Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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350 einen wertvollen Einblick in das soziale und religiöse Leben seiner Zeit gestatten, die uns aber auch zugleich die Größe, seines Geistes, die -Erhabenheit seines Charakters, die Milde seines Wesens klar veranschaulichen. Raschi war schon bei Lebzeiten ein in ganz Israel gefeierter Gefetzeslehrer. Sein Ansehen stieg in den folgenden Jahrhunderten und die Sage wob um sein Haupt einen Strahlenkranz von Legenden und Geschichten. Sie brachte ihn sogar mit Gottfried von Bouillon und anderen großen Männern seiner Zeit in enge Berührung. Die Sage ist eben der treue Ausdruck des Volksbewußtseins. So wie sie ihn feierte, so sah ihn sein Volk als einen Bahnbrecher und Führer durch das Labyrint der Wissenschaft, durch die vielverschlungenen Pfade der Lehre und des Lebens! Und so auch sehen und feiern wir ihn heute. Achthundert Jahre sind vergangen, seit in Israel die Klage ertönte: „Die Lade des Herrn ist uns von neuem geraubt worden!" Die Zeiten haben sich geändert. Neue Weltanschauungen haben die alten verdrängt. Die Bedeutung des großen Lehrers aber ist eine unveränderte geblieben und sein Ansehen hat sich unvermindert in hohen Ehren erhalten bis auf diesen Gedenktag. Es wird sortleben in Israel, so lange der alte Geist der Thora, die Achtung vor der Wissenschaft und die Ehrfurcht vor unseren Geistesgrößen das unveräußerliche Erbe der alten Jakobsgemeinde bleiben wird. Bit Mache. Berlin, 25. Juli.. ^^^ie Resolution, welche der Bund jüdischer Korporationen jüngst angenommen, gefällt den Antisemiten, vor allem der „Post", durchaus nicht. Das ist ihre Sache. Die Folgerungen aber, die sie daraus zieht, sind derartig, daß sie entschiedenen Widerspruch herausfordern. Da der „Verein jüdischer Studenten" erklärt, seine Tendenz sei nicht eine konfessionelle, so folgert die „Post" daraus, daß „die sämtlichen jüdischen und judengegnerischen Bestrebungen mit dem religiösen Moment nichts gemein haben." Da nun ferner die jüdische Studentenschaft sich organisiert, um ihre Mitglieder, wie es in der Resolution heißt, „zur Stellungnahme, zu allen kulturellen und sozialen Fragen innerhalb des Judentums anzuregen", hat sie, nach der Deduktion der „Post", genau wie der Zionismus das Bestreben, das nationale Moment in der Judenheit auszubitden. Und nun höre man weiter: „Da aber die Judenschaft seinerzeit die bürgerliche Gleichberechtigung nur unter der Voraussetzung erhalten hat, daß zwischen dem übrigen Teil der Bevölkerung und der Judenschaft nur ein einziges trennendes Moment bestehe, nämlich lediglich das religiöse Bekenntnis, so ist man, nachdem die Judenschaft auch subjektiv die nationalen Verschiedenheiten zwischen sich und ihren Wirtßvölkern mehr hervorzukehren sucht, wohl berechtigt, die Frage der jüdischen Gleichberechtigung wenigstens insoweit einer Revision zu unterziehen, . ob die Juden befähigt sind, im Geiste unserer Kultur und unserer nationalen Auffassung eine autoritative Stellung als Beamte des Staates einzunehmen. Gerade die jüdische Studentenschaft, die doch vermöge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung solche Stellungen zu erlangen sucht, liefert der Oeffentlichkeit ein schätzenswertes Beweismaterial dafür, daß man in der Verwendung des Judentums in amtlichen Stellungen um so vorsichtiger werden muß, je mehr die neue Generation die objektiv vorhandenen nationalen Verschiedenheiten auch subjektiv ihren Mitgliedern zum Bewußtsein bringen und zur