Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228667--61896-3275742- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Herzen suchet", stimmungsvoll vorgetragen in gewohnter Meisterschaft' von Oberkantor Cerini. Darauf bestieg Rabbiner Dr. Rosenthal die Kanzel, um die von nah und fern Erschienenen mit dem alten Zions - grüße Baruch habah zu empfangen. Das neue Unternehmen folge der modernen Zeitströmung, enthalte aber einen alten jüdischen' Gedanken. Im Adar und Ellul vereinigen sich in den Talmud- Akademien von Sura und Pumpedita Lehrer und Gelehrte aus nah und fern zu gegenseitiger Anregung. Breslau sei durch sein Rabbinerseminar eine Sura für die Welt, das seine Gelehrten, Meister der Wissenschaft, entsende, um den Lehrern ihre Ferien nutzbringend zu gestalten. Wissen ist Macht und groß der Einfluß des Lehrers ans das zukünftige Geschlecht. Das Judentum habe die Bedeutung des Lehrers früh erkannt. Als einst R. Jehuda Hanaßi seine Schulrevisoren aussandte, kamen sie auch nach einer Stadt, wo große Unwissenheit herrschte, sonst aber alles in bester Ordnung war. Da fragten sie nach den Hütern des Gesetzes. „Das sind wir," sagten die Borsteher. „Nein, das sind die Lehrer!" erwiderten darauf die Inspektoren. Das ist die Aufgabe der Lehrer. Unwissenheit ist in der Regel die Wurzel der Irreligiosität. Die Lehrer seien hierhergekommen, um ihr Wissen zu bereichern und zu vertiefen. Möge es ihnen gelingen,, dies Ziel in vollkommenster Weise zu erreichen. Mit dem Danke an die Dozenten, die sich als Lehrkräfte gern in den Dienst der Sache gestellt, an den Shnagogen-Gemeindevorstand, an den D. I. G. B. schloß der Redner seine Ansprache und flehte noch zum Schluß den Segen Gottes herab auf das Unternehmen und auf alle, die ihre Kräfte demselben weihten. — Im Namen des Vorstandes des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und in Posen, besonders' seines Vorsitzenden Professor Dr. Badt, der durch seine Ferienreise am Erscheinen verhindert war und der das Unternehmen am eifrigsten gefördert hat, begrüßte Lehrer Moops die Kolleginnen und Kollegen. Er wies in seiner Rede auf die hohen Anforderungen hin, welche die Gemeinden an ihre Lehrer jetzt zu stellen genötigt sind; sie sollen die Jugend unterweisen, in einfacher und schlichter Rede der Gemeinde das Wort Gottes verkünden, und wenn berufen, durch gottesdienstliche Verrichtungen sie erheben und erbauen. Die Lehrer waren sich bewußt, daß ihr Können und Wissen nicht so sei,' um ihre Stellung ' so auszusüllen, wie sie es wünschten. Darum ging ihr Streben nach einer Einrichtung, wo sie ihr Wissen in den religions-wissenschastlichen Fächern erweitern und vertiefen könnten. Der Vorstand des Vereins hat dank der bereitwilligen Unterstützung des verehrten Dozenten- Kollegiums am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar und anderer Lehrkräfte wie der Gemeindebehörden und sonstiger maßgebender Organe Ferienkurse, die zuerst von Rektor Feiner-Hamburg angeregt worden wären, ins Leben gerufen, um den Lehrern Gelegenheit zur Weiterbildung zu geben. Mit dem Wunsche, daß die Anregungen, welche die Lehrer von Breslau mitnehmen werden, für sie selbst, für die Gemeinden und für ganz Israel zum Segen sich gestalten mögen, schloß Kollege Moops seine Rede. — Mit der Mendelsohnschen Arie „Dann werden die Gerechten leuchten", war die kurze, aber erhebende Feier beendet. — Nachzutragen ist noch, daß in den allgemeinen Studienplan auch der Unterricht in Musiktheorie neu ausgenommen worden ist; Leiter, Kapellmeister Elsner. An dem Kursus beteiligen sich 32 Lehrer und Lehrerinnen. Mit sehr regem Eifer werden die Vorlesungen besucht, ein Beweis von dem allgemeinen Interesse, welches die Einrichtung bei der jüdischen Lehrerschaft gefunden hat. — Dortmund, 18. Juli. Der Bericht über die Tätigkeit des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens während seines 14. Geschäftsjahres, der als Vorlage für den 15. ordentlichen ' Gemeindetag zu Königsborn am 9. d. M. diente, gibt wieder ein erfreuliches Bild frischen Aufschwungs. Als der Verband sieben Jahre bestanden hatte, gründete er seine Pensionskasse; nach abermals sieben Jahren eröffnet er ein Altersheim. Das ganze 14. Verbandsjahr wurde von diesen! Ereignisse beherrscht. Der Nachklang der feierlichen Grundsteinlegung, dann die Erwartung der immer näherrückenden Einweihung wirkten selbst auf weitere Kreise belebend und anfeuernd. Der Ausschuß besteht jetzt aus den Herren: Sallh Flörsheim in Dortmund, Vorsitzender; Isidor Goldschmidt in Dortmund, stellvertretender Vorsitzender; Siegfried Freund in Dortmund, Schrift-' sichrer und Kassenverwalter; Rabbiner Dr. Coblenz in