Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
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364 Dir Woche. Berlin, 1. Augusturch die Presse aller Richtungen ging in dieser Woche ein Aufsatz, der sich mit der recht aktuellen Frage beschäftigte, was die Juden dem Antisemitismus zu verdanken hätten. Die einen zitierten mit Behagen, die anderen mit Wehmut, was die Halbmonatsschrift „Das Freie Wort" darüber zu sagen wußte. In dem Artikel wird das Paradoxon zu beweisen versucht, die Juden hätten einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Erfolge den: Antisemitismus zu verdanken. „Indem man es den Juden unmöglich machte, ihre Söhne im Staatsdienste unterzubringen, waren sie fortdauernd genötigt, sie dem Handel und der Industrie zuzuführen. Das mußte zu ihrem Heil ausschlagen, weil sie den riesigen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten vierzig Jahre voll ausnützen und so die Reichtümer sammeln konnten, auf denen heute ihre Machtstellung beruht. Die antisemitische^Bewegung in den achtziger Jahren kam dieser Entwicklung noch zu Hilfe. Während nämlich der Antisemitismus dem wirtschaftlich schwachen Juden den Lebenskampf schwer macht, ist er geradezu der Schutzengel für die reichen Juden geworden, und zwar ganz besonders deshalb, weil er es ihnen ermöglicht, ihre Kinder gut zu erziehen. Das bekannte Wort, wonach der Geldsack und der Bettelsack alle drei Generationen in derselben Familie vorkommt, findet im allgemeinen offenbar aus die Juden keine Anwendung, und das verdanken sie in erster Linie dem Antisemitismus. Denn die Klippen, an denen Söhne reicher christlicher Familien scheitern, räumt der Antisemitismus den jüdischen sorgsam aus dem Wege. Zunächst weis; der jüdische Jüngling, daß er nicht an der Staatskrippe unterschlüpsen kann, er mutz etwas lernen, weil er sonst nicht unterkommt! Er kann als Student am Korpsleben nicht scheitern, weil ihn im allgemeinen kein Korps aufnimmt — was bleibt ihm übrig, als zu arbeiten? Er kann nicht Reserveoffizier werden, shart dadurch wertvolle Zeit und viel Geld und wird nicht in das „noble Leben" hineingezogen, das so viele Söhne reicher Familien ihrem Beruf entfremdet — kurz, alles wirkt mit, ihn seiner kaufmännischen und gewerblichen, Tätigkeit zu erhalten. Statt müßig bezahlte Stellungen als Richter. Verwaltungsbeamte, Offiziere re. zu erstreben, zu denen, ihn vielleicht^ sein sozialer Ehrgeiz hinzöge, muß sich der Sohn jüdischer Eltern Industrie, Handel, Bankwesen, Presse rc. als Feld seiner Tätigkeit auswählen, Berufe, für die ihn angeborene Anlagen noch besonders'geeignet machen. Den Erfolg dieser überaus klugen Maßnahmen der regierenden Kreise sehen wir in^der wirtschaftlichen Macht unserer jüdischen Mitbürger vor Augen. Es ist nämlich ein Gesetz des Lebens, daß alle staatliche Unterdrückung zum Heil des Unterdrückten ausschlägt." Das klingt, wie gesagt, sehr schön, ist nber doch nur paradox. Denn selbst zugegeben, daß es wahr ist, so sind.-die Schäden, die der Antisemitismus den Juden geschlagen, doch so groß, daß etwaige Vorteile dagegen gar nicht in Rechnung gebracht werden können. Mit einer Betrachtung dieser Schäden sollte sich die liberale Presse lieber etwas eingehender befassen. * Zu der Resolution des Kartelltags des Bundes jüdischer Korporationen bemerkt die „Frankfurter Zeitung": „Wenn der Kartellverband jüdischer Vereine seines Existenzberechtigung ans dem studentischen Antisemitismus, d. h. aus der Zurückweisung jüdischer Studenten aus vielen Verbindungen herleitet, so muß nun doch erst der Versuch in größerem Umfange gemacht werden, ob wirklich die Vereine, die gegen die konfessionellen Verbindungen zu Felde ziehen, fernerhin selber konfessionelle Äbschließung treiben. Vorgekommen ist das freilich in einigen Fällen, wie wir das auch schon gerügt haben; aber