Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Und nun gar in der Folge, als ihr Sohn Giacomo aus Italien ruhmgekrönt heimgekehrt und ganz Deutschland bewundernd seinen Werken lauschte, da bildete denn der Salon in der Beerschen Tiergartenvilla den geistigen Sammelpunkt aller Gebildeten der Residenz. Und hier, in dem behaglichen Heim an der Seite des Gatten, umgeben von ihren genialen Söhnen, da empfing sie gleich einer souveränen Fürstin die Huldigungen, die dem Genie ihres Sohnes dargebracht wurden und auf die.sie ja das natürlichste Anrecht hatte. War es ja auch ihre vornehme Bildung, ihr reicher und ties denkender Geist, die lebhafte Phantasie, die sie sich bis ins Greisenalter erhielt, die sich auf den berühmten Sohn vererbt hatten. Im Leben unseres Meisters haben die Frauen keine' hervorragende Rolle gespielt, sie haben auch nie einen besonderen Einstuß auf sein, künstlerisches Schaffen ausgeübt, es sei denn, daß er hier und da, einer berühmten Sängerin zu Liebe, eine Arie in einer seiner Opern änderte — aber das war auch alles! Von all den Frauen, die seine Erscheinung gleich der einer belebenden Sonne umkreisten, ragt weit und in edelster Verklärung das Bild seiner Mutter hervor! Die Liebe zu der Mutter geleitet ihn auf seinem ganzen Lebenswege und es ist bekannt, mit welch rührender Zärtlichkeit auch späterhin in den glänzendsten Ruhmestagen der Meister die alte Frau umgeben. Einer guten, jüdischen Familie entstammend, vermählte sich Amalie, die eine Enkelin des frommen Wolf Tausk war und eine Tochter des angesehenen Bankiers Lipmann Mey^r. Wulf, einem der reichsten Juden des damaligen Berlin," dem" Bankier Beer, und verlebte Jahre des reinsten Glückes an der Seite des fürsorglichen Gatten und ihrer reichbegabten Kinder; und dieses elterliche Glück, das Bild dieses harmonisch abgeklärten Ehelebens, mag den Meister auch in seinen späteren Tagen treu geleitet haben. In solcher Umgebung nun entfaltet sich der reiche Geist des früh erwachten Knaben. Vorzugsweise ist es die Musik, die herrliche Kunst, die um ihn ihre Zauberbande.schlingt; voll namenloser Wonne versenkt er sich in die unvergänglichen Schönheiten Mozartscher Kunst, eine Welt unnennbaren Zaubers öffnet sich seinen Blicken und heiße Sehnsucht ergreift sein Herz, in diese Wunderwelt einzudringen, sich ihren Zauber ganz zu eigen zu machen und in ihr.zu herrschen gleich seinem unsterblichen Vorbilde. Und gleich Mozart beginnt auch der frühreife Knabe zeitig die Welt durch sein Talent in gerechtes Staunen zu versetzen, und die musikalische Welt begrüßt den jungen Wunderknaben bereits als dessen berufensten Nachfolger. Bei einem Konzert, das der neunjährige Knabe in Gegenwart seiner Eltern und eines kunstsinnigen Publikums § gibt und in dem er Mozarts v-moll-Konzert mit einer für dieses Alter überraschenden Vollendung spielt, offenbart sich die merkwürdige Begabung des Kindes. Beglückt durch diesen rauschenden Erfolg ihres Erstgeborenen sinnt die zärtliche Mutter auf ein Mittel, diesen für den Lebensweg ihres Kindes so hochwichtigen Schritt in die Oeffentlichkeit durch irgend ein Zeichen der Erinnerung festzuhalten und sie läßt von einem tüchtigen Maler ein Oelbild anfertigen, das den jungen Künstler in demselben Anzuge. darstellt, den er an seinem ersten Ehrenabende getragen hatte. Dem ersten Konzert folgen rasch nacheinander mehrere, die stets gleich rauschenden Erfolg für den jungen Künstler bringen. Nun war kein Zweifel mehr