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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-28 · Heft 30 (28.7.1905) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 flatterte im losen Winde schon hier und da ein gelblich Blatt,, das an des Sommers Abschied gemahnte. Aus den Aepfel- und Birnbäumen glänzten goldig schimmernde Früchte, und im duftenden Lupinenfeld am nahen Staket wühlten ganze Schwärme von geschäftigen Bienen, die den sauber gelben Blüten emsig die Süßigkeit entzogen, ehe des fleißigen Landmannes Hand die üppigen Pflanzen samt und sonders — unterpflügte. Vor allen Höfen standen die Bewohner des Dorfes, um der scheidenden Marie noch einmal ein Lebewohl zuzunicken. An dem rebenumrankten Pfarrhause mußte der Zug sogar einen kurzen Halt machen, denn der alte, silbergreise Pfarrer, der seit bald 50 Jahren segensreich in der Gemeinde wirkte, trat an den Hochzeitswagen heran und überreichte . seinem früheren Schulkinde, das er später konfirmiert hatte, einen Strauß von Kornblumen und Vergißmeinnicht. „Marie, mein gutes Kind, Du wirst glücklich werden an der Seite dieses braven Mannes! — Gustav, liebe und hege das gute Kind als Deinen köstlichsten Schatz! — Der Herr segne und behüte Euch! Amen!" Der Bräutigam legte beteuernd die Hand auf die Brust, und Marie beugte das Haupt, um unter von neuem hervorbrechenden Tränen ihre Lippen auf die Hand des ehrwürdiger! Mannes zu drücken. „Nun, vorwärts, Fritz!" rief der Bräutigam dem Kutscher zu. Dieser schwang mit einem lustigen „Juchhe!" die Peitsche, und fort flog der Zug die Straße entlang. Vom Dörfchen war bald nur noch der schöne Wald, der es umgab, und aus ihm heraus der spitze Kirchturm zu erblicken. Die jungen Leute saßen schweigend nebeneinander; jedes hing wohl seinen Gedanken nach, während die Vorreiter allerlei Spaß und Kurzweil trieben. Jetzt hatte der Brautwagen die Gemarkungsgrenze erreicht und der Zug hielt still. Die Trompeter sprengten zur Seite und schmetterten eine lustige Weise in die schöne Morgenluft. Spähend blickten Braut und Bräutigam den grün von Rasen eingefaßten Weg herunter. Auf dem nahen Stoppelfelde, den Strickstrumps in der Hand und den dampfenden Pseifenstummel zwischen den Zähnen, saß ein alter Hirt auf der Deichsel des Schäserkarrens und überwachte eine große Herde seiner Schutzbefohlenen, wirksam unterstützt von seinem getreuen Hunde, der seine Pflicht kannte, die Nimmersatten Vließträger von dem benachbarten Rübenfelde fern zu halten. Der alte Schäfer schwenkte grüßend seinen Strickstrumpf und rief dem Hochzeitszuge ein lautes: „Helf Gott!" zu. Gustav faßte zärtlich die Hand seiner Braut: „Siehst Du, Marie! Eine Schafherde, das bedeutet Glück!" Die Willkommensreiter ließen lange auf sich warten, obwohl sie längst zurück sein konnten. Auf dem Musikantenwagen spielten sie inzwischen eine lustige Polka, die im Vorgefühl der Tanzfreuden, die der jungen Welt harrten, von den Burschen mit fröhlichem „Hoi!" und von den Mädchen mit einem glücklichen Lachen begrüßt wurde. Allein der letzte Takt war verschwunden und noch immer zeigten sich die Reiter nicht. Irgend ein Zwischenfall mußte ihre Rückkunft verhindert und verzögert haben. Schon schickte sich der junge Schmied des Dorfes an, allein als Kundschafter vorwärts zu traben, als auf schweißtriefenden Rosse der eine der Erwarteten angaloppiert kam und, am Schlag des Brautwagens sein Pferd geschickt parierend, den Willkommensgruß herstotterte. Der Form war nun genügt. Bang aufatmend erzählte nun