Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
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351 Redner, der durch sein Amendement, daß jeder Einwanderer, der aus religiösen Gründen nach England komme, nicht an der Landung gehindert werden solle, weil er die Mittel für seinen Lebensunterhalt nicht besitze, den Regierungsantrag provoziert hat, wenn auch Balfour damals dem Dilkeschen Amendement widersprach. Die Unterhaussitzung, in welcher alle Redner mit hochherziger Einmütigkgit für das politische und religiöse Ashlrecht im freien England eintraten, ist jedenfalls eine erfreuliche in dieser im ganzen unerfreulichen Session. Aus den früheren Sitzungen tragen wir noch einige interessante Momente nach. Mr. John Burns bestritt, daß die Unglücklichen, welche hier Zuflucht suchen, die englische Freiheit bedrohen. Alle diese Behauptungen sind nur Wahlmanöver. Die besten, edelsten Konservativen sind ebenfalls gegen die Bill, durch welche dem jüdischen Volke die lebte Zuflucht genommen werde. Als Arbeiterführer muß ich gegen die Beschränkung des Asylrechts protestieren. Lassen Sie jeden zu uns kommen, der arbeiten kann. Den reichen Juden in der konservativen Partei rufe ich zu: Denket daran, daß Ihr vor 40 Jahren in England in derselben Lage wart, in welcher die hier Schütz suchenden Angehörigen Eurer^Nation sich noch gegenwärtig befinden. Möge die konservative Partei sich hüten, einen Rassenkampf zu fördern, der auch die reichen, in ihrer Mitte sitzenden Juden früher oder später treffen muß. Es ist bezeichnend, daß die Männer, die für die Bill eintreten, in Schottland Polen, auf den britischen Schiffen Indier und in Südafrika Chinesen beschäftigen. Sir Charles Dilke fiellte bekanntlich den Antrag, daß niemand am Landen verhindert werden könnte, welcher nach England kommt, um sich Mißhandlungen zu entziehen, deren Grund in der Angehörigkeit des betreffenden Emigranten zu einer bestimmten Religionsgenossenschaft liegt. Er gab zu, daß die parlamentarischen Wortführer der Fremdenbill sich nicht von antisemitischen Motiven leiten lassen. Allein außerhalb des Hauses gibt es sehr viel minderwertige Personen, welche von Fremden reden, und ausschließlich Juden meinen. Freilich, die in bezug auf diesen Gegenstand in der ersten Lesung gehaltene Rede des Premierministers war von großer staatsmännischer Bedeutung und hat^alle Teile des Hauses in hohem Grade befriedigt. Leider sind Reden keine Gesetze. Es gibt außerhalb dieses Hauses sehr viele Personen, welche gern die Bill zu antisemitischen Zwecken mißbrauchen möchten. Die Regierung hat zwar ein Amendement gutgeheißen, welches lautet, das Ashlrecht wird allen nach England kommenden Personen gewährt, die in ihrer Heimat aus religiösen Gründen verfolgt oder mit Strafen bedroht werden. Diese Bestimmung umfaßt aber keineswegs die große Mehrzahl der Fälle. Sie kann nur auf diejenigen russischen Juden Anwendung finden, die aus dem Ansiedlungsrayon ausgewiesen werden. Was geschieht aber mit solchen Juden, welche infolge von der Polizei eingefädelten Judenkrawallen, wie sie in Kischinew stattfanden, ihre Heimat verlassen müssen? Solche Flüchtlinge begeben sich meistens nach Amerika, wo sie einen sehr wertvollen Bestandteil der Bevölkerung bilden. Er ist überzeugt, daß das ganze Land mit ihm darin übereinstimme. Mr. Craepps sagte: Es wird behauptet, die Annahme des Antrages Dilke würde die ganze Bill wertlos machen, ich weiß nicht, ob das der Fall sein wird. Aber selbst auf die Gefahr hin, das ganze Gesetz unwirksam zu machen, wünsche ich, daß alle aus religiösen Gründen verfolgte Personen in'England zugelassen werden. Im übrigen bin ich überzeugt, daß man Undersirables sehr gut fern halten kann, ohne das Asylrecht zu beschränken. Hin und wieder wird freilich ein unerwünschter Emigrant durchschlüpfen, was will das aber sagen gegenüber der Aufrechterhaltung jener großen Doktrin der Asylfreiheit, durch welche England so groß geworden ist. Daraus hielt der Premierminister Balfour folgende Rede: Die mittelalterlichen Behandlungen, welche die Juden in einem großen Teil Europas erdulden müssen, bilden einen Schandfleck in der europäischen Geschichte während der letzten 30 Jahre, und ich halte es für ein dringendes Gebot, alles zu tun, um die Wirkung solcher schmachvollen Verfolgungen zu mildern! Ich stimme mit Sir Dilke vollkommen überein, daß die Juden ein sehr wünschenswertes Element darstellen. Ich kann mich aber auch in den Gedankengang solcher versetzen, die es