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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-28 · Heft 30 (28.7.1905) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
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353 sich zur Uebernahme einer Mindeststundenzahl an einer von der Behörde zu bestimmenden Anstalt zu verpflichten. Das bisherige Verhältnis der Lehrer, zu den Religionsschulen sollte für die Zukunft allenfalls nur noch bei denjenigen Lehrern Anwendung finden, die sonst an irgend einer andern Anstalt angestellt und nur nebenamtlich an Religionsschulen tätig sind, oder bet Kandidaten der Theologie oder Philologie, die nur vorübergehend oder zum Zwecke ihrer pädagogischen Ausbildung an den Religionslehranstälten wirken. Was in Frankfurt a. M., Leipzig, Königsberg, Bromberg -re. möglich ist, nämlich die Anstellung von Lehrern für den Religionsunterricht mit festem pensionsfähigen Jahresgehalt, würde sich auch in unserer Gemeinde bestens bewähren. Die den Lehrern durch feste Anstellung gewährte Sicherheit der Existenz wird ihr Ansehen in der Gemeinde erhöhendessen der Religionslehrer in besonderm Maße bedarf. Will unsere Schulbehörde aber einen festen Stamm berufssreudiger und arbeitsfroher Lehrer besitzen, die ihr Wissen und Können ausschließlich in den Dienst der religiösen Ausbildung unserer Jugend stellen, so möge sie mit dem bisherigen System schnellstens brechen. Darum fort mit den Zuständen, die in die Rumpelkammer der Ehederzeit gehören und der großen intelligenten Gemeinde Berlin wahrlich nicht zur Ehre gereichen! Berlin in Deutschland voran! Lrieke aus der Schwei?. Von Iof.; Ring. Bern, im Juli. ^^as Wetter ist hier launisch wie im April. Kurz hintereinander wechselt der Föhn mit der Bise, einem prachtvollen alpenklaren Wetter am Sabbat folgt der sonntagnachmittägliche Regenguß und so habe ich mich denn in meine stille Klause zurückgezogen, um Ihnen den versprochenen Brief aus der Schweiz zu schreiben. In Bern, der Bundeshauptstadt der Schweiz, herrschte in den letzten Wochen unter der jüdischen Bevölkerung eine fieberhafte Tätigkeit, denn die Judenschast Berns^ stand und steht noch gegenwärtig unter dem Zeichen des VII. Zionistenkongresfes, der am 27. d. M. in Basel mit seiner Tagung beginnt. Ist es eine den zionistischen Kreisen bekannte Tatsache, daß fast vor jedem Kongresse gerade in Bern das zionistische Leben kräftiger pulsiert, so ist dieses in diesem Jahre in ganz besonders erhöhtem Maße der Fall gewesen. Die scharfen Differenzierungen innerhalb verschiedener Gruppen der zionistischen Gesamtorganisation, die in dem Besiedlungsprojekt Ugandas, der Schaffung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens in Britisch-Ostasrika, ihren gemeinsamen Ausgangspunkt haben, verursachten eine Erregung der Gemüter vor und nach den Delegiertenwahlen in den VII. Kongreß, wie man bis jetzt bei ähnlichen Gelegenheiten nicht so leicht hätte wahrnehmen können. In Bern sind alle Schattierungen des Zionismus vertreten — von der Misrai bis zu den Sozialisten-Zionisten (einem Produkte Rußlands), und der Kampf in Bern spiegelt farbentreu die Kämpfe innerhalb des zionistischen Lagers wieder. Freilich, ist eshier wie an anderen westeuropäischen Universitätsstädten vornehmlich die jüdische Jugend aus dem Osten, die < durch ihre Kampfeslust und. rege zionistische Tätigkeit zielbewußt um ihren politischen Habitus kämpft. Jedoch wird die Berner Judenschast auf diese Weise, da sich alles in ihrer unmittelbaren Nähe zuträgt, in diese politischen bezw. parteipolitischen Kämpfe hineingezogen, vielleicht Wider ihren