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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-28 · Heft 30 (28.7.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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69. Jahrgang. No. 30. Berlin, 28, Juli 1905. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-j)reis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 NI. Redakteur: Gustav Aarpele». Begründet von Rabbiner D"- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Sslchj. Berlin, 26. Juli. VT| an wirft uns von gegnerischer Seite gar oft Hochmut V J r und unberechtigten Stolz auf unsere Vergangenheit vor. Hochmut und Stolz sind allemal unberechtigt. Aber hat es wirklich keine Berechtigung, wenn wir mit dem Vollgefühl sittlicher Genugtuung auf die großen Männer blicken, die Israel auch in den trüben Tagen des Mittelalters hervorgebracht hat? Und gibt es wohl viele Kulturvölker, die in einem Jahre die Gedenktage zweier Männer von solcher geistiger Bedeutung feiern dürfen, wie wir es in diesem Jahre tun können? Auf Moses Maimonides folgt nunmehr Salomo ben Jsak, bekannt und gefeiert unter der Bezeichnung, die die Abbreviatur seines Namens darstellt. Am 1. August d. I., am 29. Tammus, sind es 800 Jahre, daß Naschi in feiner Heimatstadt Trohes gestorben ist. Ein solcher Gedenktag darf nicht unbeachtet vorübergehen. Konnten wir in Maimonides den größten Denker feiern, so sehen wir in Naschi den größten Erklärer der Bibel und des Talmuds. In Spanien und Südfrankreich blühte damals das jüdische Geistesleben; dort waren es die Philosophie und Poesie, hier das Studium der Bibel und des Talmuds, was die Geister fesselte und zu großen Schöpfungen . anfeuerte. In Maimonides und Naschi verkörpern sich die Hauptströmungen, die durch die jüdische Literatur der ersten Hälfte des Mittelalters ziehen. Frankreich hat ihn geboren, Deutschland großgezogen. Auf den talmudifchen Hochschulen zu Worms, Mainz und Speyer hat er seine Ausbildung genossen. Und wieviel auch von dem Legendenkranz, der sein Leben in diesen drei ältesten Gemeinden Deutschlands umwoben, durch den kritischen Scharfsinn eines Forschers wie Abraham Epstein zerpflückt wurde, es bleibt noch genug übrig, um auch dem deutschen Judentum seinen ruhmvollen Anteil an dem Leben dieses Mannes zu sichern. Eine Beschreibung dieses Lebens bringen wir demnächst aus sachkundiger Feder. Heute ist es uns nur darum zu tun, seine geistige Größe zu schildern. Raschis größte Bedeutung liegt in seinem Bibelkommentar. Während bis dahin hauptsächlich die allegorische und mystische, gelegentlich auch die rationalistische Erklärungsweise im Schwange war, hat er den f'iifachen Wortsinn (Peschat) zu verdienter Ehre gebracht. Sein-/ Erklärung ist so einfach und klar, so natürlich und durchs-.htig, daß sie dem gesunden Menschenverstände fast überall entspricht. Gerade darum aber hat sie sich selbst dem kindlüh.?n Sinn verständnisvoll angeschmiegt, so daß der Bibelkv-mnentar Raschis Jahrhunderte hindurch das Lieblingsbuch des jüdischen Hauses und das wichtigste Buch der jüdischen Schule gewesen ist. Darüber hinaus hat das Werk noch eine andere, vielleicht sogar höhere Bedeutung. Gerade durch seine Klarheit und Einfachheit ist Naschi das Vorbild und die Quelle nichtjüdischer Bibelerklürer geworden und der französische Mönch Nikolaus de Lyra, dessen Postille in christlichen Kreisen Jahrhunderte hindurch das Schristwort deutete, ist zwei Jahrhunderte später ganz in den Wegen Raschis gegangen. Von Nikolaus de Lyra aber ist kein geringerer als Martin Luther dermaßen beeinflußt worden, daß man in der Reformationszeit den Vers machen konnte: Si Lyra non lyrasset, Lutherus non saltasset. Wenn Lyra nicht zur Leier gespielt. hätte, hätte Luther nicht tanzen können! Nun kann man aber noch weiter gehen und sagen: Wenn Naschi nicht den Ton angegeben, so hätte Lyra die Leier nicht schlagen und Luther nicht tanzen können. Ein christlicher Professor der Theologie, der verstorbene Kirchenrat Siegfried in Jena war es, der zuerst den unumstößlichen Nachweis dafür geliefert hat, daß man in der deutschen Bibelübersetzung Martin Luthers aus Schritt und Tritt den Spuren folgen könne, die hinauf zu Naschi führen. Es ist das auch für unsere Zeit, ja gerade für diese, ein beachtenswerter Fingerzeig und eine trostreiche Aussicht zugleich, .indem sich die großen Geister aller Nationen in einer unsichtbaren Gemeinde zusammenfinden, die hoch über dem Trennenden aller Religionen und Konfessionen erhaben steht. Daß ein solcher Forscher wie Naschi kein engherziger Geist und kein blinder Fanatiker sein konnte, ist ja selbstverständlich. Abraham Berliner, der so viel für das Verständnis Raschis getan, hat erst neuerdings in einer sehr lesenswerten Schrift nachgewiesen, wie genau Naschi das Leben und die Zeitverhältnisse gekannt hat und wie mächtig diese auf ihn eingewirkt haben. In seinem Vibelkommentar finden sich sehr viele französische Glossen, die uns zeigen, daß er diese Sprache vollständig beherrscht, und die für moderne Forscher einen willkommenen Schlüssel zur Erklärung des Altfranzösischen bilden. Naschi stand also auf der vollen Höhe der Bildung seiner Zeit. Von nicht geringerer Bedeutung wie seine Bibelerklärung 'ist sein Talmudkommentar; ja einzelne Forscher sprechen diesem sogar noch eine höhere Bedeutung zu, gerade weil die Vorzüge, die seine Bibelerklärung aufweist, hier noch wirksamer hervortreten. Gegenüber der allgemein üblichen Weise, den Talmud zu deuten, tritt Raschi's einfache und schlichte, auf einer Sachkenntnis ohnegleichen, auf frommem Sinn und auf genauer Kenntnis der Lehre und des Lebens basierende Erklärung helleuchtend hervor.- Daneben aber hat er noch andere bedeutungsvolle Werke geschasten und zahlreiche Rechtsgutachten geschrieben, die uns

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