Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 Nachdem man sich so entschlossen, auch nicht einmal bildlich mehr an die serne Heimat politisch zu denken, widmeten die Juden Amerikas, soweit ihre Privatangelegenheiten es nur irgend zuließen und ' sehr oft auch darüber hinaus, ihre Geisteskräfte und das Interesse ganz dem Vaterlande, das sie als vollständig gleichberechtigte Bürger behandelte. Dabei hat sich das Verhältnis zwischen den christlichen und jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten so gestaltet, daß es geradezu ein ideales genannt werden kann. Man sieht also: weder dem Staate noch der Kirche gereicht. die menschliche und gerechte Behandlung der Juden zum Schaden, und gerade die zuweilen so arg perhorreszierten Reformjuden erleichterten und beschleunigten den Uebergang vom Ghettojudentum zum Staatsbürgertum. Das aber wollen ja die Antisemiten nicht; darin ist gerade der Grund ihrer Abneigung gegen die Reformjuden zu suchen, nicht etwa in der Minderwertigkeit der letzteren in religiöser oder ihrer Politischen Gesinnung ip bürgerlicher Beziehung. Die christlichen Gegner der Resormjuden kennen die wahren Unterschiede zwischen Reform- und Altjuden überhaupt nicht, die in der Tat für Outsiders kaum irgend welches wesentliches Interesse haben können. Aber sie sehen in den Reformjuden moderne Menschen, die es ihnen erschweren, ihren Haß gegen die Juden gebildeten und vorurteilslosen Männern plausibel zu machen. Bewußt oder unbewußt ist jedoch ohne Zweifel der Grund zur Abneigung gegen Reformjuden auch bei solchen, die nicht Antisemiten im schlimmsten Sinne sind, der, daß moderne Juden nicht so gehänselt, gedemütigt, mißbraucht werden können, wie in früheren Zeiten die Hofjuden, die Schacherjuden rc. Es gibt aber leider auch eine ganze Anzahl Menschen, die solche Leute zur Kurzweil brauchen, und die sich benachteiligt glauben, wenn ihnen das Material entzogen wird. Man findet diese Sorte gerade heute noch bei unseren Konservativen. In ihre ererbten Vorstellungen paßt der Reformjude nicht hinein; dieser hat den Altjuden verdrängt, auf den Aussterbeetat gesetzt, und daher ist er ihnen unbequem, verhaßt, und sie suchen da, wo sie Einfluß haben, die Anschauung beizubringen, daß der Reformjude, bei ihnen meist schon jeder modern gekleidete, ein korrektes Deutsch redende, sich manierlich benehmende Jude, irreligiös, revolutionär, staatsgefährlich und weiß Gott was noch ist. Den Staat gehen die Unterschiede zwischen Reformjuden und orthodoxen Inden gar nichts an. Dagegen hätte der moderne Staat, wenn es ihm, wie es sein müßte, um möglichst schnelle, möglichst vollständige Gleichstellung zu tun ist, eigentlich gerade diese Richtung begünstigen sollen; oder da das von den Reformjuden durchaus nicht verlangt oder erstrebt wird, durfte er sie wenigstens nicht benachteiligen und mißtrauisch behandeln. Daß diese Unterscheidung aber den Frieden nicht stört, das sehen wir in den Ländern, die die volle Gleichberechtigung durchgeführt haben. Die Menschen ertragen dort heute im Gegensätze zu früher viel eher religiöse, als andere mehr in die Augen fallende Unterschiede. Nun denn, das sogenannte Reformjudentum, zu dem ja die überwiegende Majorität der deutschen Juden gehört, wird sich weder durch Abneigung noch durch Gunst in seiner Bahn, die aufwärts führt zu den Idealen der Propheten und Psalmisten, irgendwie beirren lassen. Sein Ideal ist: Unbedingte Glaubenstreue im Bunde mit dem Fortschritt auf allen Gebieten menschlichen Lebens. In dem Streben nach - diesen