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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
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Untergang überleben!. Das. schwöre ich! Fällt erst Belendscher, fällt auch jedermann darin, von mir, dem Chakan- bis auf den geringsten Diener; jede Mutter und jedes Kind! Und alle sollen schreien: Schema Israel! Diese Schrift aber, die erzählt von der Tücke der Feinde, vom Blühen meines Landes und von seinem Untergang, will ich meiner Tochter senden, auf daß es weiter vererbt wird von Geschlecht zu Geschlecht. Arme Tochter, arme Deborah; Deinen alten Vater wirst du nie wieder sehen! Wohl dir, daß du ein Heim gesunden hast bei dem so tapfren Volke der Ungarn in Pannonien. Wohl dir, daß zugleich mit deiner Mutter und durch sie so viele aus dem Stamme der Ungarn erkannten den wahren Gott und ihm huldigten, und unter diesen der Vater deines Mannes. Ein gar tapferer Feldherr ist dein Mann, treu seinem König und ein .guter Jehudi- Gar einträchtig leben Jude, Christ, Muselmann und Heide beieinander in Pannonien.. Und dafür danke ich dir, o Gott Und über alles weitere sage ich nur: „Dein Wille, o Gott! geschehe! Omen! Und nun, heute, im zehnten Monat des Jahres-1034 christlicher Rechnung, schließe ich, Chakan David Jbn Salomon, wahrscheinlich der letzte König der letzten Chazaren, die Schrift .in eine silberne. Truhe, um sie zu übersenden zum ewigen Andenken meiner geliebten Tochter Deborah, die Gott segnen möge und ihren Nachwuchs, Omen!. — dem Weibe des tapferen Ungarnfeldherrn. —" „Hurra, das letzte Wort," rief Joseph im Eifer, „schreib", Marie — Pardon!" unterbrach er sich. Doch der alte Ludanyi war aufgesahren, als hätte ihn eine Natter gebissen. „Mein Herr! Was erlauben Sie sich! Mißbrauchen sie so die Gastfreundschaft, die ich Ihnen und Ihrem alten Großvater geboten!" Auch Joseph hatte sich erhoben. „Pardon," sagte er noch einmal. „Es entschlüpfte nur nur im Eifer. Ich habe mich ja auch gleich entschuldigt. Wir sind in den Monaten, die wir zusammen verbracht, so vertrant geworden —" „Das ist gar keine Entschuldigung," fiel ihm der Alte ins Wort. „Gewiß, wir sind vertraut geworden, mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Fast bereue ich es jetzt! Was haben wir davon? Eine sehr schöne, historische Erzählung, gewiß; die aber mit unfern Forschungen gar nichts . zu tun hat. Dafür aber eine Vertraulichkeit Ihrerseits meiner Tochter gegenüber, die. einfach unmöglich — " „Wäre," unterbrach ruhig der Großvater, „wenn die Beiden sich nicht schon lange liebten!" Wäre in dem Moment eine Bombe ins Zimmer gefallen, der Schreck hätte die Hörer nicht sprachloser machen können. Ludanyi und Joseph sanken lautlos in ihre Stühle, Maria wurde kreidebleich. „Ist das wahr?" schrie der Vater sie an, nachdem die erste Ueberraschung vorüber. Das Mädchen senkte den Blick und antwortete nicht Ein Weilchen herrschte peinliche Stille. Dann sagte Ludanyi, sich erhebend und seine Stimme klang rauh: „Schade! Ich hatte Euch wirklich lieb gewonnen. Sie Joseph und Ihren alten Großvater dort. Aber daß Ihr meine Gastfreundschaft so mißbrauchen würdet, das hätte ich nicht geahnt. 'Schämen Sie sich nicht, Joseph," seine Leidenschaft brach wieder'durch, „an so etwas auch nur zu denken? Sie wissen doch, wie unmöglich es ist! Als Mann hätte ich ja gar nichts gegen Sie, aber ich kann doch meine Tochter keinem — keinem — Israeliten geben! Absurd! Oder", fügte er höhnisch hinzu, Josephs Frömmigkeit wohl kennend, .