Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem reichen Verhandlungsmateriäl interessieren uns vor allem anderen drei Fragen. Zunächst die Debatte über den Sabbat, Das für die Behandlung dieser Frage eingesetzte Komitee wünschte, daß die häusliche Sabbatfeier zu neuen Ehren käme, wo man sie bisher vernachlässigte und daß sie dort gefördert werde, wo sie im Abnehmen begriffen. Die Versammlung ist für die festliche Ehrung des Sabbat am Freitagabend in den Wohnhäusern. Es dürfe dabei weder der Kiddusch, noch die alte Sabbatfreudigkeit fehlen, und der Segen des Vaters muß auf den Kindern und auf der ganzen versammelten Familie ruhen. Die Geschäftsleute sollen ersucht werden, den Sabbat einzuhalten; ebenso sollen die Gemeinden gebeten werden, bei ihren leitenden Mitgliedern und besonders bei ihren Bevollmächtigten auf strenge Beobachtung des Sabbat zu sehen. Die Mitglieder der Sonntagsschulen müssen den Sabbat einhalten, damit sie die Kinder nicht nur durch ihr Gebot, sondern auch durch ihr Beispiel erziehen. Jüdische Privatschulen dürfen am Sabbat sowie an den jüdischen Feiertagen keine Sitzungen abhalten. Auch muß dafür gesorgt werden, daß der Sabbatgvttesdienst im Sommer keine Unterbrechung erleide. Den Predigern in den Sommerplätzen oder deren Stellvertretern obliegt es, die Sommergemeinden zu organisieren. Der Sabbat sollte von allen jüdischen Familien gefeiert werden. Dem „Oommittee ou Seclarianism" wurde ein Paragraph aus dem Berichte übergeben. Derselbe besagt, daß Schritte gemacht werden müssen, damit kein Gesetz durchdringe, welches den frommen Juden die Arbeit am Sonntag verbiete und ihnen so das Einhalten des Sabbat unmöglich mache. Gegen diese Resolutionen wird wohl auch die starre Orthodoxie kaum etwas einzuwenden haben. Wichtig — namentlich für Amerika — sind auch die Beschlüsse über die Gründung von Gemeinden. Es heißt darin: „Wir fühlen stets von neuem die Bande, die uns an das Judentum fesseln. Dieses besteht für uns nicht in dem Gesetzessystem, das der Pentateuch und der rabbinistische Kodex einschließen, sondern in einer lebendigen, sich immer mehr verbreitenden, immer fortschreitenden Wahrheit, welche von dem Beginne der Geschichte bis zu deren Ende dem Schutze der Juden anheimgegeben ist. .Während wir von den Meinungszwisten sowohl in der Religion als auch in der Ausübung des Judentums in den verschiedenen Zeiten und Ländern volle Kenntnis haben, kennen wir doch nur eine Thora, ein Israel und einen Gott." Der Bericht enthält ferner die Mitteilung, daß das Komitee der Ansicht sei, daß die Bildung einer großen Gemeinde aus einer einzelnen jüdischen Sekte mit Ausschluß der übrigen Sekten, ein gefährliches Vorgehen sei, welches keinesfalls gefördert werden dürfe, weil dies eine Spaltung verursachen würde, welche mit den Traditionen des Judentums unvereinbar wäre. Es wurde festgestellt, daß sich der Mangel an einer verständlichen Darstellung der theologischen Ansichten und Prinzipien des Judentums immer mehr fühlbar mache. Eine solche Darstellung müßte den Unterschied scharf hervorheben, der zwischen dem Judentum und den nichtjüdischen Religionen besteht. Es wurde bei dieser Gelegenheit auch gesagt: Die Theologie des Judentums darf weder parteiisch noch subjektiv sein, sondern muß in dem objektiven Tone der modernen Forschung geschrieben werden. Damit dies zustande komme, wird vorgeschlagen, ein Komitee zu bilden und mit den andern Körperschaften, welche dieselben Zwecke verfolgen, in Verbindung zu treten. Der wichtigste Teil der Verhandlungen war aber der Synodenfrage gewidmet. Diese Frage wurde bei Verlesung des Berichtes des Präsidenten durch den rühmlichst bekannten Rabbiner Dr. David Philipson aus Cincinnati berührt. Es bildete sich bei Erwägung der Shnodenfrage eine Majorität und eine Minorität. Der Rabbiner S. Schulmann aus Newyork erstattete den Bericht der Minorität. Er sagte, daß die Frage sich mit dem Geiste des Judentums nicht