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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-04 · Heft 31 (4.8.1905) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Herzenslust tummeln können, wenn sie nicht amMeeresufeu spielen. Zur Vollendung fehlen noch eine große geschlossene Spielhölle und ein Badehaus am Strande. Der Vorstand hat sich entschlossen, den -Bausofort vorzunehmen, damit beides schon im Sommer? zur Benutzung gelangen kann. Der Verein hofft, daß ihm die Mrzu nötigen 15000 Mark durch wohltätige Spenden noch zugehen werden. Die Zahl der Kinder betrug im vorigen Jahre 213, und zwar 103 Knaben und 110 Mädchen. Der Vorstand besteht aus folgenden Herren und Damen: Ludwig Mathiason, Vorsitzender; Jc. Gotthelf; I. Katzenstein, Lehrer an der Talmud-Thora-Realschule; Dr..med. B. Levy; Emil Magnus; Herm. S. Meyer, Verwalter; Dr. jur. Richard, Pels; Hermann Schöning, Kassierer; Frau Eduard Hamberg; Frau, Jenny Liepmann; Fräulein Mary Marcus, Vorsteherin der Israelitischen Töchterschule; Frau Mathilde Wertheim. . ----- Wiesbaden, 31.' Juli. Durch die Tagespresse geht eine interessante Notiz über jüdische Dörfer. Während es in Rußland und .Oesterreich eine große Anzahl von Städten und Dörfern gibt, in denen die Juden die Mehrheit der Einwohner bilden, dürfte ein solcher Ort in Mitteldeutschland eine Seltenheit ^und deshalb der Erwähnung wert sein. Es ist das Dorf Rhina in der Provinz Hessen-Nassau, das (nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1900) /unter 569 Einwohnern 297 Juden zählt. Der Grund für den hohen prozentualen Anteil der Juden dürfte darin zu suchen sein, daß die Juden in Hessen früher nur ein örtlich sehr beschränktes Wohnrecht . hatten und daß gerade die Ritterschaft, zu der der Ort Rhina gehörte, den.Juden zum Wohnen freigegeben war. Im Gemeinderate zu Rhina sind unter 12 Mitgliedern 9 Juden. Orte, in denen die Juden ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, gibt es übrigens in Deutschland mehrere; wir nennen z. B. Rexingen (Württemberg) mit 387 Juden unter 1080 Einwohnern, Buttenhausen (Württemberg) mit 229 Juden unter,677 Einwohnern, Gailingen (Baden) mit 666 Juden unter 1702 Einwohnern, Klein-Eichholzheim (Baden) mit 74 Juden unter 223 Einwohnern. Es ist bemerkenswert, daß alle diese Orte in Süddeutschland liegen. In den preußischen Ostprovinzen, insbesondere in Posen, in denen es früher Orte mit sehr dichter jüdischer Bevölkerung/gab, existiert unseres Wissens heute kein Ort mehr, in dem der Anteil der Juden unter der Gesamtbevölkerung 20 Prozent erreicht. Die relativ stärkste jüdische Bevölkerung dürften, .töte die „Zeitschrift für jüdische Statistik" feststellt, .in der Provinz Posen die Orte Janowitz mit 223 Juden unter 1566 Einwohnern und Kempen mit 1059 Juden unter 5718 Einwohnern aufweisen» was einem Prozentsätze von 14,24 bezw. 18,52 entspricht. Oesterreich-Ungarn. LH Wien, 1. August. Damit man in Deutschland weiß, wie unsere antisemitischen Volksvertreter aussehen, sende ich Ihnen in dieser stillen Zeit ein allerliebstes Stimmungsbildchen, das die „Arbeiterzeitung" aus dem niederösterreichischen Gewerbeausschuß mitteilt: »,Abgeordneter Schneider kam vollständig besoffen zur Sitzung. Zuerst versuchte er mit lallender Stimme verschiedene Abgeordnete in ein Gespräch zu ziehen; als sich aber niemand mit ihm einlassen wollte, setzte er sich nieder und schlief sofort ein. Dann schlief und schnarchte er durch die ganzen zweieinhalb Stunden, die die Sitzung dauerte. Einmal kam ein Diener und überbrachte ihm einen Zettel. Schneider war aber so volltrunken, daß er nicht imstande war, seine Brille aufzusetzen. Mitten in dem Versuche, den Zettel ohne Brille zu lesen, wurde er wieder vom Schlafe übermannt und schnarchte dann zum Entsetzen der Redner nur noch lauter." — Im „Pesti Naplo" bricht ein Jude in einem zwei volle Spalten langen Artikel eine Lanze für die 116 russischen Juden, denen die Ansiedlung in Ofenpest Nicht gestattet wurde. Nachdem er sagt, daß ein Land um so glückt sicher sei, je dichter die Bevölkerung ist, gelangt er zu der Schlußfolgerung, daß Ungarn nicht 20, sondern 80 Millionen Menschen erhalten könne. Sodann beleuchtet er die Ursachen der Abneigung gegen die russischen Juden. Was den körperlichen Schmutz anlangt, sind seiner Ansicht nach die Slowaken auch nicht reinlicher als jene Juden, und selbst die ungarischen Bauern trinken wohl das Wasser der Theiß, aber baden wollen sie darin nicht; nur merkt man bei letzteren den Schmutz an der volkstümlichen Kleidung nicht, während er am