Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-—- 348' —— Menschen'glücklich werden!" Dabei sah er dem Grasen mitseinen leuchtenden blauen Augen so ins Gesicht, daß dem ganz wunderlich zu Mute wurde, und er sich von -dem Großvater widerstandslos in den Sessel zurückdrücken ließ. •••••- „Das ist ja aber rein zum toll werden," murmelte Ludanyi, mit der Hand nach der Stirn greifend. „Und das Wappen vererbt sich auf den Schwiegersohn. Ein Adel ^von kaiserlich-byzantinischer-königlich-chazarischer Abstammung, ist der nicht alt genug? Und wie werden Sie beneidet werden um den Stern," murmelte der Alte, dieweil die „Kinder" sich seelenvergnügt herzten und küßten und gar nicht begreifen konnten, wie alles gekommen war. ' - „Unsinn," murmelte indessen Ludanhi, „was mir daran liegt! Aber sehen sie die Jöhren, Großvater! Nun ist ja doch alles vorbei. Jetzt haben sie sich ja schon!" Großvater um seinen Segen. Schließlich wandte er sich zum Gehen, schon hatte er die Tür halb geöffnet, da drehte er sich noch einmal Herum. „Noch eine letzte Frage, Großväterchen," sagte er. - - ,Mu, mein Sohn?" „Abernicht bös werden!" „Ist das meine Art, mein Sohn?" ,^Gewiß nicht. Verzeih, Großvater. Ich wollte Dich nur fragen, ob — ob — das — das gefundene Manuskript auch — ob es echt ist." Der Alte lächelte milde. „Die Frage Hab ich erwartet, mein Kind. Doch sag, Hab ich Wort gehalten? Hab ich Dich glücklich gemacht mit Gottes Hilfe? Bist Du glücklich heute? „So glücklich, wie nur ein Mensch sein kann, Großvater." Einige Tage später erhielt der Vorsitzende des Antisemitischen Vereins zu Budapest eine Zuschrift, die ihm den Atem benahm. Graf Ludanyi teilte darin den Austritt aus der Partei mit und zwar, weil er als ehrlicher Patriot nicht anders handeln könne. Während seiner magyarischen Forschungen habe er gefunden, daß es gerade jüdische Feldherrn waren, die Edelsten unter den Magyaren, die das Volk zum Aufblühen und Gedeihen gebracht haben. Er selbst sei ein Nachkomme eines solchen Mannes, der die Tochter eines jüdischen Königs zur Frau gehabt habe. Alles dies sei dokumentarisch erwiesen, und unter den Umständen könne er vielleicht die Nachkommen seiner eigenen Vorfahren bekämpfen. Dies liege ihm fern. Er habe auch in letzter Zeit zum ersten Male „wirkliche Juden" wirklich kennen gelernt und dabei sei ihm die. Erkenntnis gekommen, „wie fad diese ganze Mode sei," zugleich wie ungerecht und schädlich. Deshalb beabsichtige er, sie von Tag an nicht zu bekämpfen usw. Der Uebertritt der einzigen Tochter des einstigen Antisemitenhäuptlings Ludanyi zum Judentum und ihre sich daran knüpfende Heirat mit einem armen jüdischen Philologen, erregte ungeheures Aufsehen in Budapest. Man munkelte allerlei von Betrug und Vorspiegelung falscher Tatsachen und jesuitischen Judenkniffen, aber niemand wagte ein Wort in Gegenwart der. beteiligten Personen. Ludanyi ließ sein Wappen umändern; oben über dem alten wurde noch ein blaues Feld angebracht, in dem ein goldenes Mögen David glänzte. Im übrigen kam er sich wie ein Held vor, von dem jeder sprach und der konsequent genug gewesen, um große Opfer zu bringen. Er war sehr zufrieden mit sich selbst und stolz. auf seine königliche Herkunft. Nur der Gedanke an jenen Verlobungsabend hatte noch immer einen bitteren Beigeschmack für ihn. Selbst seine Aufgeblähtheit ließ ihn nicht ganz verkennen, welche Rolle er an jenem Abend dem schlauen alten Herrn gegenüber gespielt hatte. „Es war doch eine ganz gemeine Ueberrmnplung," sagte er einmal zu ihm, halb im Spaß, halb böse. Jetzt war er wenigstens klug genug, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Dann bleib weiter so und srag> keine Fragen, ^eworeebeelio adonaj wejischmerecho!“ Und sanft drängte er seinen Enkel zur Tür hinaus und schloß sie hinter ihm. Dann ging er an seinen Tisch zurück und setzte sich. Einen Augenblick schweifte sein Blick zum Fenster hinaus, auf den öden, finstern Hof, in den nie ein Sonnenstrahl hineinfiel. Leicht seufzte er auf. Dann beugte er sich über seinen Folianten und lernte weiter. Literarische Mitteilungen. — Heinrich Vollrat Schumacher. Berenice. Neue Auflage. Historischer Roman. Berlin und Leipzig 1905. W. Vobach's Comp. Dieser ausgezeichnete Roman erfreut sich in jüdischen Kreisen schon seit seinem ersten Erscheinen großer Beliebtheit, undl'mit Recht; denn das Werk stellt sich dem bestell historischen Roman von Ebers, Dahn, Eckstein, ebenbürtig an die Seite. Einzelne Szenen sind mit markerschütternder, dichterischer Kraft geschrieben. Die Zerstörung der heiligen Stadt, der Brand des Tempels, die Preisgebung der gefangenen Judäer in der Arena an die wilden Bestien, die Anteilnahme des Volkes an den ihm willkommenen, blutigen Schauspiele sind prachtvoll, wenngleich schrecklich, und es erinnert in der Plastik an die Zerstörung Jerusalems von Kaulbach in der Pinakothek. Doch kommen auch Szenen von rührender Zartheit tit „Berenice" vor, in denen der Leser ausruht, so das Gespräch der beiden blutsverwandten Judäerinnen, der stolzen Salamone_und der lieblichen Thamar, der Tochter Johannes von Giskala, welche keine "sklavische Nachahmung der „Schwestern" von Georg Ebers sind, allein doch durch einen gewissen Familienzwang an dieselben erinnern: die Flucht Debora-Berenices mit Reguel nach Beth-Jden, und die Liebe Gabbas, des Zwerges-, zu seiner Jugendgefährtin, der Germanin Wunnehild, die poetischen alten Sagen, welche in dem Roman geschickt verwebt sind, und unter welchen die von der Liebe Hadad-Rimmons und der Göttin Derketo, aus welcher sich bekanntlich die Adonisfrage entwickelt haben soll, als eine der schönsten bezeichnet werden muß. Die Jllustrationen'zu dem Roman, von dem bekannten Maler W. Gause, sind mrrstergültig"und verleihen dem herrlichen Werke einen besonderen Reiz, das als'Geschenkbuch warm empfohlen werden darf. * Am Hochzeitsmorgen nahm Joseph Abschied vom Hinterstübchen in der Kerepesit, in der er solange mit seinem Großvater gehaust. Der Alte wollte dort weiter verbleiben, da half kein Zureden. „Wo anders könnte ich gar nicht lernen," sagte er. Noch einen langen Blick warf Joseph umher, als wolle er sich das Bild ins Gedächtnis einprägen. Dann bat er den — Die M. Poppelauer'sche Buchhandlung in Berlin erwarb die aus ca. 40OO Bänden bestehende Bibliothek, ^größtenteils Hebraica, des vor ca. 11/2 Jahr verstorbenen^ Nev. Joseph Kohen Zedeck in London. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.