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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-28 · Heft 30 (28.7.1905) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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ihr bei getreten sind; mit einer anderen Gemeinde schweben zurzeit noch Verhandlungen. Zum Schluß muß noch der besonderen Tätigkeit des Verbandsborsitzenden Herrn S. Flörsheim, dessen Hingabe und Verständnis gleich rühmenswert sind, ehrend gedacht werden. — Am 9. d. M. hatte in Königsborn der 15. Synagogengemeindetag unter dem Vorsitz des Herrn S. Flörsheim-Dortmund stattgefuntzen. Nach Vornahme der Bureauwahl wurde der Jahresbericht entgegengenommen und genehmigt. Herr I. Wolf-Dortmund berichtete über die Kassenverhältnisse. Die Einnahmen und Ausgaben betrugen 2494,69 Mark und der Bestand 951,38 Mark. Die beantragte Entlastung wurde dem Kassierer, Herrn Freund-Dortmund, erteilt. Den wichtigsten Beratungsgegenstand bildete der Antrag ans Errichtung einer israelitischen Ferienkolonie in Königsborn. Der erste Referent, Herr Liebenfeld-Bochum betonte u. a., daß der Vorschlag nichts neues enthalte; nur die Provinz Westfalen ist als einzige mit der Errichtung von israelitischen Ferienkolonien noch im Rückstände. Am Schluß seiner Ausführungen beantragte der Referent, dem Ausschuß den Auftrag zu erteilen, die Sache in die Hand zu nehmen und zu organisieren. — Der Korreferent Herr Flörsheim-Dortmund hält ebenfalls ein dringendes Bedürfnis für vorliegend und führt aus, daß die heutige Einweihungsfeier des Altersheims nicht würdiger begangen werden könne, als indem der Gemeindetag nun.die Sorge für die erholungsbedürftigen Kleinen in die Hand nehme bezw. fördere. Um zu ermöglichen, daß die Ferienkolonie schon im nächsten Jahre, in Tätigkeit treten kann, wurde folgender Antrag , mit großer Mehrheit angenommen: „Die Versammlung beschließt, den Ausschuß zu beauftragen, die Errichtung einer Ferienkolonie für jüdische Kinder unter Mitwirkung der Gemeinden soweit vorzubereiten, daß der nächste Gemeindetag in der Angelegenheit endgültig Beschluß fassen kann." Das Referat des Herrn Flörsheim-Dortmund über die Schwesternsache wurde äußerst beifällig ausgenommen. Danach sind jetzt nur zwei jüdische Schwestern in der Provinz Westfalen vorhanden, doch soll die Errichtung eines jüdischen Schwesternhauses in Dortmund ins Auge gefaßt werden. n. Ems, 23. Juli. Als Kurashl für arme jüdische Kurgäste hat der im Jahre 1888 gegründete und von den Herrn Dr. med. Aronsohn und Bezirksrabbiner Dr. Weingarten geleitete Verein „Emser Heilquelle" ein Haus in der Braubacherstraße angekauft. Das erst im Jahre 1902 erbaute, zweistöckige Haus mit großem Garten hat 15 bewohnbare Zimmer, die alle einen sehr freundlichen und behaglichen Eindruck machen und den Anforderungen der Hygiene entsprechen. Möglich ist der Kauf dem Vereine, der nur über geringe Mittel verfügt, nur dadurch geworden, daß ein menschenfreundlicher, gegenwärtig in Ems anwesender Amerikaner 5000 Mark und ein Herr aus Berlin 1000 Mark spendeten. Wer da weiß, wie nötig die Begründung einer solchen Anstalt in Ems ist, und wer offenen Sinn hat für das Elend, welches gerade in den niederen jüdischen Bevölkerungsschichten herrscht, der wird nicht zaudern, soweit es an ihm liegt, beizutragen zur Einrichtung und Erhaltung der Anstalt. --- Frankfurt a. M., 18. Juli. Seit einigen Monaten kann man auf dem hiesigen Hauptbahnhofe häufiger als früher beobachten, daß Scharen von russischen Juden in ihre Heimat zurückbefördert werden. In den letzten Tagen sind wiederum 90 Personen von oiesem Schicksal ereilt worden. Wie es heißt, fallen diese Auswanderer in Bingerbrück in die Hände der Polizei. Die Schiffahrtsgesellschaften transportieren die Leute nur dann, wenn für jeden einzelnen ein Minimum von Barmitteln nachgewiesen werden kann, das 400 Mark für einen Erwachsenen, 200 Mark für ein Kind beträgt. Das kann in den meisten Fällen nicht geschehen, denn die große Mehrzahl der Leute ist vollkommen besitzlos; sie haben kaum mehr, als was sie auf. dem Leibe tragen, höchstens einige Lebensmittel. Frankfurt ist der Sammelpunkt der Armen, deren Rückfahrt nach dem Osten am Montag oder Donnerstag vor sich geht. Von hier aus werden sie zunächst nach Myslowitz befördert und von dort nach Kattowitz. Die Leute werden von der Polizei als Strafgefangene überwacht und befördert; die Fahrt geschieht in „Schubwagen", die wie Waggons IV. Klasse gebaut sind. Die kleinen Fenster sind mit Eisenstäben versehen; nur wenig Luft und Licht kann in den Raum eindringen. Der „Schnbwagen" ist in Einzelzellen