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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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Der Schatten des Hntrandes erstreckte sich ellipsenförmig von ihren Ohrläppchen nach der Nase hin. So atmete sie mit gespitztem Naschen und schnappte langsam, häppchenweise Luft. Das war ja noch schlimmer als ohnmächtig werden — so eine entsetzliche Hitze — und diese brennende Sonne im Rücken, und kein Schluck Wasser zu bekommen. . . Ich haws vor Durst nicht aus," sagte sie noch einmal : „Ich bin krank vor Durst!" „Du hast doch nichts besonderes gegessen — wie kann man so früh am Tage schon Durst haben?" sprach Mutter verwundert. - „Da ist ja sonst Wasser genug," spaßte Onkel Manu: „mehr Wasser haste zu Füßen, als- Du Dein ganzes Leben lang trinkst!" „Wo haste den Witz her?" fragte sauertöpfisch Selien, die nur mühsam ihre Zanklust zu bezwingen vermochte. Allmächtiger, was dauerte das, bis man das Schiff sah. Nun saßen sie da schon reichlich 'ne halbe Stunde auf dem Juteballen und konnten noch wenigstens anderthalb Stunden so ausbticken. Nein, sie hielt es nicht aus. Sie wurde verrückt davon. Energisch, dem Weinen nah, stand sie auf und sagte, daß sie irgendwo in der Nähe saure Bonbons kaufen wollte. „Wenn Du uns dann man nicht verfehlst," sprach Mutter, geduldig in die Ferne starrend und fest überzeugt, daß sie das große Schiff mit den beiden Schornsteinen zuerst sehen würde. „Ja, ich bin doch kein Kind," sprach Selien schulterzuckend und suchte sich die Jutefasern von ihrem Rock. Als Mutter mit Onkel Manu allein war, begann sie sich wieder ihren Erinnerungen zu überlassen und blickte träumerisch über das Wasser. Ihre alten Augen mit dem bräunlich angelaufenen Weiß wurden feucht und weil sie sich ausschnupfen mußte, fragte Manu von selbst: „. . . Was weinste nun? . . . Haste Grund zu weinen?" — er sprach es schnell und gütig, wohl fühlend, woran sie dachte. „Ich wein'," schnüffelte sie, wobei sie ihre dicksten Tränen verschluckte, „ich wein' über Bram, der so viel Verdruß durch ihn gehabt hat — Verdruß, gar nicht zu sagen, und der nun heut nicht dabei sein kann." „Freu' Dich über die Lebenden," tröstete Manch „als Ihr vor zehn Jahr' zu mir gekommen seid — als Du schlimmer geweint hast, als nun — als Bram sich die Haar' aus dem Kopf riß, weil Sally — wir können doch nun drüber sprechen, wenn Selien nicht dabei ist — weil Sally die siebzehn Gulden von Herrn Schriel durchgebracht hatte — auf den Kopf siebzehn Gulden, dreiundvierzig und einen halben Cent — wer hat Euch da geraten, ihn nach dem Osten zu steuern? — Wer? — Ich. Das bin ich gewesen. Im Zimmer hinter mein' Laden hat Bram geheult wie'n Kind — da hat er tot sitzen zu bleiben gewünscht, weil Schriel es bei der Polizei anzeigen gewollt und weil er die siebzehn Gulden nicht gehabt hat, um sie zurückzugeben. Da Hab' ich sie Euch mit großer Müh' vorgeschossen — weißt es Wohl noch? — Und Bram hat mir jede Woche fünfzig Cent zurückgezahlt. In mein' Zimmer damals hinterm Laden, als Ihr fo schrecklich verstört wart, als Ihr meintet, daß doch nie was Ordentliches aus ihm würd' — hatt' er nicht schon dreimal lange Finger gemacht? — in mein Zimmer damals konntet Ihr nicht träumen, konnte ich nicht träumen, daß wir nun hier am Kai sitzen würden, um ihn als Sergeant abzuholen! Besser, daß Bram es nicht erlebt hat, daß sein Sohn hochgeachtet