der junge Bursche, daß am Eingänge des Dorfes die Gäule vor einer die Straße herunterschwirrenden Gänseherde plötzlich gescheut hätten. Das Tier, aus dem Helmeke, sein Kumpan, gesessen, sei über einen Zaun gesetzt und habe seinen .Reiter abgeworsen. Der Unglückliche wäre dabei mit dem Kopfe gegen einen Baum geflogen, so daß er kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Für tot habe man den Armen in das nächste Haus getragen, und sofort sei ein Wagen nach der Stadt gejagt, um einen Arzt zu holen. Die in abgerissenen Sätzen hervorgestammelte Erzählung des sichtbar echauffierten jungen Mannes brachte eine ungemeine Aufregung unter die Festgenossen hervor. Der Verunglückte hatte erst vor kurzem seine Dienstzeit bei den Halberstädter Kürassieren vollendet und galt als vorzüglicher Reiter. „Wenn er nur nicht sein Pferd mit Sporen traktiert hat?" meinte einer aus der Kavalkade; „das läßt sich ein Bauernpferd nicht gefallen. Dadurch ist schon der beste Reiter abgeworfen worden!" „Unverzeihlich issis auch," fügte ein Zweiter hinzu, „daß die Gänsejungen ihre Tiere stets mit Peitsche und Hund aus dem Dorfe treiben. Geängstigt fangen die schwerfälligen Vögel dann an zu fliegen, und wie manches liebe Mal hat sich die beste Gans die Brust an Baum oder Haus eingeschlagen!" Die bisher fröhliche Stimmung im Hochzeitszuge war mit einem Male verschwunden. Was Wunder auch: nach solchem Unglücksfall! Auf dem sonst so frischem Antlitz der Braut lagerte tiefe Bläsie und sie blickte, auf die tröstende Zusprache des Bräutigams kaum achtend, stumm vor sich nieder. Nun meinten auch alle, fest, vom törichten Aberglauben besangen, die Ehe könnte nimmer eine glückliche werden, denn das eben geschehene Malheur wäre der beste Beweis dafür. An einer aus schönen massiven Gebäuden bestehenden Wirtschaft hielt der Wagen jetzt still. Des Bräutigams Eltern, sowie alle übrigen Bewohner des Hofes standen am offenen Torwege und hießen die aussteigende Braut treuherzig willkommen. . „Da, gut^s Mütterchen und lieber Vater, da habt Ihr neues Töchterlein!" rief Gustav mit glückstrahlenden Augen. Die Schulzenbäuerin umarmte das Mädchen: „Gott segne Deinen Eingang, mein Kind!" — Der alte Schulze aber gab der Ernsten seine rauhe Hand und sagte: „Sei mir willkommen, meine Tochter!" Die Musik spielte jetzt einen wirbelschnellen „Dreitritt". Doch, wie leicht begreiflich, verfehlten bei der ernsten Stimmung die anregenden Weisen diesmal ihre Wirkung ganz und gar. „Sieh nur," sprach ein altes Weib zur Nachbarin, „wie verstört die arme Braut dreinschaut; die ahnt ihr Unglück, dem sie entgegengeht. Ich möchte mit ihr nicht tauschen, trotzdem ich arm bin!" „Das Leichenhuhn der Kirchhofslinde hat vergangene Nacht fortwährend ein unheimliches: Kumm mit! — Kumm mit! gerufen. Da mußte einer sterben!" ließ sich ein altes Mütterchen weiter aus. „Nur hätte ich nicht geglaubt, daß der junge Helmeke schon so früh weg mußte!" „Seine Hofhunde heulten seit mehreren Tagen recht jämmerlich!" fügte ein dritter bedenklich hinzu: „und die Tiere wissend jedesmal vorher, wenn jemand zum Jenseits abgerufen wird." An dergleichen Vorbedeutungen glauben viele Landleute der Altmark noch heutzutage. Unterdessen war der Arzt aus der Stadt angekommen; er - fand jedoch nichts mehr zu helfen. Dem jungen Mann war die Hirnschale zerschmettert, und einige in das Gehirn gedrungene Knochensplitter hatten den Tod des Gestürzten! herbeigeführt. ' (Fortsetzung folgt.)

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