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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-04 · Heft 31 (4.8.1905) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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371, Fassungslos begegnete der junge Künstler diesem, ersten großen Schmerz in seinem Leben und fast droht er demselben zu erliegen; da ist es abermals die Mutter, die mit weitausschauendem Blick die Rettung da sucht, wo sie einzig und allein für. den Jüngling zu finden ist: in der Liebe! Sie führt ihm ein junges, blühendes Mädchen zu und in dieser, der Tochter ihrer Schwester, für die er schon längst eine stille Neigung im Herzen trägt, findet er die treue Gefährtin, mit der ihn bis an sein Lebensende innigste Gattenliebe verbindet. (Schluß folgt.) Der alte Solenkran?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Robolsky. II. agen auf Wagen rollten jetzt in das Dorf, und fast alle Höfe hatten Gäste zu beherbergen. Es ist aus dem Lande der Platten Altmark eine schon althergebrachte Sitte, daß bei einer so großen Festlichkeit, wie die einer Bauernhochzeit, von allen Einwohnern des betreffenden Dorfes, welche es irgend stellen können, Gastfreundschaft geübt wird, da selbst der wohlhabendste Festgeber nicht imstande ist, die Menge der geladenen Gäste unterzubringen. Gegen 11 Uhr trat alles zum Hochzeitszuge an. Erst kamen die Brautjungfern, in hellen Kleidern und mit reichlichem Blumenschmuck im Haar. Dann folgten andere hübsch aufgeputzte Mädchen, denen sich unmittelbar die Freunde und Bekannten des Bräutigams anreih'ten. Den Schluß bildeten die alten Leute und die Armen des Dorfes. Nun stellte sich das Brautpaar an die Spitze des stattlichen Zuges. Die Gefeierte trug ein lilafarbenes Seidenkleid, reich mit Spitzen garniert. Im Gürtel steckte an einer goldenen Kette eine prachtvolle Damenuhr, ein Geschenk des Liebsten, und den runden Hals der Braut zierte ebenfalls eine Gliederkette von Edelmetall, an der ein wertvolles Medaillon hing. Der dunkle Myrtenkranz mit den weißen Blüten hob sich ganz trefflich von dem hellblonden Haar des Mädchens ab; aber der weiße Brautschleier umwallte die Gestalt und verhüllte das blaffe Antlitz. „Sieh nur, sie trägt die blauen Blumen sogar heute!" saunte einer der jungen Burschen seinem Nebenmann zu und blickte bedeutungsvoll auf die daherschreitende Braut. Und eigentümlich: am Busen des hochzeitlich geschmückten Mädchens steckte ein einfaches, niedliches Kornblumenbukettchen. Marie liebte das blaue, treue Blümchen so über die Maßen, daß sie sich fast täglich mit'-einem Sträußchen davon schmückte. Gab's auf den Feldern keine der himmelfarbenen Kinder Floras, so schafften ihre Blumentöpfe reichlichen Ersatz. Drum hieß man Lenzens einzig Kind durchweg nur die „Kornblumen- Marie." Gustav Wichard schritt mit dem Stolze eines Siegers an der Seite seiner Braut, und wenn seine hohe kräftige Gestalt sich niederbeugte, um mit einem strahlenden Blicke seiner Auserwählten zuzulächeln, da konnte ein unbefangener Beschauer wohl sagen : Glückliche Marie, das ist ein Mann, welchem Du - vertrauen kannst, der Dich schützen, der Dich lieben wird. Wenn nicht schon die stramme, selbstbewußte Haltung, so hätte das Militärverdienstzeichen auf der Brust den ehemaligen Soldaten verraten, und er durfte es sich sagen: dem tapferen Soldaten, denn nicht gerade jeder, welcher mit solchem Ehrenschmuck Prunkt, hat es durch seine Tapferkeit verdient. Gustav