmermannschen Stückes „Die 'Verkleidungen" wollte der Darsteller des in dem Stücke vor- Vgl. den Kommentar des Jbn Esra zu 5. M. 5, 18, woselbst das Wort in seiner doppelten Bedeutung erklärt wird. Es heißt ausdrücklich: bp)Sb üXfi üb) 3&1 HIKD ]Wb WH..DPÖPTY .