Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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in das Bett einer Form, sie heiße, wie sie wolle, zu drängen. Die der Reise-Bilder, Sie wissen, ich trage mein Herz auf der Zunge, ist eigentlich gar keine. Wer Sie genau kennt und die Eigenthümlichkeit Ihres Talentes, der weiß, daß der Reiz und das Verdienst dieser Bücher, ein rein subjektiver ist. Der Lorbeerzweig den Sie dadurch erringen hängt Ihnen zu nahe und zu niedrig, als daß man nicht von Ihnen fordern dürfte, daß Sie mit den großen Kräften Ihres Genius nach einem höheren strebten. — Ihre Nachträge haben mich wieder mit Ihnen versöhnt; aber in Ihrem dritten Band, Sie Entsetzlicher, haben Sie Ihren Feinden so gerechte Waffen gegen sich in die Hände gegeben, daß ich Ihnen schon deshalb ganz böse war. Nun ich denke, wenn Sie über Frankreich schreiben, so sollen wir alle, die wir Sie und Ihr Talent lieben, uns von ganzer Seele über Sie freuen dürfen. Von Jmmermann habe ich heute einen zwölf Seiten langen, recht aus dem Herzen geschriebenen Brief. Er schafft mit unermüdeter Tätigkeit. Wer ihm das ablernen könnte. — Schenk erwiedert Ihren Gruß. Es ist lehrreich, Verhältnisse wie die feinigen in der Nähe gesehen zu haben und die Qualen und Aengste, die die höheren Regionen des Lebens durchziehen, mitzuempfinden. Die Rolle seines sonderbaren Berufes, die Gunst tragen zu müssen, die ihn erdrückt, ist noch nicht ausgespielt. Er wird früher oder später gewiß wieder hervortreten. Beurtheilen Sie übrigens ein von so heterogenen Empfindungen geprüftes Herz wie das Seinige nicht in der Ferne. Lesen Sie doch in der Allgemeinen Zeitung den Entwurf des neuen Bayrischen Preßgesetzes, und sehen , Sie darin die Geburt eines Monstrums, daß auf dem Buckel die Zensur und auf der Stirne Jury für Preßvergehen trägt. Geben Sie acht! Läßt die Bayrische Kammer dies Ungeheuer ins Leben treten, wie bald man ihm den Buckel operieren wird, und wie die absoluten Staaten Deutschlands von dem Athem dieses Riesen erschüttert werden dürften. Die Welt ist im Kreisen, und ihre Wehen sind ängstigend — aber Neues erzeugt sie gewiß. An Wiedergeburt von Leichen darf nicht mehr gedacht werden, und der Absolutismus liegt hinter uns. Vielleicht — doch ich schwatze fort und mein Papier ist zu Ende. Lassen Sie wieder von sich hören. Ihr treuer Michael Beer. München, 10. Juni 1831. Man wird nicht ohne tiefe Rührung diese Bekenntnisse, einer wirklich edlen Seele lesen. Die Mahnungen, . die er an Heine richtet, gereichen ihm selbst zur Ehre; die politischen Aeußerungen zeugen für einen reifen Geist, der die Weltdinge von einer höheren Warte aus überschaut. Die Klage, die er über „den altersgrauen Judenschmerz" anstimmt, erinnert an verwandte Klänge, die die Zeitverhältnisse Heinrich Heine selbst oft erpreßt haben. Der Brief ist ein wertvolles Aktenstück der Freundschaft zwischen den beideü Dichtern, die leider nicht immer auf gleicher Höhe blieb. Es ist bekannt, daß Heine den „Paria" von Beer nicht leiden konnte und diesen deshalb einen „Wasserdichter" nannte. Ihm war das Ducken und Tragen, das Dulden und Schweigen in der Seele zuwider. Er wollte, daß die Juden mit voller Entschiedenheit für ihr gutes Recht und auch für ihre historische Individualität überall eintreten sollten. Und so ist es kein Paradoxon, wenn man sagt, daß der getaufte Heine innerlich ein echterer Jude war als der ungetanste Michael Beer. 6. K. Der alte Nolendrsn?. Eine altmärkische Dorfgeschichte von Hermann Robolsky, I. ehüi? Dich Gott, Marie! Bleib fromm und brav! Denke Deiner alten Mutter oft! Und ist's Dir weh ums Herz, kommen Tage, die Dir nicht gefallen. Deine Eltern sind nahe. Du fährst dann aus kurze Zeit wieder zurück in das heimatliche Dorf. Nun weine nicht mehr! — Das Weib soll ja Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen!" Das so getröstete Mädchen antwortete nicht, sondern warf sich immer von neuem an die Brust der sorgenden Frau und schluchzte laut. Da brach auch der lang verhaltene Schmerz der alten Bäuerin wild hervor, und reichlich stoffen die Tränen, die sie so lange niedergekämpft hatte, über das altersgefurchte Antlitz. Als nun aber noch die Musikanten in einfach-ernster Weise den schönen Choral „Unfern Ausgang segne Gott!" intonierten, nahmen die umstehenden Männer schweigend die Mützen vom Haupte, während die Frauen und Mädchen des Dorfes die Hände andachtsvoll ineinander legten und den sinnigen Gesang halblaut hersprachen. Lenzens Marie wollte „wegsreien". Aus dem benachbarten Ebersheim hatte des Ortsschulzen Sohn um die Hand des schmucken Mädchens geworben. Beide waren vermögender Eltern Kinder, und nun mußten sie auch für einander passen. Die eben geschilderte Szene stellte den Augenblick dar, als die einzige Tochter sich anschickte, den elterlichen Hof zu verlassen. Die junge Braut mochte kaum 18 Jahre zählen. Sie war gerade keine fesselnde Schönheit, aber „zu leiden", wie man im Volksmunde zu sagen pflegt. Aus ihrem von Gesundheit strahlenden Gesichte, das von lichtblonden Flechten umrahmt war, sprach unverkennbare Gutmütigkeit und Herzensgüte, wie sie nur unverdorbenen Charaktern eigen zu sein Pflegt. — Marie trocknete die feuchten Augen, reichte den Eltern, sowie der Reihe nach dem Hofgesinde, sogar dem Pfiffig dreinschauenden Gänsejungen noch einmal die Hand und bestieg dann mit ihrem Auserkorenen die hübsch mit Girlanden ausgeschmückte Kalesche. Noch einen innigen, langen Scheideblick warf das Mädchen auf alle die Umstehenden, auf Haus und Hof; dann zogen die mutigen Pferde an und das Gespann rollte zum Torweg hinaus. Draußen harrte eine Schar junger berittener Landleute, die Mützen mit künstlichen Blumen geziert und alle im Sonntagsstaat. Selbst die Köpfe der Pferde entbehrten allerlei Flitterschmucks nicht. Als der Brautwagen den Hof verlassen hatte, setzten sich die jungen Reiter, vier Trompeter an der Spitze, in Bewegung und ritten dem Gefährt voraus. Nach altem Brauch müssen, wenn ein Mädchen in ein anderes Dorf ausfreit, zwei berittene Sendboten in dem neuen Heim der Braut förmlich anfragen, ob diese auch im Dorfe willkommen sei, und der Hochzeitszug darf die Gemarkungsgrenze nicht eher überschreiten, bis die beiden „Herolde" günstigen Bescheid zurückgebracht haben. Zu diesem Ehrenamte werden stets die besten Reiter des Dorfes ernannt, die gleichzeitig über die schmucksten Pferde verfügen. Es war ein heiterer, schöner Herbsttag. Eichen und Buchen trugen noch alle das srischgrüne Laub; nür an den Kastanien