Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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345 „Was quatschfte? Was kreischste vor nichts? Das ist noch immer das Schleppboot'" „Onkel, um alles in der Welt, das ist es! Wenn Du so ausschüust — wenn Du nun so grade ausschaust — nein — nun schaust Du ganz verkehrt aus!" „Es ist 'n Schleppboot!" hielt Manu sich steif daran. „Was Du mir sagst!" rief Selien freudig erregt. „Mutter, es ist es — da seht Ihr die eine Schornsteinröhre und da seht Ihr die andere." „Ein Schleppboot!" sprach Onkel hartnäckig. „Siehst 'ne Mück' vor'n Elephanten an ..." . , „Onkel will nur recht haben! Wie kann man so streiten!" „Ein Schleppboot — ein Schleppboot," judaste Manu, der nun auch zwei Schornsteine sah, aber keine Lust nachzugeben verspürte. „Manu> nun blick doch 'mal scharf aus, wenn sie's doch nun so sicher behauptet," flehte Mutter auf's Neue, indem sie es vergebens versuchte, ihre Augen dem Sonnengeflimmer zuzuwenden. »Ich freu' mich doch nicht über'n toten Spatz", sprach Onkel verzweiflungsvoll ruhig: „es kann das Schiff mit Sallh sein und es kann ein anderes Schiss auch noch sein." „Sollen wir denn nicht doch lieber schnell nach dem Kai zurückgehen?" fragte das alte Frauchen, indem - es seinen Kleiderrock herunterschlug, weiß vor Aufregung um das magerer erscheinende Näschen herum. Manu antwortete nicht. Die bläulichen Wangen mit den gelben Bartstoppeln standen bis über das Weiß seiner Augen weg, so strengte er sich beim Sehen an. Dann sprach er noch einmal energisch: „Ein Schleppboot — nichts als ein Schleppboot!" „Hat 'n Schleppboot zwei Schornstein? Wie benimmste Dich heute lieb!" sprach Selien gereizt. „So einer soll noch geboren werden, wie Onkel Manu — immer muß er recht haben — immer nennt er schwarz, was andere weiß nennen." „Manu — Gott soll Dich segnen — nun laß uns zurückgehen," flehte Mutter noch einmal. „Wenn er niemand am Schiff trifft, weiß er doch nicht, was er machen soll . . ." „'s ist doch 'n Schleppboot!" stritt Manu, indem er mit aufstand und sich noch öfter umblickte. Es wär' ihm so 'n Gulden Wert gewesen, wenn's Sallh sein Schiff nun nicht gewesen wär', nur wegen Selien mit ihrem großen Mund und ihrem Gezänke über die Trauerrosette, die wie ein Pfropfen in seiner Seitentasche abstand. Mutter versuchte, schnell auszuschreiten, aber mit ihren Pantoffeln-ging es so rasch nicht. Erst hatte sie die Stiefel über ihre empfindlichen Füße zu ziehen beabsichtigt, dann aber doch diese Absicht aufgegeben. Nun während sie so an Seliens Arm sortwatschelte, und öfter ganz außer Atem stillstand, ängstigte sie sich, daß Sallys Schiff vor ihnen da sein würde. „Was sorgste Dich nun, Mutter — wir kommen noch wohl hin?" beschwichtigte Selien sie: „Und sonst muß Onkel Manu man vorausgehen. Uns soll er ja doch nicht sogleich ' sehen, das ist doch verabredet..." „Nein, nein, ich muß dabei sein," sprach das alte Frauchen, die scharfen Kieselsteinchen nicht mehr fühlend: „ich muß selbst dabei sein. .." „Du kannst ja auch mit dabei , sein — was regste Dich nun auf?" - „Wenn Manu ihm das so rauh sagt — wenn Mau das so herausstößt.. „Nanu! Mer stößt was heraus?" grollte Manu wütend stillstehend. Und weil er stillstand, standen