am Platze und mit regem Eifer gingen die Eltern an die musikalische Ausbildung ihres Erstgeborenen. Nach einigen Jahren des Anfangsunterrichtes bei Lauska, später bei dem um jene Zeit viel gefeierten Clementi, verläßt der junge Musenzögling die Vaterstadtum bei dem durch -Mozarts Freundschaft bekannt gewordenen Abt Vogler seine Kenntnisse zu vervollkommnen. Und diese erste Trennung von dem heißgeliebten Kinde mag wohl, das Mutterherz arg betrübt haben, allein die kluge Frau fügt sich dem Unabänderlichen. Heiße Segenswünsche , geleiten den jungen Giacomo bei seinem ersten Schritt in die Welt, allein auch in der fremden Umgebung eilen die Gedanken des Jünglings heim zum Vaterhause und ein reger Briefwechsel bringt ihm stete Kunde von den Lieben daheim. Mit wahrem Feuereifer vertieft sich der junge Musiker nun in das Studium, und erst als Vogler selbst dem Künstler das Zeugnis gibt, „daß die Schule für ihn zu Ende sei, das Leben beginne und daß jetzt der eigene Genius sein Lehrer und Führer sein müsse" — da eilt er frohen Herzens wieder heim nach Berlin. Weiß er ja, daß dort ein liebendes Mutterherz heiß nach dem Anblick des genialen Sohnes verlangt. Es war zu Beginn des Sturmjahres 1813 und die Zeit nicht zu künstlerischer Sammlung geeignet; dennoch komponiert Giacomo zur Feier des 10. Februar, des Geburtstages der Mutter, die Kantate: „Der Götterbesuch", der kurz nachher zum Abschied des ins Feld rückenden Bruders Wilhelm die Vertonung des Psalms „Gott ist mein Hirte" folgt. Und wahrlich, die edle Frau hatte dieses Trostes not: denn ihr teilnehmendes Herz erbebt bei dem Sturm, der das Vaterland umbraust und dessen Söhne hinwegruft in den ertötenden Kampf. Doch.-sie verbringt die Tage der Trennung von ihren. Söhnen und der bangen Angst um das Geschick des -Landes nicht in tatenloser Trauer nein, die Frau des jüdischen Bankiers wirkt als eifrige Patriotin an dem gemeinsamen Werke der Menschenliebe, die zu betätigen die Frau in Kriegszeiten berufen ist. Und so groß ist ihre Arbeit, so aufopfernd ihre segensreiche Tätigkeit, daß ihr Beispiel aufmunternd wirkt und daß die vornehmsten Damen Berlins ihr gleich zu sein trachten. Allein, als die wildbewegte Zeit vorüber, als wieder Friede herrscht, da winkt der glücklichen Mutter reicher Lohn in ihren Söhnen. Wilhelm lenkt durch seine astronomischen Entdeckungen die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sein ernstes, wissenschaftliches ' Streben. Michael, der Poet mit der mimosenhaft zart empfindenden Seele, schafft Werke voll hoher, dichterischer Begabung — und Giacomo, dessen Erstlingsopern ihm bereits einen ruhmvollen Namen sichern,ffchreitet unaufhaltsam weiter auf der Laufbahn der Erfolge. Und nun gar, als es ihr gegönnt ist, an der Seite ihres berühmten Sohnes eine Italienreife zu unternehmen, wo die Opern Giacomos mit stets wachsendem Enthusiasmus aufgesührt wurden, und ihr, der beglückten Mutter eines solchen Sohnes die rauschendsten Huldigungen dargebracht werden, da mag wohl das gläubige Herz dieser frommen Frau sich in dankbarer Demut ihren: Schöpfer geneigt haben für die unvergeßliche Gnade, die ihr und ihrem Volke durch diesen Auserkorenen der göttlichen Tonkunst geworden. Allein nicht gar zu lange sollte sich die edle Frau der Ruhe des Gemütes freuen. Der Herbst des Jahres 1825 raubte ihr den teueren Gatten und ein grausames Geschick zerstörte zu früh den schönen Bund zweier gleichgesinnter, in wahrer Gottesfurcht lebender Menschen.