Wichard war im Jahre 1866 mit der Garde nach Oesterreich gezogen und hatte sich bei dem Sturme auf eine österreichische Batterie bei Ehlum am Abend des 3. Juli so . sehr ausgezeichnet, daß ihm der Kronprinz selbst auf dem Schlachtfelds die Zierde angehestet hatte. Als der junge Unteroffizier nach beendigtem Feldzuge in seine Heimat zurückkehrte, war ihm das Gerücht seiner Heldentat in zehnmaliger Vergrößerung .vorausgeeilt, und die biederen Landbewohner staunten den Helden an, und die jungen Mädchen sahen in ihm den leibhaftigen Erzengel, wie er mit flammendem Schwerte etliche hundert „Böhmacken" ins Jenseits beförderte. — Heute trug der in den Reservestand übergetretene Bauernsohn selbstredend Zivil. Der schwarze Anzug war in der Stadt nach modernem Schnitt gefertigt und stand dem jungen Mann recht gut. Nun zog die lange Reihe dem Gotteshause zu. Pausbackige kleine Mädchen schritten voran und streuten Blumen auf den Weg. Das Innere der Kirche, namentlich der Altar, war mit Kränzen , und Girlanden hübsch ausgeschmückt. Kaum konnten die zahlreichen Kirchengänger heute in dem beschränkten Raum Platz finden. Viele bemühten sich sogar noch draußen, aus den Fußspitzen stehend, einen Blick in das Gotteshaus zu werfen. Zu seinem Texte hatte der Geistliche das schöne Bibelwort gewählt: „Wo Du hingehst, da will ich auch.hingehen!" Die Ehen auf dem Lande entbehren ja nicht selten des häuslichen Friedens. Es find das die Folgen der Jntereffenverbindung. - Auf w iese wies der Pfarrer in beredten Worten hin. „Herz zu Herz sollen sich finden!" sagte er in feierlichem Ernste; „Mann und Frau müssen ein Herz und eine Seele sein!" Marie wurde tief bewegt, und auch in den Augen vieler der Kirchenbesucher glänzten Tränen der Rührung, so schön hatte der Pastor gesprochen. Als das junge Paar am Altar „geopfert" hatte und auch die geladenen Gäste diesen: alten Brauche nachgekommen waren, bewegte sich der Zug wieder in alter Ordnung nach dem Hofe zurück. Auf dem Tanzfaale war inzwischen eine große Tafel hergerichtet.. Obenan fanden diebeiden Hauptpersonen des Tages den Ehrenplatz. Auch der Prediger willfahrte der an ihn ergangenen Einladung zum Mahle und unterhielt durch seine Leutseligkeit die Tischgenoffen aus das Angenehmste. Ist die Zahl der aus den ländlichen Hochzeiten erschienenen Gäste oft eine nach Hunderten zählende, so stehen die Herrichtungen zur Bewirtung dieser vielen Leute damitin passendem Verhältnisse.. Rind und Kuh, Kälber und Schwein, Hammel und eine Unzahl Hühner und Enten werden vorher ■ eingeschlachtet und ganze Scheffel voll Weizenmehl dazu ausgepäcken. Essen, Trinken und Tanzen; das hört dann eben die Tage um und um gar nicht auf. Dabei dehnte sich die Gastfreundschaft während der Jubelzeit auch aus solche Personen, aus, welche zufällig das Dorf passieren. Es fällt dabei nicht aus, wenn ein ganz Fremder sich beim Fest einfindet, "an den ersten besten Tisch setzt und Speise und Trank sich wohlschmecken läßt. . So aßen auch heute in dem Wohnzimmer des Hauses mehrere Ungeladene, und ihnen hatten sich Knechte und Hütejungen der Nachbarschaft zugesellt. Tüchtig war hier bereits den Getränken zugesprochen und die Stimmung in dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft war bereits eine ziemlich lärmende geworden. Bescheiden,, am Ende des Stammtisches, saß, ruhig seine Mahlzeit einnehmend, ein nur äußerst schlicht aussehender

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