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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-28 · Heft 30 (28.7.1905) · page 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Glaubensgenossen. Dem 80-jährigen verdienten Ehrenbürger rühmt" das „Mainzer Tageblatt" nach: „Mit sechs Bürgermeistern hat. Reinach zusammen gewirkt, und alle sechs waren ihm von HerzeO dankbar für seine treue, uneigennützige Mitarbeit an der Vervollkommnung unserer kommunalen Einrichtungen, für seine energische Initiative nt der Führung der Geschäfte undfür die vortreffliche Beratung, die er aus der reichen Schatzkammer seiner Erfahrung und seiner Sachkenntnis auf allen Gebieten des kommunalen Lebens zu-, schöpfen wußte. Dankbar war ihm aber auch immer die Bevölkerung von Mainz, für deren Gesamtwohl er, uneingeschränkt durch kleinliche, Partei- oder andere Rücksichten, mit aller Kraft seines reichen Geistes und seines tiefen Gemüts wirkte. Wenn er aber auch als zuverlässiger Berater von Mainz auf einer höheren Warte stand, als aus. der Zinne der Partei, so war er doch allezeit ein warmherziger, echter Patriot, ein guter Deutscher, der an den Geschicken seines Vaterlandes innigen Anteil nahin, der mit Grimm und Gram im Herzen Deutschlands Schmach miterlebte und mit jauchzender Seele die Auferstehung des-Reiches begrüßte." Zu seinem Nachfolger wurde von dem Stadtverordnetenkollegium Dr. Franz Bamberger, Neffe des bekannten Reichstagsabgeordneten, gewählt. GesterreLch-Angarn. . Wien, 24. Juli. Die letzte Mitteilung über den Modus bei der Rabbiner wähl in Budapest bedarf noch einer Ergänzung'. Nach den Statuten der Pester israelitischen Neligionsgemeinde sini) die bon der Gemeinderepräsentanz nominierten Rabbiner erst dann als endgültig gewühlt zu betrachten, wenn der Wahlbeschluß der Repräsentanz mittels namentlicher allgemeiner Abstimmung sämtlicher Gemeindemitglieder gutgeheißen wird. Infolgedessen fand am 18. d. M. die allgemeine Gemeindeabstimmung über die jüngst in der. Repräsentanz nominierten Rabbinerkandidaten Dr. Julius Fischet? und Dr. Simon Händler statt. Die Abstimmung erfolgt mittels auf Namen lautender Wahlzertifikate, die in der Gemeindekanzlei verabfolgt. wurden. Für jeden der beiden Kandidaten wird separat mit „Ja" oder „Nein" abgestimmt. Natürlich wurden die beiden genannten Herren gewählt. Aber der Wahlmodus ist überall zu empfehlen. — Hier starb in der vorigen Woche der allgemein geachtete Pölizeirüt Leopold Presser. Seinem letzten Wunsche gemäß wurde er auf betit Friedhof seiner Heimat, in Kremsier, beerdigt. Rabbiner Dr. Adolf Frankl-Grün hielt dem Verstorbenen - einen warm empfundenen Nachruf, in welchem er den bescheidenen Lebenswandel, die Charakterstärke, Anhänglichkeit und Treue des Verstorbenen gegenüber seiner Vaterstadt besonders hervorhob. — Von den Legaten, die der verstorbene Baron Nathaniel Rothschild im Betrage von zwei Millionen Kronen hinterlasseu, ist ein großer Teil jüdischen Wohltätigkeitsinstituten zugute gekommen. — Der Präsident der Handelskammer in Reichenberg, Alois Neumann, soll im Herbst bei dem nächsten Pairsschub ins Herrenhaus berufen werden. Frankreich. 1 . — Paris, 16. Juli. Zu der Mitteilung über den 80. Geburtstag des Professors Julius Oppert sei nachgetragen, daß der deutsche Botschafter Fürst Radolin. dem die Bedeutung des Tages für den berühmten Gelehrten bekannt war, ihm früh am Vormittage einen Besuch machte und das greise Geburtstagskind zu seinem Wiegenfeste beglückwünschte. Noch eine Bemerkung zu einer der Angaben der gewidmeten lebensgeschichtlichen Notiz in den Tagesblättern. Es hieß dort, Oppert. habe Deutschland verlassen, weil damals Pfleger der Sprachwissenschaft in Deutschland keine Aussichten hatten. Als Beweis wurde der Fall Max Müllers angeführt. Weshalb Max Müller nach Oxford ging, das hat er in seiner 'Lebensgeschichte selbst erzählt. Es war durchaus nicht, weil er in Deutschland keinen Lehrstuhl fand/ Was aber Oppert betrifft, so wäre es eine Verschleierung der Wahrheit, wie sie. in diesem Blatte nicht üblich ist, wenn man seine Auswanderung nach Frankreich mit der Aussichtslosigkeit der Sprachwissenschaft zu erklären vorgeben würde. Oppert verlies; sein Vater-. land, weil er als Jude an keiner deutschen Hochschule auch nur als Privatdozent zugelassen wurde (sein Oheim, der Jurist Gans, wurde iu Berlin erst Professor, als er sich hatte taufen lassen), während iu Frankreich sein Judentum ihn nicht hinderte, Professor, Offizier der Ehrenlegion und Mitglied der Akademie zu werden. Von Sah und jfrrn. — Am 21. d, M. wurde eine öffentliche Versammlung, in der Graf Pückler als Redner auftrat, nach kaum halbstündiger Dauer aufgelöst. Ein starkes Polizeiaufgebot räumte sofort .den Saal. In der Versammlung kündigte Graf Pückler an, daß er sich in wenigen Monaten aus vem politischen ins private Leben zurückziehen werde, da er einen Erfolg bisher nicht erzielt habe und das Publikum seine Ausführungen lediglich zum Gegenstand des Lachens und des Spottes gemacht habe. — Am 21. d. M. ist -hier der frühere Kantor N. Lachmann im 75. Lebensjahre gestorben.