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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-11 · Heft 32 (11.8.1905) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
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als Popanz für seine Wähler. Dem Zentrumswähler ist gleichsam der Antisemitismus als Brett vor den Kopf genagelt, damit er nicht darüber nachdenke, ob ihm denn die Aussanger und Bedrücker im klerikalen System, dem er bei den Wahlen als Sturmbock dient, nicht doch noch näher sitzen als der Jude.- Im eifrigsten Wettbewerb mit dem Zentrum findet sich da der bayerische Partikularismus Siglscher Observanz zusammen, der die wirtschaftliche Rückständigkeit und Unfähigkeit der mittleren Schicht ebenfalls in Bausch und Bogen preußischer und jüdischer Auspowerung zuschreibt. In Sigls Blatt führt heute der streit- und schreibsüchtige niedere Landklerus das große Wort. Wie es da in den Köpfen aussieht, das beweist ein erbaulicher Artikel im „Vaterland", den der Hauptmitarbeiter, der über alles mögliche und einiges andere noch „von der Donau" schreibt, verbrochen hat. Da heißt es : „Der- Liberalismus ist bei uns in Bayern, wenn auch politisch zerrieben, noch lange nicht besiegt; er wurde höchstens im Wahlkampfe auf seinen protzigen Geldsack gestoßen, auf den er freilich hinplumpste mit der Wucht eines gestrauchelten, kugelrund gefütterten Kommerzienrats. Die nächste Aufgabe aller Volksparteien muß deshalb die sein, dem Liberalismus auch als organisierter Großkapitalismus auf den Dickwanst zu rücken. Und eben unter diesem Gesichtspunkte habe ich das Bündnis zwischen Zentrum und Sozialdemokratie auf das lebhafteste begrüßt. Das Zentrum als Volkspartei und die Sozialdemokratie ebenso haben hier ein gemeinsames, klar vorgezeichnetes Ziel. Wenn sie in dem Streben nach diesem Ziel, nach der volkswirtschaftlichen Zerreibung des volksfeindlichen Liberalismus, gemeinsam arbeiten, so werden sich ganz sicher zwischen Zentrum und Sozialdemokratie eine Menge von Berührungspunkten finden, die Gegensätze glätten und die beiden an und für sich durch eine Weltanschauung getrennten politischen Parteien einander näher bringen. Gerade deshalb muß jeder Volksfreund wünschen, daß der Gedanke schwarz-roten Bündnisses auch für die Zukunft nie ganz fallen gelassen wird, denn ihm liegt ein volkswirtschaftlich sehr ideeller Kern zugrunde." Er ist allerdings sehr „ideell", dieser Kern, der gemeinsame instinktive, plebejische, Haß gegen den Besitz. Hier finden sich die beiden bayerischen Massenparteien der klerikalen und der sozialen Demokratie tatsächlich geeint. Es ist ein Zeichen von dem kulturellen Tiefstand der beiden Parteien, dieser Haß, dessen wirtschaftliches Prinzip der Neid ist, der das beste Auskommen in der Niederhaltung des Nachbarn sieht. Die Unfähigkeit, den Weg vom Individuum zur Persönlichkeit zu finden, zur eigenen Le.bensgestaltung, zum wirtschaftlichen Erfolg, das ist das Wesen des „christlich-sozialen" Geistes der Wiedergeburt stumpfer, mittelalterlicher Denkungsweise, die lieber ein Haupt fallen sieht, als daß es sich über das Niveau des andern erhebe. Das Wehen desselben muffigen Geistes verspüren wir in der Pastorenkultur, die ein Stöcker mit Genossen dem deutschen Volke beibringen möchten. In Bayern besorgt das der geistesverwandte Klerikalismus, der Milchbruder unserer Orthodoxie, und das nennt man dort katholisch-konservative Politik treiben, mit ermunterndem Blinzeln nach oben. * Man spricht wieder viel von einer russischen Anleihe, für die Herr Witte in Deutschland wie in Frankreich und am meisten in Amerika den Boden urbar machen soll. Nur selten wird dabei eine schüchterne. Mahnung an die Finanzwelt laut, doch auch der unglücklichen russischen Juden zu gedenken und vor Abschluß des Geschäfts für sie gewisse Garantien zu fordern. Wenn schon die Nachkommen frommer und