vertrage. Der Rabbiner Dr. Silv ermann aus Newyork sagte, daß es sich für den Moment nur darum handle, ob die Rabbiner eine Versammlung von Rabbinern und Laien brauchten. ’ Es folgte eine animierte Diskussion. Rabbiner Schulmann hielt eine beredte Ansprache zugunsten der Minorität, welche mit 14 Stimmen votiert wurde, doch wurde der Bericht der Majorität angenommen. Der Präsident Dr. Krauskopf empfiehlt in seinem Berichte, daß man sich bei der Erledigung der wichtigen Synodenfrage Zeit lassen müsse. Bei der vorjährigen Versammlung in Louisville tauchte die Synodenfrage auf, und. es gab damals schon eine Majorität und eine Minorität. Die Majorität wurde durch nur eine Stimme herbeigeführt und so wurde die Frage bis zur Versammlung in Cleveland verschoben. Dagegen wurde vorgeschlagen, daß das Exekutivkomitee eine Kommission, bestehend aus sieben Männern, wähle, welche den Charakter und den Zweck einer Synode zu definieren und einen genauen Plan über ihre Zusammensetzung zu liefern - habe. Der Bericht dieser Kommission muß bis zum 6. April 1906 in Händen der Konferenz sein und wird die Basis bilden bei der nächsten Diskussion, welche die Versammlung über diese Frage abhalten wird. Schließlich hat die Konferenz auch ein Komitee gegründet, welches . den Namen Kirchen- und Staatskomitee führt, da der Sektengeist immer mehr ins öffentliche Schulleben eindringe und da eine neue Gesetzgebung in bezug auf die Sonntagsfeier die gläubigen Juden an der strengen Einhaltung des Sabbat hindere. Dieses Komitee wird sich mit dem Komitee für zivile und öffentliche Rechte der „Vereinigung der amerikanisch-hebräischen Gemeinde" verbinden, damit beide dazu beitragen, schriftliches Material aufzutreiben in Gegenden,^'wo dieser Gegenstand zur brennenden Frage geworden ist und einer sofortigen gründlichen Erledigung bedarf. Es wird gesagt, daß, während der Antisemitismus in einigen europäischen Ländern politischer Natur sei, ein solcher in Amerika nicht existiere, so daß ein Verein zur Abwehr desselben ganz überflüssig ist, wenn auch bedauerlicherweise der Antisemitismus als soziales Vorurteil noch, fortbefteht. Die Versammlung betonte zum Schluß nachdrücklich die fundamentale Wahrheit, „daß das wahre Band der Juden das historische ' Bewußtsein sei, daß sie ein Priestervolk unter den Nationen sind und daß es ihre Pflicht ist, an der Erkenntnis der Alleinherrschaft Gottes aus Erden zu arbeiten, weil diese Herrschaft allein eine einige Menschheit herbeiführen könne." Lum Gedächtnisse Agschis. Von Professor Dr. Wilhelm Bacher. iemand hat sich um die würdige Feier der achthundertjährigen.Wiederkehr des Todestages Raschis — am 29. Tammus 5665, 1. August 1905 — so eifrig bemüht, wie sein ausgezeichneter Namensgenosse S a l o m o n B u b e r. Bereits im Oktober vorigen Jahres erließ der unermüdliche Herausgeber und Bearbeiter unserer alten Literaturschätze einen Aufruf zur Gründung einer Raschi-Stiftung, die dem Andenken des großen Lehrers von Trohes gewidmet und das Schrifttum, zu dessen Heroen Raschi gehört, zu fördern bestimmt sei. Der Ausruf, vom hingebungsvollen Förderer aller Interessen des Judentums, dem Grand-Rabbin Zadoc Kahn, mitunterzeichnet, blieb nicht ohne Wirkung. Die bisher zusammengekommene Summe — etwa 8000 Fr. — ist zwar nicht bedeutend genug, um als Fonds einer Raschi-Stiftung gelten zu können, läßt jedoch die Hoffnung zu, daß sie durch weitere Bemühungen zu einer entsprechenden Höhe wird gebracht werden können. Inzwischen aber hat der Urheber der Idee einer Raschi-Stiftung an der Errichtung eines anderen Denkmals gearbeitet, mit dem ni^t nur dem Gedächtnisse Raschis gehuldigt, sondern auch eine alte Pflicht der jüdischen Wissenschaft erfüllt wird. Ein bisher nur aus Zitaten und einigen im Drucke erschienenen Auszügen bekanntes Werk Raschis, das Seser Ha-Orah („Buch der Lichter"), wurde durch Bnber nach der aus seinen überauszahlreichen und wichtigen Editionsarbeiten bekannten gründ-