Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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69; Jahrgang. Ko. 30: 0|*^ Berlin, .28. Juli 1905. Veilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums. LorrrlpünÄrnHen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 23. Juli. Hiesige Blätter haben die Nachricht verbreitet, Rabbiner Professor Dr. Maybaum sei inKissingen an einer Nierenentzündung schwer erkrankt und gedenke übrigens am 1. September von seiner seelsorgerischen Tätigkeit zurückzutreten, die er dann gerade 25 Jahre verwaltet haben wird. Diese Nachricht ist durchaus falsch. Rabbiner Professor Dr. Maybaum befindet sich nicht in Kissingen, sondern in Homburg v. d. H.; seine Kur in Kissingen hat er ohne die geringste Störung beendet. An einem Rücktritt vom Amte denkt Herr Professor Dr. Maybaum auch nicht im entferntesten, wie wir zur Freude seiner zahlreichen Verehrer bestimmt versichern können. s. Berlin, 24. Juli. . Einer der Besten und Angesehensten in unserer Gemeinde, zugleich auch einer unserer hervorragendsten Juristen, der Justizrat Hermann Stern I ist gestern Mittag auf Sylt, wo er sich mit seiner Familie in der Sommerfrische aufhielt, ganz plötzlich am Herzschlage gestorben. Er hat nur ein Alter von 53 Jahren erreicht. Seit dem 1. Oktober 1879 gehörte er dem Anwaltstande an. Vor etwa 15 Jahren wurde er zum Notar ernannt. Die große Wertschätzung, der er sich bei seinen Kollegen erfreute, bewirkte seine Wahl in den Vorstand der Anwattskammer, dem er ebenfalls 15 Jahre' ununterbrochen angehörte. Außerdem wirkte der Verstorbene feit Jahren hervorragend in verschiedenen gemeinnützigen Vereinen. So war er Vorstandsmitglied der jüdischen Reformgemeinde und im deutsch-israelitischen Gemeindebunde. Bei Richtern und Anwälten genoß er den Ruf einer Autorität. Insonderheit war er aus dem Gebiete des Zivil- und Handelsrechtes ein hervorragender Kenner. In früheren Jahren war er assoziiert mit dem Justizrat Simson, dem Bruder des Reichsgerichtspräsidenten. Später arbeitete er gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Dr. Gbtthelf. Er hinterläßt eine Witwe und fünf Kinder. Stern war ein treuer ' und charaktervoller Jude. Das Erbe seines Vaters, des Dr. Sigismund Stern, der'der eigentliche Begründer der hiesigen Reformgemeinde war, hat er umsichtig verwaltet. Ehre seinem Andenken! C£2 Berlin, 19. Juli. Die Kommission für das G esamtarchiv der deutschen Juden hielt am 9. d. M. eine Sitzung im Bureau des D. I. G. B. ab. Am 26. Januar wurde an eine Anzahl Gemeinden, die sich zur Ueberlassung des Materials bereit erklärt hatten, ein Rundschreiben gerichtet, worin ihnen die Kenntlichmachung der zu übersendenden Archivalien als ihr Eigentum zugesichert wurde. Die Gemeinde Chemnitz hat gebeten, von der versprochenen Uebersendung der Akten abzusehen, da die Gemeinde erst 25 Jahre bestehe und die Akten noch gebrauche, Breslau ist mit der Ordnung seiner Archivalien beschäftigt, Aachen hat um Besuch des Herrn Dr. Zivier gebeten. Die Herren Rabbiner Dr. Bloch-Posen und Heppner-Koschmin haben im Aufträge der Kommission erfolgreiche Besuche in verschiedenen Posener Gemeinden abgestattet. Das Referat des Herrn Dr. Zivier ist in der „Monatsschrift" erschienen und in Separatabzügen auf dem X. Deutsch-Israelitischen Gemeindetage in Frankfurt a. M. am 13. Juni zur Verteilung gelangt. Die Verhandlungen über das Gesamtarchiv mußten dort wegen 'Ermüdung der Versammlung von der Tagesordnung 'abgesetzt werden, doch hat Professor Philippson Gelegenheit genommen, in seinem Schlußwort den anwesenden Gemeindevertretern die Archivsache ' dringend ans Herz zu legen. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin teilte durch Zuschrift vom 8. Juni d. I. mit, daß er beschlossen hat, vom 1. Juli 1905 ab einen Beitrag von 2500 Mark auf ein Jahrzu bewilligen unter der Bedingung, daß a) ihm das Recht zur Entsendung dreier Vertreter in die Leitung des Archivs zusteht; b) daß das Archiv unter bisheriger Leitung verbleibt; e) daß der Mietswert etwaiger vom Vorstand zu gewährender Räumlichkeiten von obigem Betrage in Abzug gebracht wird. Infolge der einmaligen Zuwendung des Herrn Professor Philippson ist das erste Geschäftsjahr des Gesamtarchivs-fast ohne Defizit verlaufen: Der D. I. G! B. und die Großloge hatten nur je 12-7,50 Mark zu zahlen. Archivalien sind in der Zwischenzeit seitens folgender Gemeinden eingegangen: 28. Januar Karlsruhe i. B., 10. Februar Ellar-Nassau/ 11. Februar Dürmstadt (sehr umfangreiches Material), 16. Februar Stolp (in äußerst primitiver Verfassung angekommen). 