zurückkommt, als daß .er was Schlimmeres hätte erleben müssen ..." Mit schnellem Gerassel hatte er -seine Meinung gesagt, ohne Gewißheit seinen Trost aufgebaut, eilig geschwätzt, um nicht in Stockungen zu geraten. ... Denn Brams plötzlicher Tod, zwei Tage nachdem der Brief angelangt, war ein Elend gewesen! So ungeheuer auch, wie der Mann sich gefreut hatte, als ihm der Brief vorgelesen war. „Sollen wir ihm zuerst sagen," sprach sie wieder, wobei sie mit roten Aeuglein die Kieselsteinchen zu ihren Pantoffelsüßen betrachtete: „sollen wir ihm zuerst sagen, daß Bram krank liegt?" „Nein — nein — das kannste nicht — Hab' ich Dir schon mehr als zwanzig und dreißig Mal gesagt," sprach er knurrig, weil sie immer wieder dasselbe wollte, immer mit ihrem schwachen Gedächtnis wieder vergessen hatte, was verabredet worden war. Seit, gestern und heute alle Nerven in Aufregung, total verworren, ohne Ruhe zum Sitzen beim Essen, schien sie ihr Gedächtnis radikal verloren zu haben. „Die Absprache ist und da halten wir uns dran," sprach er nachdrucksvoll: „daß Ihr, Du und Selien, so lange zurückbleibt, bis ich's ihm gesagt Hab' ..." „Ja — ja," wiederholte sie, „das ist die Absprach', das weiß ich Wohl, aber wenn Du's ihm nun so rauh sagst." „Vertraust Du mir nicht?" „Dann sag' ihm — dann sag' ihm," überlegte sie noch immer unentschlossen, „sag' ihm, daß Bram sich sehr schlecht befindet." „Und warum soll ich lügen? — Mit Lügen find't er sein Vater nicht wieder," wehrte Manu bissig ab. „Wenn ich ja lüg', erfährt er's 'ne Viertelstunde später doch. Ein Soldat mußt Du bedenken, ein Soldat im Osten sieht so viel, daß er an Schreckniss' gewöhnt ist." „Sag ihm dann," begann sie noch einmal mit schwachem Willen, klein und schüchtern nach den Blümchen auf ihren Pantoffeln blickend — denn ach, es ging ihr doch so im Kopf herum! — der eine zaghafte kleine Gedanke verdrängte den anderen, ehe sie noch genau wußte, was sie gedacht hatte — ihr ganzes altes Köpfchen war durch das frühe Aufstehen, die Anspannung und die Nüchternheit aus Rand und Band . . . „Sag' ihm dann. Manu, daß ..." Manu, aber jetzt ungeduldiger, — sein ganzes Leben lang war er schnell in seinen Bewegungen gewesen, schnell entschlossen, energisch in seinem Wollen, und wenn's ihm auch sonst nicht viel eingebracht hatte — Manu siel ihr kurz in die Rede: „Ueberlaß das, bitte, mir. Ich werd' ihm schon keinen Schreck in den Leib jagen. Wenn Jhr's unternehmt, wird's 'ne Heulpartie und dann weiß er noch nichts!" Mutter schwieg und kaute leise auf dem, was sie nicht im Munde hatte. Manu war ein Gewaltsmensch, dagegen konnte sie nicht an. Und es war auch keine Zeit mehr, um drüber hin und her zu philosophieren, denn Selien, die durch ein Glas Wasser, das sie in einem Krämerladen am Kai getrunken hatte, erfrischt war, kam gerade wieder um die Ecke herum und als sie an dem großen Laternenpsahl vorbei war, schrie sie: „Onkel Manu — biste blind geworden? Onkel Manu, siehste nicht? Da kommt ein Schiff mit zwei Schornstein'!" „Kann ich sprechen und sehen zugleich?" murrte Onkel, indem er schnell die Hände über die Augenbrauen legte, ärgerlich über das Gerede seiner Schwester, die dann dies und dann das wollte. Gereizt überblickte er den Wasserspiegel — taxierte das sich undeutlich abzeichnende Silhouettchen, von dessen Spitzen Rußwölkchen aufstiegen und sprach entschlossen:

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