Kaftan und Zylinder gleich auffällt. — Die sozialdemokratische. Partei hat in Fünfkirchen ein Lass alledenkmal; das erste in Ungarn, errichtet. Schweix § Basel, 30. Juli. Am 27. d. M. wurde Hier der 7: Zionistenkongreß eröffnet. Unter den zahlreich Erschienenen herrschte eine zumeist sehr erregte Stimmung, die schon inden Vorberatungen, besonders »in der russischen Landsmannschaft, zu heftigen Zusammen-' stößen geführt hat. Es sind die Fragen: Reiner Palästina-Zionismus oder Territorialismus?" „Nur politischer Zionismus oder Gegenwartsarbeit in praktischer Kolonisationspolitik?" welche die Gemüter manchmal bis zum Siedepunkt, erhitzten. Die erste Sitzung war dem Andenken Dr. Theodor Herzls gewidmet. Dr. Max Nordau, Paris, der. obwohl sichtlich gesundheitlich schwer leidend, dem Kongreß vorsteht, widmete seinem verstorbenen Freunde Herzl einen warmen Nachruf. - Er entwarf ein Bild seines Wesens und seiner Entwicklung, wie der bis zu seinem 35. Lebensjahr allein von literarischen und künstlerischen Bestrebungen erfüllte Mann dazu kam, über das Judenproblem nachzudenken und dann ganz aus sich heraus das Projekt deS „Judenstaats" gebarwie viele Hoffnungen, wie viele Enttäuschungen ihm dieser Plan gebracht hat, bis er allzufrüh, im Alter vott 44 Jahren (nach der altjüdischen Kalenderrechnung gestern vor einem Jahr) dahingerafft wurde. Nordau nannte ihn ein „Willensgenie", der „mit beinahe mystischer Zielsicherheit" gearbeitet hätte. Es sei ihm nicht die Zeit dazu gelassen worden, er habe zu wenig Anhänger gehabt. Trotzdem feien die moralischen, erzieherischen Erfolge seiner Wirksamkeit unermeßlich groß. Nordau schloß: „Ewig in des Volks Gedächtnis lebt dein Werk und lebt dein Bild." Zum Zeichen der Trauer wurde sodann die erste Sitzung geschlossen. Es fand am Vormittag noch ein Trauergottesdienst für Herzl in der Baseler Hauptsynagoge statt. In der Sitzung vom 28.- d. M. wurde das Bureau konstituiert. Durch Zuruf wurden gewählt: Max Nordau, Paris, als Präsident, D. Wolffohn, Köln, Dr. Alexander Marmörek, Paris, Ingenieur Temkin, Elisabethgrad, Dr. Köhan-Bernstein, Charkow, Sir Francis Montefiore- London, zu Vizepräsidenten, ferner eine größere Anzahl Beisitzer. Als hierunter auch der Name des Ingenieurs Ussischkin-Jekaterinoslaw, genannt wurde, der seit Jahren für die sofortige kolonisatorische Arbeit in Palästina eintrat/ erhob sich im Hintergründe des Saales bei den russischen „Territorialisten" ein heftiger, lärmender Widerspruch, doch blieben die Gegner seiner Wahl in der Minderheit. Sodann folgte der Bericht des Aktionskomitees, den Oskar Marmörek erstattete. Die Diskussion rief große Stürme hervor. Dr. Syrkin, der Führer der russischen sozialistischzionistischen (territorialistischen) Partei bezeichnte den Antrag Ussischkin, jede Arbeit außerhalb Palästinas als nicht in das Gebiet des Zionismus fallend zu erklären, als einen Staatsstreich, durch den .man . die Territorialisten heute bereits hinauswerfen will, um morgen bei Besprechung der Ugandasrage leichteres Spiel zu haben Er beantragte, dem Präsidenten ein Mißtrauensvotum zu erteilen, mit dem Erfolg, daß die Kongreßmajorität in eine begeisterte Huldigung für Nordau ausbrach. In der Sitzung vom 29. d. M. wurde endlich über das Ostafrika-Projekt debattiert. L. Greenberg erstattete einen kurzen Bericht über das bereits durch die Presse bekannte Elaborat der zionistischen Forschungsexpedition der Herren Major Gibbons, Professor Kaiser und Ingenieur Wilbusch, das ungünstig lautet. I. Zangwill trat dafür ein, ein besser geeignetes Kolonialgebiet von der englischen Regierung zu erbitten. Er kritisierte scharf die Tätigkeit der Gruppe, die trotz der Weigerung des Sultans, eine autonome Kolonisation in Palästina zu gestatten, nur in Palästina arbeiten wolle. Uebrigens könne nicht ein Staat» wenn sie ihn auch erreichten, das Volk schaffen, sondern das Volk / müsse den Staat. schaffen. Das ursprüngliche Angebot der englischen Regierung sei günstig gewesen, man müsse daher um die früher in Aussicht. gestellte Konzession bitten.. Sir Francis. Montefiore trat für den Palästinaplan der Zionisten ein. Die Debatte wurde von den folgenden Rednern so erregt geführt, daß die Vormittagssitzung unter stürmischen Szenen geschlossen. wird. 120' Redner -hatten, sich zum Worte.gemeldet. In der Nachmittagssitzung war Fortsetzung der Debatte. Das Mitglied der.zionistischen Leitung. Josef Cowen beantragte folgende Resolution: „Der Kongreß beschließt, der britischen Regierung seinen Dank für

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