Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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355 haben werden, so daß die Gesellschaft mit Ausnahmevom etwaigen kleinen Vorschüssen ihnen nur das Land und die Gebäude geben wird. Wir wollen hoffen, daß sich genug jüdische Familien finden werden, welche nebst der tüchtigen Arbeitskraft und landwirtschaftlichen Erfahrung noch über ein Bar kapital von 2000 Rubel verfügen und den guten Willen besitzen, diese für Rußland bedeutende Summe statt im Kleinhandel in die Landwirtschaft zu stecken. Einstweilen haben sich 44 solcher Familien bereits gefunden, welche bis jetzt im Gouvernement Cherson als Kolonisten gewohnt und sich nunmehr entschlossen haben, nach Argentinien ausznwandern. Emigration. Daß diese nicht außer Möglichkeit liegt, beweist die wachsende Emigration nach Argentinien. lieber den Umsang derselben liegen zurzeit keine offiziellen Zahlen vor. Dennoch scheint sie von Monat zu Monat einen erheblichen Umfang anzunehmen. Allein die Verwaltung der J. C. A. in Buenos Aires hat 450 jüdische Emigranten beherbergt. Für das erste Viertel des Jahres 1905 soll ihre Zahl 12—1500 monatlich betragen haben. Von den im Berichtsjahre eingewanderten Juden haben sich 502 direkt in die jüdischen Kolonien begeben, und die Kolonisten bieten alles auf, um ihren hilflosen einwandernden Glaubensgenossen Arbeit zu verschaffen. Im ganzen leben in den jüdischen Kolonien Argentiniens gegenwärtig 836 fremde Juden, die sich als Tagelöhner, Handwerker und Fuhrleute daselbst zu ernähren suchen. 87 von ihnen wohnen in Mosesville, 115 in Clara, 144 in Lucienville und 490 in Mauricio. Argentinien beginnt ein Zentrum zu. werden, das auf die jüdische Emigration eine von Jahr zu Jahr mächtiger wirkende Anziehungskraft ausübt. Fähigkeit der Kolonisten zur Landwirtschaft. Wenn also das jüdische Kolonisationswerk in Argentinien im allgemeinen seine Kinderkrankheit auch bereits überwunden hat, so ist es trotz aller Schönfärberei noch weit davon entfernt, ein Ideal därzustellen oder gar den Beweis zu liefern, daß Argentinien das einzige jüdische Emigrationsland ist. Freilich werden selbst die Kolonisten von Entre Rios, geschweige denn die von Mosesville oder gar Mauricio, von der Verwaltung nicht mehr direkt subventioniert. Dieses haben sie aber nicht ihrer eigenen Tüchtigkeit, sondern der großen Munificenz der Gesellschaft zu verdanken, welche sie so freigebig mit Land und Vieh ausgestattet hat, daß sie selbst bei sehr ungünstiger Ernte noch ihre Existenz fristen können. Von den 364 014 Hektar Land im Besitz der Gesellschaft befanden sich im Jahre 1903 in Entre Rios 202 898, in Santa Fe 117 386 und in Buenos Aires 43 736 Hektar. Davon standen in Entre Rios 109 334, in Santa Fe 60 035 und in Buenos Aires 33 043 Hektar den Kolonisten zur Verfügung. Selbstredend sind diese nicht in der Lage, solche enorme Länderstrecken zu bestellen. Es wurde daher im Jahre 1904 Land bestellt in Entre Rios 27 808, in Santa Fe 15 534 und in Buenos Ayres 18 596 Hektar. Gleichmäßig unter alle Kolonisten verteilt würde auf jeden von ihnen in Entre Rios 42,51, in Santa Fe 49,78 und in Buenos Aires gar 101,68 Hektar kommen. Dazu tritt noch der gewaltige Viehstand, bestehend aus 62 492 Stück Hornvieh, 19 819 Stück Zugvieh und 5487 Schafe hinzu. Es besitzt jeder Kolonist in Entre Rios 31,96 Ochsen und Kühe, 2,41 Pferde und 3,80 Schafe, in Santa Fe 60,37 Ochsen und. Kühe und 25,81 Pferde und in Buenos Aires 75,53 Ochsen und Kühe, 22,45 Pferde und 16,42 Schafe. Man sieht, für die Kolonisten in Argentinien ist gut gesorgt worden. Sie können bequem eine extensive Wirtschaft betreiben und brauchen sich selbst vor einer Mißernte nicht zu fürchten. Eine solche Mißernte gab es eben in dem abgelaufenen Jahre 1904. Das Getreide ergab nur im Durchschnitt 5,94, der Flachs 4,27 und der Mais 2,59 Zentner pro Hektar. Allein infolge ihres ausgedehnten Grundbesitzes hatten die Kolonisten dennoch 108 055 Zentner Getreide, 63 989 Zentner Flachs und 38 029 Zentner Mais geerntet. Welchen Geldwert diese gewaltige Ernte hatte, läßt sich aus einer dem Bericht beigegebenen Note, die Ernte pro 1904/05, ersehen. In In derselben wird der Preis sämtlicher Getreidearten im Durchschnitt mit 6,60 Francs netto pro Zentner berechnet. Dieses würde pro 1904 eine Einnahme von 1 367 341,8 Francs allein aus dem Körnerbau bedeuten. Dazu kommen noch die unkontrollierbaren Einnahmen aus Gemüse und Obstbau, Vieh und Geflügelzucht, sowie in Mauricio und Mosesville