Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · p. Seite 343

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228666--61872-3275717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

343 der Wolf begierig. „Ach," sagte der Fuchs, „ich habe hier unten Fleisch in Fülle und auch herrlichen Käse, den du wohl auch von oben sehen kannst" —. es war der Mond, den das Wasser wiederspiegelte — „und ich lasse es mir gut munden." „So laß doch auch mich an dem Mahle teilnehmen," bat der Wolf, „und sage mir, wie ich zu dir herunterkomme." „Das ist ganz einfach," erwiderte der Fuchs, „steige nur oben in den leeren Eimer." Der Wolf gehorchte, und schon nach einigen Sekunden befand er sich in der Tiefe und der Fuchs in der Höhe, der ihm höhnisch zuries: „Der Fromme wird vom Verhängnis dadurch befreit, daß an seine Stelle ein Bösewicht kommt." Der Anhang enthält noch anmutige talmudische Legenden von Noah, Abraham, Moses und Aaron, ferner „Josefs Sarg," „Israels Schutzgeist," „Ein römischer Senator," „Die Wasseruhr," „Der ewige Jude," „Ich bin Salomo" und andere, die vom Autor zuerst in diesen Blättern veröffentlicht wurden. Seit Kohn's einst vielgelesenen „Bibelschatz" ist kein ähnlich für unsere reifere Jugend, wie für gebildete Laien geeignetes Werk über das talmudische Schrifttum erschienen. Hoffentlich gelingt es dem Verfasser recht bald, das Werk durch Vermehrung des hagadistischen Teils zu einem wirklichen kompletten Talmudschatz auszugeftalten. Die Ausstattung des nur 2,50 Mark kostenden Buches ist hochelegant. F. M. Sallys Heimkehr. Von Hermann Heijerrnans jr. III. O/nkel Manu stand da, die beiden Hände an die Schläfen gelegt, die Wangen lachend angebeult, den Mund mit den Zahnlücken weit anfgeriffen. Selten stand und starrte, ohne Atem zu holen, die Wangen straff und häßlich verzerrt, den Mund schlaff offen, und hielt die eine Hand an den Blumenhut gelegt, die andere wie einen Schirm über die Schlitzäugelein. „Ist es das?" fragte Mutter wieder, die, durch das Wellengefunkel geblendet, nichts mehr sah. „Mutter, frag' doch nicht so viel, was man doch nicht wissen kann," sagte Selten, die wer weiß was für ein Glas Wasser gegeben hätte. Sie sprach beinah heiser. „Es ist es nicht," sagte Onkel Manuj „es ist es um alles und noch 'was nicht — es liegt zu tief im Wasser — auf solchem flachen Schiff kann Sally nicht übers Meer gefahren sein." ... „Und es ist ja auch schon wieder weg, genau wie ich's gesagt habe — es war von hier gekommen," sagte Selien, auf den Ballen zusammensinkend. „Ich möcht', daß er schon da wär' — ich möcht's um tausend Gulden und noch was," sagte Mutter, die sich in stiller Besorgnis wiegte: „wenn er uns hier zu Dreien sieht, ohne Bram, dann erschreckt er sich, 'n Unglück — dann ist' ihm der ganze Tag verstört." . . . „Und wenn Onkel noch wenigstens das Trauerband vom Arm nahm' — das ist gerad', als ob man's ihm damit sagen wollt'," sagte Selien, wobei sie ihre müden, goldglühenden Augen mit ihren heißen Fingerspitzen betupfte. „Verrückt — denk' ich nicht dran," weigerte sich Onkels „er muß es ja doch erfahren und wenn er's erfährt, nimmt er's so bös' auf wie was, wenn der Bruder seines Vaters nicht mal ein Trauerzeichen an sich hat!" Er sprach so aus Ueberzeugung und geärgert, weil er schon so viele Geschichten um seine Trauerrosette gehabt hatte. An der Mütze konnte man nichts sehen. 'Ne Mütze war immer schwarz. Und 'ne Mütze setzte man ab, wenn man zu Hause war. Da hatte er den Einfall gehabt, zu tun, was sie alle taten, was nett stand und keinen Anstoß erregte. Seine Frau hatte 'ne halbe Stunde damit zu tun gehabt, das Futter aus einer alten abgelegten Weste loszutrennen und ein anständiges Modell zu finden. In seinem Zigarrenladen hatte er die Rosette schon einen, vollen Monat getragen, und keine lebende Seele hatte was dran auszusetzen gefunden, außer Selien, die es noch nie gesehen hatte, daß man auf. diese Weise-trauerte, und es von ihrem Mann, wenn sie verheiratet wäre, nicht leiden würde. Und weil Selien fortwährend darüber zankte, zankte Mutter mit. Er wußte es besser. Die feinsten Menschen sah man damit gehen — warum nicht ihn? Wahrhaftig nun regte sie die Mutter wieder auf um nichts. „Manu," begann das alte Frauchen, ihren falschen Scheitel mit ihren warmen Händen glatt streichend: „Manu, mach' Du mir die Freud' und nimm so lang das Band von Deinem Arm!" ... „Hab' ich's nicht gesagt?" sagte Manu falsch einen Strahl Priemsast nieder zickzackend: „Fängt sie an, dann fängst Du auch an — ein Wunder! — Sieh doch lieber nach 'ner Schut' mit zwei Schornstein' aus!" „Wenn er uns am Kai sieht," sprach Mutter freundlich: „und seinen Vater vermißt, dann ist es doch schlinnn genug — willst Du uns die Sache nun noch schwerer machen?" . . . „Was mach' ich denn schwerer?" — sprach Manu ingrimmig : „was kannste anders tun, als was ich Dir schon I hundertmal gesagt Hab', ihm's auf einmal sagen, daß! Bram ..." „Tu' mir doch die Freud'!" flehte Mutter: „ich Hab' die ganze Nacht wach gelegen und gedacht, daß wir ihm doch hätten telegraphieren müssen, und hätten wir auch den Schrank dafür verpfänden müssen. Du kannst's ja gleich, wenn er's erfahren hat, wieder anstecken ..." „Es ist seftgenäht," sagte Onkel ärgerlich. „Dann trenn' es ab!" „Sollst Deinen Willen haben," sprach Manu, dem die Laune verdorben war: „nun frag' ich Dich nur, was die Rosett' stört?" Aergerlich riß er daran. Aber weil seine Frau sie fest angenäht hatte, mußte Selien mit seinem kurzen Taschenmesser dran Herumsäbeln, bis die Fäden losließen. Dann legte er gereizt und mißmutig wieder die Hände über die Brauen und starrte auf den silberblinkenden, Funken wiederspiegelnden Fluß. Es war noch nichts zu sehen. Nur ein einzelnes Schleppbot durchschnitt das Wasser, wobei es schneeigen Schaum aufpeitschte. Das Gestöhne des Schornsteins dröhnte wie das schwere Keuchen eines Hundes herüber und der langsam schwingende Wellenschlag, der mit geräuschlosem Stoß niederwallte und wieder hochstieg, brach sich mit heftigem Geplantsche an der Kaimauer. Gegenüber, wo die Docks lagen, wo die Türen und Hallen der rotbraunen Tanks sich dunkel von der gleichmäßig blauen Luft abhoben, ragten spitz die Masten einer Fregatte auf und das Klirren rastloser Hämmer klang mit schnellem, metallenem Schlags herüber, klang so unaufhörlich raffelnd wieder, daß zwischen dem hellen Gehämmer kaum eine Pause wahrzunehmen war. Selien, mit dem über den Augen klebenden kleinen Schleier, hielt ihren Hut etwas gesenkt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.