sie alle drei still. „Manu, ob Du nun bös wirst oder nicht," erregte sich Mutter, den Kopf vor Aufregung schüttelnd und schwer atmend, fast weinend: „Du mußt ihm sagen, daß Bram sich nicht gut befindet. . ." „Und das sag' ich nicht — das kann ich nicht sagen!" schnauzte Onkel sie an, das Gesicht blaurot von losbrechender Wut — jede Minute hatte sie 'n andern Einfall — als ob sie ihm das nicht überlassen könnt'! — „Denn kannst es ja selber tun — denn bleib' ich lieber ganz davon!" „Mutter, was willste nun auch wieder — was zappelst Du von einem zum andern. — laß's Onkel Manu man machen. . ." Das alte Frauchen murmelte in größter Erregung mit den Lippen, die grauen Härchen neben dem fälschen Scheitel zitterten und die Nasenflügel bewegten sich, als ob es losschluchzen wollte. Und noch einmal, zum Hundertstenmal in diesen Tagen, stotterte es in seiner Angst und Nervosität: „...Wir hätten's ihm telegraphieren müssen. — Nun, wo er das doch nicht weiß, daß Bram gestorben ist — wo er das doch nun gar nicht weiß — darf Manu doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen .. . Sag' ihm dann ... sag' ihm dann..." „Mutter, wenn Du noch lang' stillstehst vor nichts, dann ist das Schiff schon da. Du mußt's ja wissen! Wir sagen kein Wort mehr!" Das half! Mit einem Gesicht, das durch leises Zittern in den alten Hautfalten verdüstert wurde, mit schnellerem Gekaue und schnelleren Kiefernbewegungen schritt sie vorwärts und hielt sich so dran bis an den Kai, wo die Kaiarbeiter Laufbretter heranrollten und schon mehr schwatzende Menschen standen, um das. Schiff mit den Kolonialsoldaten zu erwarten. Es dauerte lange, unendlich lange, ehe das Schiff anlegte, ehe die Seile ergriffen und die Laufbrücke gelegt war. Im Gedränge zwischen den anderen standen sie gespannt ruhend und meinten immer schon, Sally über der hohen steilausragenden Verkleidung des Schiffes zu sehen. Onkel Manu lief mit Packanschritten an dem ganzen Schiff entlang und blickte mit lichttrunkenen Aeuglein gegen die Sonnenglut an. Selien, die Mutter allein gelassen hatte, stand im Gewühl, bei der Laufbrücke, die hochgewunden wurde. Mutter hatte sich, fahlgelb aussehend, mit braunen, Vertiefungen unter den Augen, mit trockenen Lippen murmelnd, als ob sie nach Atem schnappe, aus einem Stapel Bretter niedergelassen, zu aufgeregt, zu angegriffen, um noch stehen zu können. Es brauste ihr in den Ohren — vor ihren brennenden Augen sah sie nichts als das schwarze, gewaltige Ungeheuer mit seinen mächtigen Schornsteinen. Und in ihrem ganz verworrenem, aufgeregten Köpfchen taumelten die Gedanken durcheinander — wie Manu es ihm sagen würde — ob Manu es ihm auch nicht zu rauh sagen würde. Da wurde über die Verkleidung hin auf dem Vorderdeck ein Helm geschwenkt. Sie sah nichts davon. „Mutter! Mutterrr!" — schrie Sally, der endlich in der Menge das kleine Frauchen mit dem falschen Scheitel erkannt hatte. Das hörte sie. Sally seine geliebte Stimme hätte sie aus tausenden heraus erkannt. Lächelnd zutastend, beinah über ein Seil hinstrauchelnd und bange vor dem hohen Koloß in dem Wasser, der sie förmlich kleiner machte, sie zusammenkrimpen ließ, eilte sie mit vorsichtigen Pantoffelschrittchen bis an die Kaimauer. Und