großer Männer im Judentum die Mörder von Kischinew und Homel finanziell zu rangieren unternehmen, so sollten sie dabei doch auch gewisse Garantien für die künftige Stellung der russischen Juden fordern. Dies gilt in erster Linie vom Hause Rothschild! Aber wir gestehen offen, daß wir in dieser Beziehung viel mehr auf die amerikanischen Finanziers vertrauen als auf die europäischen. , Rußland hat, das läßt sich nicht leugnen, einen sehr schlechten Namen in den Vereinigten Staaten, und dem . bisherigen russischen Botschafter in Washington, Grafen Cassini, ist es trotz heißer Bemühungen, wobei er es mit der Wahrheit nicht immer genau nahm, nicht gelungen, die Amerikaner von der Vortrefflichkeit der russischen Einrichtungen und der Humanität der russischen Regierung zu überzeugen. Seit der Schilderung der sibirischen Greuel durch amerikanische Schriftsteller bis in die allerjüngste Zeit, wo der Widerhall der Ereignisse von Kischinew gerade in Amerika am kräftigsten sich äußerte, hatte die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten stets überaus wenig für Rußland übrig. Dort ist aber die öffentliche Meinung eine bei weitem stärkere Macht als anderswo, und wenn Amerika wirklich eine Anleihe bewilligen oder in irgend ein offizielles Freundschafts- oder gar Bundesverhältnis mit Rußland treten wollte, so könnte dies, sofern die Amerikaner sich nicht selbst verleugnen wollten, nur mit einem fortschrittlichen Rußland geschehen. Die französische Demokratie läßt sich das Bündnis mit dem reaktionären Rußland gefallen; die amerikanische Demokratie könnte, so sollte man meinen, nur mit einem fortschrittlichen Rußland an einem Strange ziehen. Man kann dies schon an einer ziemlich geringfügigen Tatsache sehen. Durch die Presse ging in diesen Tagen die Mitteilung, daß allen Reisenden jüdischen Glaubens, nicht nur den Kaufleuten, soweit sie Amerikaner sind, wie der amerikanische Gesandte in Petersburg durch Zirkulare an die amerikanischen Konsuln bekannt macht, nach neuen Bestimmungen der unbeschränkte Aufenthalt im russischen Reiche gestattet worden ist. So meldete der „Petersburger Herold". Andere Blätter fügten dieser Mitteilung hinzu, man sage, diese Rechte seien auch anderen Ausländern jüdischen Glaubens eingeräumt worden. Dies ist aber nicht wahr! Nachdem freisinnige Abgeordnete wiederholt im Reichstag darauf hingewiesen haben, wie nötig es ist im Interesse des deutschen Handels, daß die Beschränkungen, denen bisher die deutschen Reisenden jüdischen Glaubens in Rußland unterworfen waren, gänzlich aufgehoben werden, und nachdem der Staatssekretär des Auswärtigen Amts in dieser Hinsicht wohlwollende Erklärungen abgegeben hat, so darf man nun wohl gewärtigen, daß auch seitens des Auswärtigen Amts baldigst die notwendigen Schritte geschehen, um.die deutschen mit den amerikanischen Juden in Rußland gleichzustellen. Die Zeitungen brachten in dieser Woche kurze Nachrichten über einen Aufstand gegen die Juden in Persien. Die „A. I. U." verbreitet darüber das folgende Bulletin: „Die Juden in Schiras hatten in den letzten Wochen unter hestigeu Ausbrüchen des mohammedanischen Glaubensfanatismus zu leiden. Aus ganz unbedeutendem Anlaß entfesselten mehrere Mollahs (Geistliche) eine arge Hetze gegen sie und versuchten, sie durch Einschüchterung jeder Art und offene Gewalttaten zur Annahme einer schimpflichen, sie kennzeichnenden' Kleidertracht zu zwingen. Nach einem Bericht des Herrn Schanker, des Direktor der Aüianceschülen in Schiras, vom 10. Juni erfolgte am Sonntag den 4. Juni ein Ueberfall auf die friedlich im Bazar ihrer Beschäftigung nachgehenden jüdischen Händler. Ein Teil von ihnen wurde verwundet, vielen wurden die Hüte zerschnitten, die Kleider zerfetzt. Trotz des sofortigen I Eingreifens des englischen Konsuls, der sich, begleitet von seinen sechs

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