Willen, denndie hiesige jüdische Gemeinde — zirka 80 Familien an der Zahl — dürfte durch Milieu und Lebensweise wohl kaum viel Berührungspunkte mit den Bestrebungen unserer östlichen Jugend haben. Nur der Umstand, daß der Kongreß fast alljährlich in Basel stattfindet- und die gesamte Schweizer Presse während seiner Tagung über den Kongreß eingehend berichtet, dürfte sie dem Zionismus zugeführt haben. Und wenn auch viele vonden Einheimischen sich dem Zionismus fernhalten, so darf ein aufmerksamer Beobachter jüdischen Lebens — mag er nun dieser eigenartigen und in . ihren Folgen kaum absehbaren jüdischen Bewegung sympathisch gegenüberstehen oder sich ganz objektiv verhalten — dieses kräftig pulsierende Leben nicht verschweigen. Die Berner Juden, die nach der Emanzipation der Juden in der Schweiz, seit den sechziger'Jahren, aus benachbarten französischen Gegenden und aus dem Elsaß und Baden sich allmählich in der Schweiz niedergelassen, erfreuen sich bei der hiesigen Bevölkerung allgemeiner Beliebtheit, und wahrer Sympathie. Sie haben für die Entwicklung der schweizerischen Uhren- und Seidenindüstrie nach Kräften und mit Erfolg mitgearbeitet. Auch am sozialen Leben der kleinen und freien Schweiz nehmen sie regen Anteil. In der hiesigen Schulpflegesind sie vertreten und ihr philantr opischer Sinn wird von der Bevölkerung voll anerkannt. Der Antisemitismus ist hier fremd . . . und doch merkwürdig, sind dem Schreiber dieses schon einigemal Aeußerungen zu Ohren gekommen, die auf ein schüchternes Aufdämmern antisemitischer Gesinnung Hinweisen. Es ist gegenwärtig Schützenfest in Bern. Ein jüdischer fliegender Händler hat dort sein Verkaufszelt errichtet. Von der Menge ersteht ein Mann um einen billigen Preis ein Taschenmesser. Ich hörte, wie sein Freund ihm in französischer Sprache sagt: „Ce monsieur est un juif.“ In einem Lokal wird die Nationalitätenfrage aufgeworfen. Aus der Gesellschaft bemerkt bei dieser Gelegenheit ein aus Rußland stammender Studierender, daß er türkischer Untertan geworden sei. — was," entgegnet ihm die Wirtin naiv : „Sie sind ja Jüde" (die Wirtin war längere Zeit Kellnerin in Frankreich). Und an den Schreiber dieses ist einmal in bester Gesellschaft die Frage gerichtet worden: „Sind Sie Jude?" Merkwürdigerweise eben so naiv und von einem Herrn, der aus der Ostschweiz stammt. — Etwas weniger naiv klang das Urteil eines schweizerischen Landmannes über den Inhaber eines Warenhauses, der an mehreren Orten in der Schweiz und in Deutschland Filialen besitzt: „Das ist ein deutscher Jude" — und als ich einmal aus das Thema zu sprechen kam, warum die kaum 7 Minuten Bahnfahrt von Bern, entfernte Ortschaft Bümpliz ihre elektrische Beleuchtung von dem 2 Stunden (Bahn) entfernten Neuenburg bezieht unst nicht von Bern, ward mir zur Antwort : „Die Elektrizität in Bern ist von Frankfurter Juden verteuert worden, in Neuchatel ist sie billiger.". — Mag die ganze Sache harmlos erscheinen, es sind immerhin bedenkliche Symptome, die wohl einer Erwähnung wert sind. - Die hiesige jüdische Gemeinde, die bisher den Gottesdienst ist einem bescheidenen Lokal abgehalten hat und eines größeren Gotteshauses hat entbehren müssenbeschloß vor kurzem eine neue, den hiesigen Bedürfnissen und Verhältnissen entsprechende Synagoge gu errichten. Sie hat zu diesein Zwecke ein größeres Terrain in der Effingerstraße, in einem der ruhigsten und vornehmsten Stadtteile, erworben und mit dem Bau. des neuen Gotteshauses unverzüglich beginnen lassen. Der Gottesdienst wird vorläufig in einem Jnterimslokal, das vor kurzem J

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