Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
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bis zur Vollendung des Baues gemietet wurde, abgehalten. Der Lehrer, Herr Bloch, der zugleich auch Vorbeter ist, fungiert schon seit einigen Jahrzehnten in der Gemeinde. Er entstammt dem Elsaß. Die Kinder der Einheimischen erhalten von ihm zweimal wöchentlich Religionsunterricht. — Die Gebetordnüsig beim Gottesdienste ist Minhag Aschenas. In Bern existiert neben einem jüdischen Wohltätigkeits- Verein für Durchreisende, der jedes Jahr mehrere, tausende Francs verausgabt, ein jüdischer Literaturverein, „Reunion" genannt, und ein jüdischer Frauenverein, deren Mitglieder sich lediglich aus .der einheimischen Gemeinde zusammensetzen. Die Juden aus dem Osten, Galizien und Rußland, die hier ebenfalls in größerer Zahl ansässig sind, haben mit der einheimischen Gemeinde fast gar keine Fühlung. Aus Rußland allein sind 70 jüdische Arbeiter hier in Schreinereien, Schokoladesabriken, Buchdruckereien, Bierbrauereien und anderen Gewerbebetrieben beschäftigt. Diese schließen sich jedoch keiner religiösen Gemeinschaft an und stehen mit den „Aufgeklärten" dem Judentume gegenüber indifferent sich verhaltenden russisch-akademischen Lager in engem Konnex. Einzelne gehören dem Zionismus an, andere zu den Sozialisten- Zionisten; so bringt sie das nationale Band dem Judentume wieder näher. Die übrigen Juden aus den östlichen Ländern in der Bundeshauptstadt, die dank ihrem Fleiße und ihrer Sparsamkeit sich eines Wohlstandes erfreuen, wie sie es in ihrer Heimat nie gekannt haben, sind Anfang der neunziger Jahre hier eingewandert, beschäftigen sich zum größten Teil mit dem Uhren- und Tuchhandel, beschäftigen viele jüdische junge Leute, die sie aus ihrer früheren Heimat haben kommen lassen und Passen sich den hiesigen Verhältnissen rasch an. Sie haben ihren eigenen Gottesdienst (Minhag Polen) in einem Mietsraume, ihren eigenen Wohltätigkeits- und eigenen Zionistenverein und sind bestrebt, ihren Kindern das angedeihen zu lassen, was sie durch die Verhältnisse in Rußland und Galizien haben entbehren müssen — nämlich eine gute Erziehung und Bildung. Viele Kinder polnisch-jüdischer Eltern besuchen hier mit bestem Erfolg die höheren Schulen und bereiten sich zum Universitätsstudium vor. Auch für die jüdische Erziehung ihrer Kinder sorgen sie in hohem Maße. Jeder hier lebende galizische oder russische Jude läßt seinen Kindern ohne Unterschied des Geschlechts hebräischen Unterricht m reichlichem Maße angedeihen. Die jüdische Studentenschaft in Bern stellt den nötigen Lehrbedarf zur Verfügung. In dieser Hinsicht wird von den östlichen Juden auch in. der Hauptstadt der Eidgenossenschaft mehr geleistet als von den einheimischen. Die dritte jüdische Gemeinschaft, die bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben darf, bilden die jüdischen Studenten, zumeist aus Rußland (welch letzteres allein mit 800 vertreten ist, darunter 500 Studentinnen, unter 991 ausländischen bei der Gesamtzahl von 1694 Studierenden). Stehen die einheimischen Juden auf demselben Niveau wie die allgemeine Bevölkerung und finden wir die eingewanderten Juden aus den östlichen Reichen in dem Bestreben, dasselbe Niveau zu erreichen und sich zu akklimatisieren, so bildet namentlich die russischjüdische Studentenschaft hier ein „Reich im Reiche". Ihre Sprache ist russisch oder hebräisch: selten, namentlich von Studentinnen, die von der französischen Schweiz hierhergekommen, wird die französische, noch seltener die deutsche, am allerseltensten aber die sogenannte „Jargonsprache", Jüdisch-. Deutsch, von ihnen angewendet, sobald sie miteinander reden. Sie gehen ihre eigenen Wege, akklimatisieren sich schwer und leben untereinander, jede Fühlung mit der