Bielefelds- Rechtsanwalt Dr. Frankenstein in Bielefeld, Bankier M. Katzenstein in Bielefeld, Rabbiner Dr. David in Bochum, Kaufmann M. Liebenfeld in Bochum, Kaufmann D- Klestadt in Gelsenkirchen, Rechtsanwalt Nassau in Hagen, Rechtsanwalt Dr. Cohn in Münster, Seminardirektor Dr. Spanier in Münster/ Rentner S. Löwenstein in Rietberg, Dr. med. Bonnin in Wattenscheid, Prediger und Lehrer a. D. Ostwald in Witten. Im Laufe des Jahres sind die Städte Beverungen, Kamen, Lünen, Niedermarsberg, Peckelsheim, Sternheim und Marburg dem Verbände beigetreten, dessen Mitgliederzahl nunmehr über 50 beträgt. Bei dem Versuche, den Religionsunterricht an den zahlreichen kleinen und leistungsunfähigen, aber doch mitunter kinderreichen Plätzen einzusühren, die vielfach noch keine. Gemeinde bilden und keinen Vorsteher oder Vertreter haben, haben besonders die Lehrer erfolgreich mitgewirkt, so daß der Verband die nachfolgend verzeichneten Plätze mit einem regelmäßigen Religionsunterrichte versorgen konnte: Anholt, Arfeld, Beddelhausen, Bellersen, Bonenburg, Daseburg, Dringenberg, Elsoff, Erwitzen, Frohnhausen, Hallenberg, Herlinghausen, Luegde, Ovenhausen, Ossendorf, Pömbsen, Rimbeck. Rösebeck, Schwarzenau. Vörden, Willebaldessen, während mit anderen die Verhandlungen noch schweben. Für das nächste Jahr erstrebt er zum Sporn für Schüler und Lehrer auch eine Inspektion dieser neuen Schulen. Inzwischen hat der Schulausschuß die neuen Lehrpläne für den biblischen Unterricht in allen drei Stufen der Volksschule fast sertiggestellt. Die königliche Regierung in Arnsberg hatte auf Grund eines nicht veröffentlichten Ministerialerlasses, der sie anwies, auf Beseitigung der kleinen staatlichen Volksschulen Bedacht zu nehmen, der Gemeinde Unna nicht nur die Bestätigung einer Lehrerersatzwahl verweigert, sondern auch zugleich die Auflösung der nur noch zwölf Schüler zählenden Schule verfügt, obwohl sie schon seit geraumer Zeit keinen eigentlichen Zuschuß zu den Unterhaltskosten mehr zu leisten brauchte. Die gemeinsamen Gegenschritte der Gemeinde und des Unnaer Magistrats und sogar unter förmlichem Verzicht auf jeden Zuschuß, waren in Arnsberg erfolglos geblieben. Der erwähnte Erlaß gilt allen Schulen ohne Unterschied des Bekenntnisses, allein naturgemäß muß er hauptsächlich die jüdischen treffen, deren Zahl sich in Westfalen auf 22 beläuft. Der Verband wurde bei der königlichen Negierung in Arnsberg vorstellig und erreichte den Fortbestand der Unnaer Schule. Dasselbe geschah in Nieheim. Der Verband hat sich gleich nach dem Unnaer Ereignisse an alle westfälischen Gemeinden mit öffentlichen Schulen gewandt und, um über die Lage dieser Schulen, d. h. über Schülerzahl, Aufschwung oder Rückgang der Gemeinde und der Schule, Alter und Gesundheitsstand des Lehrers, Nächbarschaftsverhältnisse rc. für den Fall der Gefährdung genau unterrichtet zu sein, zugleich einen Fragebogen versandt, den der D. I. G. B. seinerseits den übrigen Provinzialverbänden zu gleichem Vorgehen zustellte. Leider ergab sich aus den Antworten, daß fast die Hälfte aller Schulen in Westfalen bedroht ist. Der Verband ist bei der Regierung vorstellig geworden, um endlich nicht mehr unfern Kindern Lesebücher in die Hand geben zu müssen, die geflissentlich christlich-kirchlich durchtränkt sind. Zunächst ist eine wohlwollende Prüfung unserer Wünsche und Vorschläge zugesagt worden. An den Minister Studt in Berlin wurde zum Besten der Marks-Haindorsischen Stiftung in Münster eine Eingabe gerichtet. Auch wurden dieser Anstalt, die immer noch zu kämpfen hat, für 1905/06 300 Mark zu einer Freistelle zugewandt. Ebenso wurden dem seit einigen Jahren von Dortmund aus in Westfalen segensreich wirkenden Kuratorium für jüdische Krankenpflegerinnen für 1905/06 einen Zuschuß von 300 Mark bewilligt. Endlich wurde für 1905/06 auch die Pensionskasse mit. 200 Mark bedacht. Im Gegensätze zu vielen anderen Provinzen besitzt Westfalen an einem geeigneten Badeplatze noch immer keine Ferienkolonie für jüdische schwächliche oder angegriffene Kinder, obgleich die rauch- und staubgeschwängerte Luft seiner Jndustriebezirke eine solche Erholungsstätte vorweg nötiger als irgendwo erscheinen läßt. Nach sorgfältigen Erkundigungen bei den bestehenden jüdischen Ferienkolonien würden sich in Bad Königsborn die Ein- .richtungskosten, also die einmaligen Ausgaben, bei zunächst 30 Betten auf etwa 2500 Mark und die regelmäßigen Ausgaben auf etwa 2000 Mark belaufen, eine für die vereinigten jüdischen Gemeinden Westfalens verhältnismäßig kleine Summe. Die Entwicklung der Pensionskasse ist im verflossenen Jahre insoweit eine günstige gewesen, als drei neue Verbandsgemeinden (Bünde, Hörde und Hohenlimburg)