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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-11 · Heft 32 (11.8.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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69. Jahrgang. No. 32. Berlin, 11. August 1905. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*« Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/^9, 3« richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteh'Lhrl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». Nkkormjuden. Berlin, 9. August, enn man sich bei einer auf Ungerechtigkeit und Unvernunft basierenden Bewegung wie die antisemitische über Mangel an Logik verwundern dürfte, dann müßte man überhaupt sich nicht am wenigsten darüber wundern, daß den richtigen Antisemiten ganz besonders die sogenannten Reformjuden verhaßt sind.. Sie haben das noch jüngst sehr lebhaft und feierlich erklärt. Sie und mit ihnen Männer, die nicht gerade Antisemiten sind, sogar in maßgebenden Kreisen, ziehen den Reformjuden, die sie seltsamerweise für die Kerntruppen der fortschrittlichen Parteien zu halten geneigt sind, eingestandenermaßen die Juden alten Schlages, ja ältesten Schlages, wie sie in Deutschland kaum noch, dagegen in großer Anzahl in Rußland, Galizien, Ungarn, Rumänien und gar im Orient existieren, bei weitem vor: die Juden in anderer Tracht, die sich' ängstlich und in jeder Beziehung abschließen und schon äußerlich sich zu erkennen geben. An sich sehen wir ja nicht ein, weshalb Inden in jenen genannten Ländern nicht auch gewisse äußerliche Merkmale zu zeigen das Recht haben sollten, wie viele Volksstämme in fast jedem dieser größeren Reiche; warum sie nicht auch ein eigenes Idiom haben sollten, ohne darum schon als Fremde zu gelten, wie in jenen. Ländern dort fast jede Provinz. Ganz gewiß aber .dürften doch diejenigen am wenigsten über die Reformjuden klagen, die ihren Antisemitismus damit begründen, daß die Juden „ein Fremdkörper" seien und bleiben wollen; denn diese Reformjuden zeigen doch gerade durch ihre Bestrebungen, daß sie das nicht wollen, Keineswegs mit Recht, aber doch mit einem gewissen Schein von Recht, könnte man eher sagen, die orthodoxen Juden wollen vom übrigen Volke sich absondern; sie denken noch immer an Zion, beten für die Wiedererrichtung des Davidischen Reiches und erhoffen die Rückkehr nach dem gelobten Lande. Indessen auch die orthodoxen Juden verstehen unter dem, was sie so inbrünstig erflehen, etwas ganz anderes als die Worte besagen. Das Davidische Reich, Zion, der Wiederaufbau des Tempels sind ihnen wie uns nur Symbole für ein ideales Ziel, wie andere Religionen es auch haben. Politisch haben sie auch nicht die allergeringste Bedeutung. Den besten Beweis hierfür gibt ja die Haltung nahezu der gesamten jüdischen Orthodoxie gegen- - über dem Zionismus. Selbst diejenigen, die hoffnungsvoll aus die Bewegung sahen und sich ihr anschlossen, taten es, wie wir jetzt sehen, fast durchweg nur aus Rücksicht auf die Drangsale, denen die Juden in Rußland und einigen anderen östlichen Ländern fortwährend ausgesetzt sind. Die Juden, die man nun mit jenem Schimpfwort/das aber für sie ein Ehrentitel ist, belegt/erstreben gerade die möglichste Assimilation mit den Völkern, tn deren Mitte sie wohnen, und sie halten diese für durchaus möglich, für möglich, ja für'tatsächlich bereits durchgeführt,. daß sie b i s a u f ich re n Glauben ganz Deutsche, Engländer, Amerikaner rc. werden. Die Rabbiner- Konferenz in Cleveland, von der Beschlüsse gefaßt wurden, die das Gesamtjudentum ohne weiteres annehmen darf, und der Tod des Justizrats Hermann Stern, der als der charakteristische Typus des deutschen Resormjuden gelten konnte, der aber auch zugleich der edelste und beste Jude an sich war, bieten geeignete Veranlassung, der Sache gerade jetzt näher zu treten. Die Reformbewegung unter den Juden ist deutschen Ursprungs. Im Lande der Ideologen par excellence ift biß Idee entstanden, die sogar insofern das Schicksal so vieler zuerst in Deutschland aufgetauchten Ideen teilt, als sie ihre ausgiebigste praktische Verwertung, ihre beste Verwirklichung zunächst im Auslande gefunden hat. Wenn das deutsche Vaterland noch nicht die vollen und die besten Früchte dieser Geistesbewegung genießt, so rührt das zum Teil von der Schwerfälligkeit der regierenden Kreise her, die nicht so bald die Konsequenzen zogen, vielleicht ziehen konnten; zum Teil ist es auf die kirchlichen oder antisemitischen Hetzereien zurückzuführen. Amerika, das nicht nur keine Burgen und Schlösser, sondern auch keine Ghettos hatte, war besser daran als unser Kontinent, der alte. In dem Lande mit einer politisch freien Verfassung, mit einer Bevölkerung, die bei allen: religiösen Eifer nichts soperhorresziert als religiöse Intoleranz und gar Gewissenszwang, in dem Reiche mit unbegrenzten Möglichkeiten sich wirtschaftlich unabhängig zu machen oder doch sein Durchkommen zu finden, konnten die eingewanderten Juden sich ohne Druck und Zwang bestens entwickeln. Hier fand denn auch die in Deutschland entstandene jüdische Reformbewegung den geeignetsten Nährboden. „Wir erkennen, heißt es in der seinerzeit von der Rabbiner-Konferenz in Pittsburg angenommenen Erklärung, in der modernen Aera allgemeiner Herzens- und Verstandesbildung das Herannahen der Verwirklichung der großen messianischen Hoffnungen Israels auf die Herrschaft von Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen.' Wir betrachten uns nicht länger als eine Nation; sondern als eine religiöse Gemeinschaft und erwarten daher weder eine Rückkehr nach Palästina noch einen Opferdienst unter den Nachkommen Aarons, noch die Wiederherstellung irgendwelcher aus einen jüdischen Staat bezüglicher Gesetze."

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