die aus den ausgedehnten Luzernenseldern, welche im Jahre 1903 auf 428 000 Francs geschätzt wurden; endlich wird für alle Kolonisten noch der Ertrag aus der Milchwirtschaft zuzurechnen sein, welcher im Vorjahre auf 207 223 Francs berechnet wurde, demnach könnte man die Gesamteinnahmen der jüdischen Kolonisten in Argentinien mit 2 002 564,8 Francs bewerten, gleich 1744,39 Francs pro Kolonist. Dieses Einkommen, um welches mancher deutscher Bauer sie beneiden würde, könnte noch von den Kolonisten um weitere 546 736,72 Francs, gleich 476,42 Francs pro Kolonist erhöht und so auf 2220,81 Francs pro Kolonist gebracht werden, wenn sie tüchtig genug wären, die Erntearbeit allein und ohne Hilfe von Tagelöhnern auszuführen. Darlehen. Der Betrag dieser ist bei freier Wohnung, nebst nahezu freier Beköstigung aus den selbsterzeugten Produkten reichlich genug, um nicht nur bequem leben, sondern auch die an die Gesellschaft zu zahlenden Jahresraten entrichten zu können. In der Wirklichkeit verhielt sich jedoch die Sache ganz anders. Nicht nur sind die Jahresraten sehr spärlich gezahlt worden, der größte Teil der Kolonisten ist gezwungen, sich von der Gesellschaft größere Vorschüsse, sowie kurzfristige Darlehen bewilligen zu lassen. Zum Zwecke der Gewährung von Darlehen ist sogar ein Extrasonds von 440000 Francs bestimmt worden. Man sieht, ein großer Teil der Kolonisten ist nach' wie vor auf die Subvention der Gesellschaft angewiesen, nur heißt es nicht mehr „Subvention", sondern „kurzfristige Darlehen", welche selbstredend alljährlich von neuem erbeten und gewährt werden. Der Grund für diesen Zustand ist weniger in der unter Leitung des ersten Buchhalters der 1. C. A., Herrn W. Moß, und des bekannten Agenten des Baron Hirsch, D. Veneziani, wirklich vortrefflichen Verwaltung, als in dem mangelhaften Menschenmaterial zu suchen. Wir haben schon aus die 2/5 der Einnahmen aus dem Getreidebau verschlingende Ausgabe für Tagelöhner hingewiesen. Einen weiteren Beweis für. die Untüchtigkeit der jüdischen Kolonisten in Argentinien liefert das vernichtende Verdikt des Verwalters der Kolonie Mosesville, Herrn Bab, in seinem im Jahresbericht veröffentlichten Memorandum vom 7. Juli 1904. Das Ergebnis all dieser Tatsachen ist, daß die junge Generation die Kolonie verläßt, um in den großen Städten als Arbeiter oder Händler sich eine neue Existenz zu suchen. Die Zahl dieser Landflüchtigen ist in mancher Kolonie so groß, daß die von ihren Söhnen verlassenen Kolonisten aus Mangel an Arbeitskräften ihre Felder nicht niehr bestellen können und gleichfalls zum Verlassen der Kolonie gezwungen sind. Im Jahre 1905. werden nicht weniger als 31 solche in ihren alten Tagen hilflos gewordenen Kolonisten die Kolonie „Klara" verlassen müssen. Das Memorandum des Herrn Bab gibt uns auch die genügende Erklärung dafür, daß die Gesellschaft ihre riesigen Ländereien lieber brach liegen resp. zu einem Spottpreis verpachten läßt, als sie unter den jungen Söhnen der Kolonisten, deren Zahl sich auf 2984 beläuft, zu verteilen. Manri ci o. Die zu großer Berühmtheit gelangte Kolonie Mauricio im gesegneten Buenos Aires marschiert auch in diesem Jahre an der Spitze sämtlicher argentinischer Kolonien. Die Kolonisten haben aus dem Getreidebau zirka 500980 Frcs. und aus den Luzernenseldern 161000 Frcs-, zusammen 661980 Frcs. gleich 3637,25 Frcs. pro Kolonist eingenommen. Bei solchen reichlichen Einnahmen konnten die Kolonisten nicht anders, als ihre Jahresrate mit 96863 Frcs. voll einzuzahlen. Mosesville. Etwas schwieriger war diese Bezahlung von den Kolonisten in Mosesville zu erhalten, da die Ernte daselbst wie ja mit Ausnahme von Mauricio in fast allen jüdischen Kolonien Argentiniens sehr mäßig und die Maisernte fast gänzlich vernichtet war. Dennoch haben sie für 269775 Frcs. netto geerntet. Die Luzernen, welche von den Kolonisten jetzt zur Mästung von eigens dazu gekauften oder in Pension genommenen mageren Viehs gebraucht wird, dürfte ihnen mindestens weitere 240000 Frcs. eingebracht haben. Rechne man dazu den Ertrag aus der Milchwirtschaft mit etwa 77780 Frcs., so ergibt sich eine Gesamteinnahme von 587 555 Frcs., gleich 1883 Frcs. pro Kolonist. Da eine solche Einnahme der Verwaltung viel zu .geringfügig erschien, so bestand sie nicht auf die vollständige Zahlung der Jahresrate und begnügte sich mit einem verhältnismäßig geringen Betrage von 43025,4 Frcs. Entre Rios. Der im Süden von Entre Rios im Jabre 1902 gebildete Verwaltungsbezirk Lucienville mit 179 Kolonisten hat