Bevölkerung vermeidend. Sogar ihre russische Kleidung und Haartracht legen sie hier nicht ab, und Dank ihrer „Zähigkeit im Kampfe" gegen eine nur annähernd gesellschaftliche Akklimatisierung sind sie hier sehr unpopulär.... Die hiesige einheimische Bevölkerung steht unter dem Zeichen des Russenhasses . . . . Als ich beispielsweise ein Zimmer mieten wollte, mußte ich erst die Versicherung abgeben, daß ich kein Russe bin. — Sitten und Gepflogenheiten der Russen, ihr Zusammenleben, allzu häufige Besuche, Teekochereien usw. haben die Russen bei allen Zimmervermieterinnen in üblen Ruf gebracht. Manche sollen es auch für die Begriffe der nrit den gewöhnlichen Verhältnissen der stillen und bescheidenen Hauptstadt Bern vertrauten Vermieter zu bunt getrieben haben. Das Gros der jüdischen Studentenschaft — etwa 550 an der Zahl — hat sich in seiner politischen Bestrebung dem Sozialismus und den anderen linksliberalen Parteien Rußlands angeschlossen, während ein Drittel der zionistischen Organisation angehört. Die zionistische Studentenschaft unterhält eine rituelle Küche, die sehr solid verwaltet wird und zum Preise von 60 Centimes einem jeden Juden ein aus vier Gängen bestehendes, rituell zubereitetes Mittagsmahl verabfolgt. Dem akademischen Zionistenverein, der die Küche seit mehr als fünf Jahren unterhält, fällt es auch zu, für die Deckung des auf einige hundert Francs sich belaufenden jährlichen Defizits zu sorgen. Dieser Verein unterhält auch eine jüdische Lesehalle. Ich schließe mit einer Reminiszenz, die die Stellung der hiesigen Universitätsbehörde zum Zionismus interessant beleuchtet. Nach den Massakres von Kischinew hat der damalige Rektor der alma mater Bernensis den Vertretern der zionistischen Studentenschaft im Namen der Hochschule sein Beileid anläßlich jener traurigen Ereignisse übermittelt. Ueber weitere Institutionen, Vereine rc. des hier recht kräftig pulsierenden jüdischen Lebens werde ich im folgenden Briefe berichten. Der Jahresbericht der „Jewilh Colomlstion Moristion" pro 1M4. I. Argentinien. Ausdehnung des Werkes. Nach einer mehrjährigen Pause, welche von der Gesellschaft dazu benutzt wurde, um die bei den ersten Kolonisationsversuchen begangenen schweren Fehler in planvoller harter Arbeit nach Möglichkeit wieder gut zu machen, war die Leitung der „Jewish Colonisation Association" bereits 1902 imstande, auf dem Wege zum Ziele einige Schritte weiter zu machen. Schon im Jahre 1901 wurden 90 000 Hektar neues Land gekauft und im darauffolgenden Jahre 120 neue Kolonisten angesiedelt. Zur Berichtsjahre würde diese Arbeit vorsichtig weiter geführt, indem 100865 Hektar neues Land zugekaust wurden. Gleichzeitig wurden 201 Kolonisten neu angesiedelt, von denen 96 frisch aus Rußland kamen; weitere 30 Familien arbeiteten schon seit Jahren in den Kolonien als Tagelöhner, und der Rest von 75 Kolonisten wurde aus dem jungen Nachwuchs entnommen. Es ist bezeichnend für die Vorsicht, mit welcher die Verwaltung in Argentinien vorgeht, daß sie nicht mehr in den Fehler des Baron Hirsch verfällt, welcher 62,54 Prozent der gesamten, für die jüdische Kolonisation bestimmten Ländereien in dem unglückseligen, einstweilen für die Ansiedlung von Europäern absolut ungeeigneten Entre Rios erworben hatte. Die 1901 angekausten Ländereien befinden sich größtenteils in der Provinz Santa Fe, und das im Berichtsjahre erworbene enorme Terrain ist in der Provinz Buenos Aires, 500 Kilometer von der Stadt Buenos Aires und 350 Kilometer von Bahia Blanca entfernt gelegen und wird von der argentinischen Südbahn, sowie der Pacifiquebahn durchschnitten werden. Die neuen Ländereien sind bestimmt, 5-600 Kolonisten auszunehmen, welche nebst den Reisekosten noch den Ankauf des gesamten mobilen Inventars aus eigenen Mitteln zu bestreiten