— Die israelitische Gemeinde zu Osnabrück erhielt die Baugenehmigung der von. dem Architekten-Münchhausen, Köln, entworfenen Pläne zu einer neuen Synagoge. — In Detmold fand die feierliche Grundsteinlegung zunt Neubau der Synagoge statt. — Ein zu Ehrenfeld wohnender Fuhrmann hatte ohne weitere Veranlassung einem jüdischen Kaufmann auf der Straße verschiedene Gemeinheiten nachgerufen und war deshalb vom Schöffengericht zu 30 Mark Strafe verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen diese Entscheidung Berufung an die Strafkammer, weil die Bestrafung zu gering bemessen sei, mit dem Erfolge, daß dem „Stadtanzeiger" zufolge nunmehr der Fuhrmann zu einem Monat Gefängnis verurteilt wurde. — An den höheren Lehranstalten in Elsaß-Lothringen sind unter 90 Professoren 4, unter 174 -Oberlehrern 7, unter 41 wissenschaftlichen Hilfslehrern und 42 Probanden keine Juden. Die vorhandenen 1l jüdischen Professoren und Oberlehrer waren sämtlich an staatlichen Anstalten beschäftigt. — In einer Versammlung zu Belgrad faßten die Juden den Beschluß, für die sozialistischdemokratischen Kandidaten zu stimmen, obgleich sich unter den Kandidaten der anderen Parteien auch Juden befinden. Es ist dies das erstemal, daß sich Juden dort politisch unabhängig erklären. Bisher stimmten sie regelmäßig für die Negierung. — Der König von England hat an seinem Geburtstage Herrn .Herbert v. Stern zum Baronet und den Zivilingenieur Isidor Spielmann in London zum Ritter ernannt. — Uebereinstimmenden Meldungen zufolge wurden die russischen Grenzen den jüdischen Reisenden aus Rumänien verschlossen. . An alle Grenzpunkte sind strenge Befehle gelangt, nur solchen Juden den Eintritt nach Rußland zu gestatten, die russische Pässe besitzen. — Die russischen Beamten in Lodz schickten den Petersburger Behörden Telegramme, in denen sie die Beibehaltung der Verordnungen, welche die Rechte der Juden beschränken, fordern. — In Dwinsk wurden zwei wegen politischrevolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilte jüdische Delinquenten in das Gefängnis eingeliefert. Als die anderen Häftlinge davon Kenntnis erhielten, wollten sie die beiden in Freiheit setzen. Es brach eine förmliche Revolte aus. Zwei Personen wurden getötet, ..sechs schwer verwundet. — Die Redaktion der panslavistischen Zeitschrift „Rußkoje Djelo" sammelt Unterschriften für eine Petition um Nichtzulassung der Juden zur Teilnahme an der Volksvertretung. — Im Präsidium des Semstwo-Kongresses in Moskau befand sich der bekannte Rechtsanwalt B. A. Gru send erg als erster Schriftführer. — Der Arzt Dr. Philipp Blumenthal zu Moskau hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Baron von Rosen, der gegenwärtige Bevollmächtigte der russischen Negierung bei den Friedensverhandlungen in Washington, früher russischer Gesandter in Japan, ist der Sohn eines Juden, des früheren russischen Staatsrats Rosen. — Aus 'Kiew wird gemeldet, daß zu den in den russischen Spitälern liegenden verwundeten jüdischen Soldaten ihre Angehörigen nicht zugelassen und, wenn sie von weither zugereist sind, von der Polizei sofort abgeschoben werden unter dem Vorwand, sie seien nicht wohnberechtigt. Dasselbe geschieht in Petersburg und Moskau, so daß die Verwandten der Juden eine Beschwerde an den Senat gerichtet haben. — Aus Urmia in Persien wird unter dem 20. d. M. eine Judenhetze gemeldet; über 20 Läden wurden zerstört; 50 Personen wurden verwundet, eine getötet. — Der Oberingenieur der Anatolischen Bagdadbahn, Königlich Preußischer Regierungsbaumeister Hermann Galewski in Kvnstantinopel, hat denKronenordenIV.Klasse erhalten. Vor einigen Wochen erhielt er erst vom Sultan den Medjidje-Orden III. Klasse. — Jsaae A. Jsaacs hat das Amt des Attorney General (Generalanwält) im neuen Kabinett der australischen Föderation angenommen.

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