15. Februar Lissa/Posen, 28. Februar Pleß, 18. Mai Gnesen, 18. Juni Thorn, 29. Juni Krotoschin; am 5. Juli sandte Dr. Heppner-Koschmin Akten aus Borek, Lissa, Bojünowo, Pleschen, Ostrowo und Schrodda, am selben Tage übersandte auch Herr Benjamin Hirsch-Halberstadt einige Aktenstücke. Im Anschluß an den. Bericht regt der Vorsitzende an, daß der D. I. G. B. und die Großloge von den im ersten Jahre ersparten Beiträgen je 1000 Mark für die Schaffung eines Vetriebsfvnds hergeben möchten. Der Vorschlag fand Zustimmung. Ferner teilte der Vorsitzende mit, daß Herr Dr. Täubler mit der Ermittlung eines Lokals für das Archiv jvon ihm betraut sei.' Die Lage soll nicht zu entfernt von den wissenschaftlichen Instituten der Universität sein. Dr. Zivier -wünschte, daß, sobald ein Lokal beschafft' sei, auch die offizielle Eröffnung des Archivs stattfinde. Bei dieser Gelegenheit habe sich die bisherige Korn- Mission auszulösen und an ihre Stelle ein'Kuratorium zu treten, das durch die beitragenden Körperschaften zusammenzusetzen sei. Daneben könnte event. eine wissenschaftliche Kommission weiterbesteherr, die durch Herren aus den verschiedenen Provinzen mit dem Titel „Pfleger" oder „korrespondierende Mitglieder" ergänzt werden könne. Justizrat Timendorfer schlägt vor, die bestehende Kommission durch Zuwahl zu ergänzen.' Zur Annahme gelangte der nachfolgende Vorschlag des Herrn'Professor Philippson: Die bestehende Kommission bleibtunter dem neuen Namen „Kuratorium" weiter bestehen und erwählt zur Leitung ihrer Geschäfte einen geschäftsführenden Vorstand, bestehend aus drei Mitgliedern, nämlich einem Vorsitzenden; seinem Stellvertreter und' einem Schriftführer. Zur Unterstützung des Kuratoriums sollen in' den Provinzen „Korrespondierende Mitglieder" ernannt werden, die die Pflicht übernehmen, daräuf zu achten, daß in ihrem Bezirk Archivalien nicht verloren gehen. Zum Vorsitzenden des geschäftsführenden Vorstandes wurde Professor Philippson, zu seinem Stellvertreter Dr. Elbogen ernannt. Für das Amt des Schriftführers wird einer der vom Vorstand zu Berlin zu entsendenden Herren in Aussicht genommen. Herr Dr. Täubler wird im August eine dreiwöchige archivalische Reise nach den Hansastädten antreten. Auch sollen von Vertrauensmännern kleinere Meisen in die Umgegend ihres Wohnsitzes gemacht und die Berliner Vereine um Ueberlassung von Archivaliett angegangen werden. Endlich wurde der Berliner Gemeinde das Recht zugebilligt, ihre Archivalien in der bisherigen Anordnung mit dem Gesamtarchiv zu vereinigen. ' s. Berlin, 24. Juli. Auf dem außerordentlichen Parteitage der sächsischen Resormpartei hat ein Delegierter nach dem „Leipziger Tageblatt" folgendes mitgeteilt: Dr. Lueger sei vor ca. 3 Monaten in Berlin gewesen, um die „Staatsbürgerzer tung" anzukaufen und durch sie in seinem Sinne auf die öffentliche'Meinung einwirken ' zu lassen. Die Nichtigkeit dieser recht unwahrscheinlich klingenden Meldung wurde fest versichert; Lueger soll sogar, als die Verhandlungen sich zerschlügen, gedroht haben, in Berlin ein eigenes Organ christlichsozialer Richtung zu gründen. Hierzu bemerkt die „Deutsche Wacht", daß es sich nicht um den Bürgermeister Lueger, sondern um seinen Schildknappen, den hinlänglich bekannten Herrn Vergani handelte. xs. Breslau, 19. Juli. Am 10. d. M. wurden Hierselbst die Ferienkurse in Religionswissenschaften — die ersten ihrer Art — durch eine besondere Feier in der von den Gemeindebehörden zu. diesem Zwecke gütigst bewilligten kleinen Storchsynagoge eröffnet. Der Würde und Bedeutung der Stünde angemessen, war der gottesdienstliche Raum festlich geschmückt. Eingeleitet wurde die Feier durch . den Gesang der Mendelsohnschen Arie „So ihr mich von ganzem > Vv*r.-i- ---