„oder wollen Sie sich taufen lassen?! Ganz abgesehen von dem Adel! Meine Tochter einen Juden! undeinen Bürgerlichen! heiraten!" Der Gedanke amüsierte ihn so, daß er laut auflachte und nun wieder gemütlicher wurde/ „Joseph, Mensch, wo hatten Sie. denn Ihre fünf Sinne?" „Aber lieber .Herr Ludanyi," meinte der Großvater mit., seiner ruhigen Stimme, „ist denn die Sache wirklich so schlimm? Joseph kann sich wohl kaum taufen lassen, denn seine Vorfahren waren alle Juden; aber Sie, Herr Ludanyi, der Sie .als Magyar, als Konservativster der Konservativen für das Festhalten an Treu und Glauben eintreten; Sie könnten doch Ihrem Fräulein Tochter erlauben, zum Glauben ihrer Väter zurückzukehren." „Großbäterchen, Sie belieben zu scherzen," sagte Ludanyi, doch etwas verdutzt. „So weit wir mit unseren Forschungen gekommen sind, waren meine Vorfahren immer gute Christen^ Nicht Joseph?" Josephnickte, blickte dabei aber neugierig seinen Großvater an. Was führte der schon wieder im Schilde? „Wenn es nun aber nicht so wäre! Wenn ich Ihnen beweisen könnte, daß Ihre Vorfahren Juden waren?" fragte dieser. „Unmöglich, mein Herr! Wie wollen Sie das beweisend" „Erft beantworten Sie, bitte, die Frage:' Wenn ich"s nun bewiese?" „Dann würde allerdings meine Stellung gegenüber den Juden' eine ganz andere sein — müssen," fügte er hinzu. „Aber wozu über Unmöglichkeiten debattieren. Leid wie es mir tut, Joseph, muß ich Ihnen von heute an mein Haus verbieten!" „Papa!" rief Maria unter Tränen. „Wollen wir nicht erst erst das Manuskript zu Ende übersetzen. Es fehlte noch ein Wort." Und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er fort: „Fräulein Maria, schreiben Sie nur. Joseph, diktiere!" Joseph kannte dieses Augenfunkeln. Hastig ergriff er das Manuskript. . „Also bitte, mein Fräulein," sagte er und während Marias Tränen langsam auf das Papier vor ihr niederfielen, diktierte er und sie fing zu schreiben an: „L—u—d—a—n—y—i" Immer langsamer, zögernder, verwunderter waren die Laute über Josephs Lippen gekommen; immer verdutzter hatte Ludanyi dreingeschaut. Maria hatte nach dem vierten Buchstaben zu schreiben aufgehört. Ihre Tränen waren plötzlich versiegt. Und jetzt, nachdem Joseph stammelnd den letzten Buchstaben ausgesprochen, herrschte Grabesstille im Zimmer.. Wie dämlich sah man sich gegenseitig an, der einzige Mensch, der völlig seine Fassung behalten hatte, war der Großvater. „Herr Graf," sagte er schließlich, „Sie haben das Recht, das Mögen David, den sechseckigen Stern der jüdischen Chazarenkönige in Ihrem Wappen zu tragen. Ein sehr alter Adel, Herr Graf — und ein jüdischer! Und Joseph ist gewiß von altem Adel, Herr Graf! Denn jeder Jude stammt von Abraham, und Abraham ist von Gott selbst geadelt! Also, wo wäre die Mesalliance. Herr Graf?!" Dann einer plötzlichen Eingebung folgend sagte: „Na also, Hab ich nicht recht, Herr Graf? — Küßt Euch doch, Kinder!" Die „Kinder" ließen sich das nicht Zweimal sagen, sondern, stürzten aufeinander zu, sich selig indie Arme schließend. „Da soll doch gleich ein Himmeldonnerwetter —" Der Großvater trat dem Grasen ernst entgegen. „Warum, Herr Graf! Gegen Joseph .haben Sie nichts, ich weiß es.. Antisemit können sie doch nicht mehr sein --'mit einem Mögen David in ihrem Wappen. Lassen Sie doch die

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