in richtiger Weise vor die Notwendigkeit gestellt, die Konsequenzen ihres Verhaltens zu ziehen, werden die Vereine sich doch wohl überlegen, ob. sie sich den berechtigten Vorwurf der Unehrlichkeit und Heuchelei zuziehen wollen." Der Versuch ist gemacht und fehlgeschlagen, wie leider nicht anders zu erwarten wem Die große Inkonsequenz, die in der fortwährenden Ablehnung jüdischer Studenten ' und gleichzeitigen Bekämpfung konfessioneller Verbindungen liegt, scheint die jungen Herren gar nicht zu genieren. * Zahlreiche Vertreter der russisch-jüdischen Intelligenz in Moskau haben, wie bereits gemeldet, ein mrsführliches Memorandum an den S e m st w o k o n g r e ß gerichtet, worin unter Bezugnahme auf die bevorstehende Einberufung einer Volksvertretung mit anerkennenswertem Mute eingehend die Rechtlosigkeit dargelegt wird, unter welcher die Juden am meisten im Reiche leiden, und entschieden verlangt wird, daß ihnen die Gleichberechtigung mit den andern Bürgern gewährt werde. In dem Memorandum" wird u. a. ausgeführt: „Von all den Beschränkungen, welche auf dem russischen.Juden lasten, ist die schrecklichste die Beschränkung des Wohnrechts auf dem sogenannten Ansiedlungsrayon. Von 78 Gouvernements und Provinzen Rußlands (ohne Finnland und Polen) sind für uns Juden nur 15 offen und selbst innerhalb dieser wenigen Gouvernements nur die Städte, nicht aber die Dörfer und Landgebiete. Bei all der in Rußland herrschenden Rechtlosigkeit ist einer ähnlichen Beschränkung kein anderer Stamm, keine andere Konfession, keine andere Klasse der Bevölkerung unterworfen. Sogar die schwersten Verbrecher verlieren nicht für immer das Recht, sich den Wohnort zu wählen, dem Juden aber wird ohne seine geringste persönliche Schuld nur deshalb, weil er Jude ist, genauer gesagt, weil er den jüdischen Glauben bekennt, d. h. einen einzigen Gott verehrt, von der Geburt an und. für das ganze Leben das elementare Menschenrecht geraubt, das Recht des Menschen, in seinem Vaterlande zu wohnen und an dem für ihn notwendigen Orte zu leben und zu arbeiten." — In dem Memorandum wird ferner auf zahlreiche Ungerechtigkeiten und Gewalttaten hingewiesen, die seit der Aushebung der Leibeigenschaft gegen die Juden verübt worden sind, bis die Exzesse von Kischinew und Homel die Juden zwangen, zur Selbsthilfe zu greifen. Zum Schluffe wird ausgeführt, daß, wenn die in Aussicht stehende Einberufung der ersten Volksvertretung den allgemeinen inneren Frieden bringen solle, es notwendig sei, „daß vorher alle Völkerschaften und alle Klaffen gleiche Rechte erhalten, daß die Gleichheit aller vor dem Gesetze anerkannt und zur Bedingung gemacht werde, um dadurch die Freiheit der Wahl zu sichern, sowie die Unverletzlichkeit der Person, welche gleichzeitig mit der Freiheit des Wortes, mit dem Versammlungs- und Vereinsrecht gewährleistet werden muß." " . Sonst bleibt in den Händen der Administration eine mächtige Waffe, um die Stimme des Volkes zu fälschen, indem sie einerseits durch Versprechungen und Drohungen, andererseits durch künstlich geschürten Haß zwischen den Völkerschaften einen Druck ausübe und die Einigung aller Volkskreise verhindere. Die Hauptpflicht aller Semstwos soll es sein, „für den Schutz des Gesetzes und des Rechtes einzutreten." Der Semstwokongreß hat, wie wir bereits mitgeteilt, in seiner Schlußsitzung beschlossen, das Bureau zu beauftragen, den Juden im Sinne ihres Memorandums zu antworten. Aber wie berechtigt und wahr die Klagen der Juden sind, ersieht man am besten aus den Nachrichten, die von Odessa kommen, wo Proklamationen gegen die Juden ohne Scheu verbreitet werden, die die niederträchtigsten Lügen enthalten und offen zu Mord und Totschlag auffordern. /- * ' - , Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner hat in den Tagen vom 2. bis 6. v. M. in Cleveland stattgefunden.