nicht, für vorteilhaft für ein Land halten, eine große Anzahl von Personen zu besitzen, die, obgleich sie patriotisch, begabt und fleißig sind und lebhaften Anteil am Leben der Nation nehmen, dennoch fortfahren, eine besondere.'Nation für sich zu bilden und nicht nur von der großen Majorität^ des Landes durch ihre Religion getrennt sind, sondern es auch vermeiden, die Angehörigen anderer Glaubensgenosfenschaften zu heiraten. Ich gebe wohl zu, daß die Sache in England noch lange nicht zu einer ernsten nationalen Frage gediehen ist. Es muß jedoch berücksichtigt werden, daß die großen Mißstände, die mit einer Einwanderung von sehr zahlreichen Angehörigen der jüdischen Nation verknüpft sind, sehr wohl Grund zu dem vom Vorredner und von mir selbst stark verurteilten Antisemitismus geben können. Es ist deshalb auch zu befürchten, daß in einer nicht nahen Zukunft unser Land in bezug auf die Juden dem bösen Beispiel der andern Staaten folgen könnte. Das beste Mittel gegen eine solche Gefahr besteht in der vorsichtigen Anwendung des Asylrechts. Es fragt sich auch, ob das Amendement Dilke die Lage asylsuchender Einwanderer verbessern werde. Der größte Teil der Emigranten wird von der Bill überhaupt nicht betroffen. Denkt nun die Opposition, daß die wenigen mittellosen Juden, die infolge religiöser Verfolgungen Englands Küsten aufsuchen, von ihren Glaubensgenossen nicht mit Mitteln versehen sein werden, um in England landen zu können? Von allen religiösen Gemeinschaften sorgt keine so viel für ihre Glaubensgenossen, wie die Angehörigen der jüdischen Religion. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die uns der Vorredner als Muster hingestellt hak, häufen für die Emigranten Hindernis auf Hindernis, ohne deswegen bisher aufgehört zu haben, für das unterdrückte jüdische Volk eine Zufluchtsstätte zu sein. Ich weise endlich auf die großen Kosten hin, die die Unterhaltung von mittellosen Fremden dem Lande verursachen wird, falls das Amendement Dilke im vollen Umfange angenommen wird. Zu einem solchen Akt der nationalen Selbstaufopferung im Jntereffe verfolgter Angehöriger eines fremden Landes würde niemand England raten. Man denke an die schweren Bürden, welche auf einigen Gebieten des Landes durch den Unterhalt zahlreicher fremder Armer bereits lastet. Bei der Wahl zwischen solchen Lasten und der Möglichkeit, daß einige verfolgte Individuen von der Landung ferngehalten werden können, ist die Entscheidung nicht schwer. Mr. Stuart M. Samuel protestierte gegen die Behauptung, daß die armen Juden in Stepney der Londoner Gemeinde zur Last fallen. Diese Armen werden unterstützt von ihren eigenen Glaubensgenossen, welche sie nicht so weit kommen lassen, daß sie öffentliche Unterstützungen annehmen müßten. Mr. Duke bat dringend.die ^Regierung, Mittel und Wege zu finden, daß Juden, welche nach England fliehen, um einer großen drohenden Lebensgefahr zu entgehen, nicht zurückgewiesen werden, weil sie mittellos sind. Häufig sind viele Juden nur deshalb mittellos, weil die Regierung ihres Landes sie gründlich ausgeplündert und ihnen nur das nackte Leben gelassen hat. Lord Hugh Cecil bat gleichfalls, eine Form zu finden, um zu verhindern, daß die Bill diejenigen, welche in ganz Europa mit Ausnahme Rußlands einen Gegenstand des tiefsten Mitleides bilden, noch unglücklicher macht. Den Unterschied, den ein großer Teil der Bevölkerung zwischen den eigenen Landsleuten und den Angehörigen einer fremden Nationalität machen, verträgt sich weder mit Englands Vergangenheit, noch auch mit dem Christentum, welches vorschreibt, unser nationales Empfinden den moralischen Instinkten unterzuordnen. Er ist seinerseits davon überzeugt, daß, wenn die Nation vor die Wahl gestellt werde, ihre Steuerlast zu steigern, um arme Flüchtlinge zu unterstützen, oder sie ihren Verfolgern auszuliefern, sie nicht zögern wird, ersteres zu wählen. Redner macht sich anheischig, nach Stepney zu gehen, um die dortigen Wähler zu lehren, was ihre Pflicht ist. Er ist überzeugt, daß das Volk seine Worte mit Begeisterung aufnehmen werde. Er bittet das Haus, sich doch in die Lage eines Mannes zu versetzen, der aus einem Massakre sein nacktes Leben gerettet hat, nachdem vielleicht einige Mitglieder seiner Familie bei der Katastrophe ermordet worden sind. Wie kann man einem solchen Manne die letzte Zuflucht verweigern, bloß weilereinige Shillings zu wenig besitzt! Zum Schluß verteidigte der Premierminister Balfour sich gegen die Beschuldigung, daß er inhuman sei