Idealen weiß es sich eins mit den größten Männern des gesamten geschichtlichen Judentums und mit den edelsten Geistern aller Völker. ' Dir Woche. Berlin, 8. August. ie zionistische Bewegung befindet sich in einer schweren Krise, die allerdings seit dem Tode ihres Führers latent war,, die nun aber auf dem Kongreß in Basel mit Naturnotwendigkeit zum Ausbruch kommen mußte. Zwei grundverschiedene Richtungen kämpften dort um den Primat: die eine, die Zione Zion, die streng auf dem Boden des sogenannten Basler Programms steht und nur für Palästina arbeiten will, die andere, die sogenannten Territorialisten, die zwar auch aus demselben Boden zu stehen behaupten, die aber zunächst irgend ein Territorium auf der weiten .Welt als rechtlich gesicherte Heimstätte für alle aus ihrem Vaterlande vertriebenen Juden erringen möchten. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß. ..uns diese Richtung viel näher steht als die erstere und daß ein Zusammenarbeiten mit ihr von vornherein keineswegs ausgeschlossen ist. Diese beiden Richtungen sind aber durchaus nicht etwa landsmannschaftlich zu scheiden, wie vielfach irrig behauptet wurde. Gerade der letzteren gehören überwiegend Russen und Engländer an. Die Deutschen sind in beiden Richtungen vertreten. Im übrigen ist es gerade die deutsche Landsmannschaft, die überall auf die Pflege der Kultur sieht und erreichbare Ziele verfolgt. Die Heftigkeit, mit der beide Richtungen auseinanderstießen, kann niemand wundern, der die Vorgeschichte dieser Kämpfe aufmerksam verfolgt hat. Es fragt sich nun, welche Richtung die Oberhand gewinnen wird. Numerisch ist die Palästinagruppe weitaus zahlreicher; indes das will nicht viel besagen. Und am Ende kommt doch noch ein Ausgleich auf mittlerer Linie zustande, wenn erst die Gemüter sich wieder beruhigt haben. Dieser Ausgleich würde aber, soweit wir die Stimmung kennen, eher der territorialistischen Richtung zugute kommen. - ' Unsere Stellung zu dieser ganzen Bewegung bleibt die bisherige. Wir lehnen den politischen Zionismus, der an ein Palästinareich denkt, mit aller Entschiedenheit ab, ohne deshalb die Vorteile zu unterschätzen oder zu übersehen, die die Bewegung für weite Kreise gehabt, die dem Judentum fast abgestorben waren und die nun wieder für dasselbe gewonnen sind, sofern die ganze Renaissance mehr ist, als ein rasch verprasselndes Strohseuer. Auch verkennen wir keineswegs, daß die zionistische Partei sich in den letzten Jahren stark gemausert und an der positiven Arbeit der westeuropäischen Judenheit redlichen Anteil genommen hat. Die Bemühungen, ein Nachtasyl für die unglücklichen Juden aus dem Osten in irgend einem Lande des bewohnten Erdenrunds zu finden, haben sicher die volle Sympathie nicht nur aller Juden, sondern aller Menschenfreunde überhaupt. Alles aber, was darüber hinausgeht und von einem jüdischen Reich in Palästina träumt, erscheint uns und mit uns der.überwiegenden Majorität aller Juden als eine schädliche Utopie. & Das bayerische Zentrum scheut sich schon längst nicht mehr, mit seinem Antisemitismus zugleich den Antikapitalismus kräftig zu betonen, aus Spekulation aus die niedrigen Instinkte breiter, plebejischer Wählermassen. Die Christlich-Sozialen dienen ihm dabei als Nobelgarde. Man sollte zwar meinen, daß das katholische Kirchentum, dessen Stiftungsvermögen in Bayern ca. 526 Millionen Mark, also ungefähr so viel wie der dritte Teil der bayerischen Staatsschuld, beträgt, ebenfalls eine recht kapitalistische Institution darstelle. Allein das Zentrum braucht den Antisemitismus