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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-04 · Heft 31 (4.8.1905) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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Handelsmann aus der Stadt, der Geschäfte, halber schonk seitr Jahren das Dorf besuchte. Weit und breit kannte Man. den' ehrlichen Mann, welcher in keiner Weise die Bauern zu übervorteilen versuchte, sondern nur redlichen Handel trieb, so daß man gern mit dem alten Rosenkranz zu tun hatte. Trotz seines bescheidenen Auftretens galt der Hausierer für wohlhabend, und manchem Landmann half er schon in der Rot mit einem .kleinen Kapitale aus, von welchem er nur die üblichen Zinsen nahm. Rosenkranz hatte, da er den Schnaps nicht liebte, nur wenig von dem herumgehenden Glase genippt und beteiligte sich nur gering an der immer erregter werdenden Unterhaltung. Da warf einer der betrunkenen Knechte. das Glas auf den Boden und schrie, auf den alten Handelsmann losschimpfend : „Ungeladene Gäste gehören, unter den Tisch! — Aus dem. Glas trink" ich nicht!" Und dabei schlug der benebelte Bursche mit der Faust auf den Tisch, daß Schüsseln und Gläser in die Höhe sprangen. Das war das Signal für die rohen Gesellen, über die israelitischen Händler im allgemeinen und über den armen Rosenkranz im besonderen herzufallen. „Hast Recht, Jochen! Es ist ein Skandal, solchen Vernichter aller redlichen Geschäfte am Tisch zu haben!" lärmte Meyer Schulzen Heinrich. „Die Kerls wollen einen übervorteilen oder haben's schon getan!" schrie Niemüllers Kleinknecht. „Bösewichte! — Herzlose Menschen!" „Geschäftsmann bin ich, wie viele andere, und weiter nichts!" suchte sich der arme Rosenkranz zu verteidigen. . Der zu Unrecht so grob Behandelte wollte, eben noch etwas entgegnen; er kam aber nicht dazu, denn der ganze Chor brüllte dermaßen auf ihn zu, daß eine Löwenstimme dazu gehört hätte, durchzudringen. Als aber einige Stimmen laut wurden: „Hinaus mit ihm!" packte der Handelsmann still seine Sachen zusammen und schickte sich an, das ungastlich gewordene Haus zu verlassen. Doch ungefährdet sollte er seine Rückkehr nicht bewerkstelligen. Ein Paar wüste Gesellen waren aufgetaumelt, hatten den schwächlichen Mann am Kragen gepackt und machten Miene, ihn hinauszuwerfen. Da trat Plötzlich der junge Wichard, welcher im Zelte den immer mehr wachsenden Skandal gehört, ins Zimmer. „Welcher Schurke erfrecht sich," rief er mit Donnerstimme den auseinanderstiebenden Knechten zu u.nd warf zwei von ihnen krachend an die Wand, „hier einen meiner Gäste, sei es Jude oder Christ, zu beleidigen? Nie soll die Ehre meines Hauses durch eine solche Schmach besteckt werden! Wäre nicht heute mein Hochzeitstag, ich würde Euch zu Paaren treiben, daß Euch Hören und Sehen vergingen. Kommt Rosenkranz! Ihr sollt an unserem Tische Platz nehmen!" Und damit zog er den halb Widerstrebenden an die Festtafel herüber. Auch hier ging es lebhaft zu, jedoch ohne Streit. Der „Zeltinger" und „Muskatlünell",. Hauptweine , der ländlichen Hochzeiten, hatten die Zungen gelöst. Der Pastor erzählte von seinen Reisen in Italien, welches er als Hauslehrer mit einer gräflichen Familie durchzogen hatte, und auch der junge Ehemann mußte wieder von seinen Kriegserlebnisien zum Besten geben, was er ja gerade nicht ungern tat. Auch zu Tischreden begeisterte der „köpfige" Festwein. Zuerst wurde auf das Wohl der