geteilt, in denen zwei bis drei Personen Unterkunft finden. Der Transporteur hat eine besondere Kabine. Die Eingangstüren an den Stirnwänden werdest sofort nach der „Verladung" geschlossen. Der Transport bis zur Grenze dauert etwa sechs Tage, denn die Züge, denen diese „Schubwagen", zugeteilt werden, machen keine Schnell führten, und mit dem Anschluß hat man es auch nicht besonders eilig. Fürchterlich sind die Qualen, denen die Leute namentlich an Tagen tropischer Hitze in den engen Räumen ohne genügende Lüftung ausgesetzt sind. — In Bingerbrück wurden die zurückgewiesenen russischen Auswanderer (70 Personen, Männer, Frauen und Kinder), die seither im hiesigen Polizeigefängnis untergebracht waren, wieder entlassen. Durch den Hilfsverein der deutschen Juden wurden die Auswanderer zunächst in das israelitische Vereinshaus gebracht und dort verköstigt. Abends wurden sie nach dem Hauptbahnhof geführt, wo ihnen das Gepäck, das ihnen auf der Bahnhofswache aufbewahrt war, zurückgegeben wurde. Die Reise nach Amerika wurde dann fortgesetzt. Damit den Leuten in Bingerbrück nicht neue Schwierigkeiten bereitet werden, hat der Hilfsverein Begleitung mitgegeben. I. Darmstadt, 20. Juli. Im Großherzogtum Hessen wurde durch Gesetz vom Jahre 1841 in den drei Provinzen des Landes je eine Landjudenschaftskasse gegründet, mit dem Zwecke, durch die behördlich ausgeschlagenen Beiträge aller Gemeinden die Besoldung der Rabbiner zu bestreiten. Diesen Landjudenschaftsverbänden stand je ein Landjudenschaftsvorsteher, ein Rechner mit der großherzoglichen Provinzialdirektion vor. In neuerer Zeit wurde der Wunsch nach einer Neuregelung des Landjudenschaftsverbandes der Provinz Oberhessen rege. Der großherzogliche Provinzialdirektor, Geheimrat Dr. Breidert- Gießen, der den Lehrern eine nach jeder Richtung hin bessere und würdigere Stellung zu bereiten sich bemüht, steht der geplanten Reorganisation sympathisch gegenüber. Schon mehrmals hielt er mit den von dem Landjudenschaftsvorsteher der Provinz, Kommerzienrat Heichelheim-Gießen, einberufeuen Vorständen der größeren Gemeinden Sitzungen ab, um die Sache durch seine Teilnahme und wohlgemeinten Rat zu fördern. Der Provinzialdirektor riet, die Landjudenschaftskasse möge ihre Kompetenz dahin erweitern, daß man die Besserstellung der Lehrer, namentlich was die Zahlung eines Grundgehaltes von 1100 Mark p. a. betrifft, in die Hand nähme, derart, daß das Budget der Landjudenschaft entsprechend erhöht und den nicht leistungsfähigen Gemeinden die erforderlichen Zuschüsse zum Grundgehalt gewährt werden. Dazu bedurfte es aber ganz umfassender Erhebungen in der Provinz, die der Provinzialdirektor in entgegenkommender Weise durch die großherzoglichen Kreisämter anstellen ließ.^ Zunächst wurde festgestellt, was derzeit die einzelnen Gemeinden an Lehrergehalt aufbringen, welche kleinere Gemeinden mit größeren vereinigt, und welche überhaupt zu einem Schutzbezirke auf Grund ihrer geographischen Lage zu vereinigen seien. Darnach wurde berechnet, welche Summen man zur Aufbringung des Grundgehaltes nötig habe. Es stellte sich heraus, daß das Budget der Landjudenschaft unserer Provinz um rund 100 Prozent von 6500 M. auf ca. 12 000 Mark zu steigern sei. Vom Vorsteher der Landjudenschaft wurde nun bei den größeren Gemeinden angefragt, ob sie mit der Erhöhung des Budgets der Landjudenschaft einverstanden seien. Die Gemeinden antworteten fast alle im. bejahenden Sinne. Am 9. d. M. fand im israelitischen Gemeindehause zu Gießen eine Versammlung der Vorstände der größeren Gemeinden unter dem Vorsitze des Landjudenschaftsvorstehers und unter Teilnahme des großherzoglichen Provinzialdirektors statt. Der Provinzialdirektor gab über alles auf Grund der angestellten amtlichen Erhebungen Auskunft und hatte nur den einen Wunsch, daß man schon jetzt zu einem greisbaren Resultate kommen möge, damit die Sache zustande käme und vorbildlich wirke. Das war, auch der Fall. Man erklärte sich für die Erhöhung des Budgets und einigte sich dahin, daß der Landjudenschaftsvorsteher ein Statut entwerfe für die Neuordnung. In 'vier Wochen soll dasselbe durch eine gewählte Kommission beraten, der Provinzialdirektion zur Ueberprüfung und dem Ministerium des Innern zur Genehmigung vorgelegt werden. u. 8. Juli. In der am 24. v. M. abgehaltenen Sitzung der Stadtverordneten - Versammlung wurde der bisherige Bürgermeisterei-Beigeordnete, Kommerzienrat Reinach, zum Ehrenbürger unserer Stadt ernannt. Einmütig erteilte die Versammlung ihre Zustimmung zu dieser ehrenvollen, verdienten Auszeichnung unseres

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