Pflicht machen will." Was hätte die „Post" gesagt, wenn wir einen solchen Schluß aus die gegnerischen Bestrebungen gezogen hätten? Und versteht sie nicht, daß man gen au. dasselbe auch auf die katholischen Studenten, ja auf diese vor allem, anwenden kann? Unzweifelhaft hätte sie einen solchen Schluß unsererseits „talmudisch-rabulistisch" genannt. Nun, wir haben eine andere Bezeichnung dafür, die unsere Leser sicher leicht erraten werden, wenn sie bedenken, daß die „Post" einfach um den Kern der Sache herumgegangen oder diesen vielmehr verschwiegen hat. Die jüdischen Studentenverbindungen sind ein Produkt der traurigen Zeitverhältnisse. Sie verdanken eigentlich zunächst den Gesinnungsgenossen der „Post" ihre Entstehung! Indem die Korps und Burschenschaften die jüdischen Studenten ihres Bekenntnisses wegen ausgeschlossen, mußten sich diese zu eigenen Verbindungen zusammenschließen. Das ist der Kern der Sache. Und alles übrige ist leeres oder böswilliges Gerede. Daß aber die jüdischen Studentenverbindungen den Kampf gegen die katholischen nicht mitmachen, kann aus naheliegenden Gründen nur die volle Billigung aller objektiv denkenden Menschen finden. In Sachsen scheint 'der Antisemitismus bereits ausgespielt zu haben. Die „Deutsche Wacht" — früher sein Hauptorgan — hat ihm einen derben Abschiedsbries geschrieben und ist in das alldeutsche Lager übergegangen. Die antisemitische Reformpartei aber wird sich voraussichtlich bei den bevorstehenden Landtagswahlen nur in den Wahlkreisen Leipzig-Süd und Freiberg-Tharandt beteiligen. In Leipzig-Süd tritt die Reformpartei für die ^Wiederwahl des bisherigen Abgeordneten Baumeister Enke ein, der früher auch als antisemitischer Reichstagskandibat aufgestellt war, im Landtage aber der konservativen Fraktion als Hospitant angehört. Im städtischen Wahlkreise Freiberg-Tharandt hat neuerdings der antisemitische Stadtverordnete Kaufmann Ahlhelm-Dresden die ihm angebotene Landtagskandidatur angenommen und in einem anderen Wahlkreise sollen zurzeit noch Unterhandlungen wegen einer antisemitischen Kandidatur schweben, doch ist sehr fraglich, ob diese dritte Kandidatur noch zustande kommt. Die Blütezeit des Antisemitismus ist eben auch in Sachsen vorüber, er leidet dort schon feit längerer Zeit an innerem Verfall. Das englische Unterhaus hat am 20. d. M. in dritter Lesung die Fremdenbill mit 214 gegen 136 Stimmen angenommen. Bei Beratung der Bill am 17. d. M. brachte die Regierung einen Antrag ein, wonach der Mangel an Mitteln zum Lebensunterhalt kein Grund sein soll, einen Fremden auszuschließen, der in England nur einwandern will, um zu vermeiden, daß er aus religiösen oder politischen Gründen oder wegen politischer Angriffe verfolgt und bestraft werde, oder um der Verfolgung wegen seiner religiösen Ueberzeugungen zu entgehen. Der Antrag wurde angenommen, nachdem alle Redner dafür eingetreten waren, daß für Flüchtlinge, die aus politischen oder religiösen Gründen in England Zuflucht suchen, das Asylrecht aufrecht erhalten bleibe. Damit ist erfreulicherweise die sich seit geraumer Zeit hinziehende Komiteeberatung im Hause in das entscheidende Stadium getreten und die Regierung aus einer Sackgaffe herausgekommen, in welche sie durch die Härten der Bill, die sofort aus den schärfsten Widerstand der Liberalen stieß, geraten war. Wiederholt wurde von dieser Seite das Eittwanderungsgesetz in seiner ursprünglichen Fassung als undurchführbar und von einigen Rednern geradezu als eine Posse erklärt. Sir Charles Dilke war derjenige liberale MM