jungen Eheleute toastet. Dann brachte man ein Hoch auf den König und ersten Kriegsherrn Wilhelm. Hierzu hatte Gustav Wichard sogar einen Vers gedichtet. Ferner bekam der Herr Pfarrer sein „Hoch", der als Gegenrede die Altmark, die Wiege der preußischen Monarchie, leben ließ. Die Tischreden mußten schließlich fast ansteckend wirken. Ein halbes Dutzend sprach, zu gleicher Zeit Mer alles Mögliche, und wenn nicht die Tafel aufgehoben worden wäre) um den Speiseraüm in einen Tanzsaät zu. verwandeln, der alte Rosenkranz wäre am Ende auch noch einem Trinkspruch zum Opfer gefallen. Der aber hatte sich, als die.Wogen der Tischreden stürmisch zu werden anfingen, geräuschlos entfernt. Nun nahm die. Tänzbelustigung ihren Anfang. Eine saure Aufgabe erwächst der jungen Frau beim Beginn des Hochzeitsballes insofern, als sie mit dem Brauttanze den Reigen zu eröffnen hat. Jeder geladene Mann, gleichviel ob er verheiratet oder unverheiratet ist, wird von der Gefeierten des Tages zu einer Rundtour engagiert, und es wäre eine Beleidigung, wenn die neue Gattin dabei jemanden überginge. Das Ding hat aber noch eine praktische Seite, denn für die Ehre müffen die Herren des starken Geschlechts die Musik honorieren. Marie und Gustav hatten sich zum Ausruhen auf eine halbe Stunde in ihr Staatsstübchen zurückgezogen. Hand in Hand saßen sie auf dem Sopha. Vom Tanzsaal drang ausgelassener Lärm in das Zimmer. Er vermochte aber nicht, die jungen Leute zu stören. „Du bist gewiß totmüde vom angestrengten Tanzen?" fragte besorgt der Ehemann und streichelte zärtlich seiner Frau die hochgeröteten Wangen. „Etwas wohl!" gab sie freundlich zurück, indem sie das Köpfchen ruhesuchend an seine Brust lehnte. „Ich kann aber noch gar nicht den armen Gestürzten vergessen. Ach Goth Gustav! Das Unglück soll ja auch uns in der Ehe kein Heil verkünden, das macht mich doch so bang!" „Sei nicht so töricht, Marie, und glaube an solche Narrheiten! Helmke war mir stets ein guter Freund und niemand beklagt wohl tiefer seinen Unfall als ich. Aber wir können das Geschehene doch nicht ändern, und heute müssen wir. das Unglück unserer vielen Gäste wegen schon möglichst zu vergessen suchen!" So sprachen beide noch lange zusammen. Es ist sonst auf dem Lande eben nicht Sitte, daß Liebesleute gegeneinander sich mit Zärtlichkeiten überhäufen, und auch Gustav und Marie hatten sich bisher stets damit begnügt, bei der Begrüßung und Trennung sich nur herzlich die Hand'- zu drücken. Heute jedoch-hatten sich beide liebevoll umfaßt und küßten einander innig. „Denn die Liebe findet sich hernach von selbst!" sagt ein gängig Sprichwort, und es hat nicht immer Unrecht. (Fortsetzung folgt.) * SMchsasl. Hochverehrter Herr Redakteur! >L^estatten Sie, auf einen Irrtum Ihres trefflichen Iwri aus Wien hinzuweisen: „Simsons Blendung" ist nicht von Rubens, sondern von Rembrandt. Rembrandts Genius und Rembrandts Kraft, biblische Helden zu schildern, war es vor allem, daß die Frankfurter alles aufboten, um in den Besitz dieses Bildes zu gelangen. B erlin, 22. Juli. Ergebenst Dr. Rosen Wasser. * Geehrter Herr Redakteur! .^^er verstorbene Jnstizrat Hermann Stern I. war nicht der Sohn des bekannten Schuldirektors, sondern sein Neffe. Hermann Sterns Vater war Arzt in Aruswalde. Berlin, 28. Juli. Ergebenst G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: ^Max Bauchwitz in Berlin-

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