Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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342 — dem wichtigsten, berühren sich die Gegensätze. Jeder van beiden bezeichnet seine Religion. als „Die Religion und als Kern, und Stern, als Wesen derselben, die edle sittliche Tat." Hier gilt das Wort Lessings: „Was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden." -MM- Die flusküllung einer Lücke in unlerer Jugendliteratur und Apologetik. tnmer geringer wird leider bei uns und in ganz Mittel- Europa die Zahl derer, die sich, ohne durch ihren Berus dazu genötigt zu sein, noch intensiv mit dem talmudischen Schrifttum befassen. Unsere reifere Jugend namentlich ist selten mehr in der Lage, an Ort und Stelle nachzuprüfen, daß die ihr vorgetragenen und gerühmten Anschauungen über Sitte, Tugend und Recht ihre Quelle in dem Gedankenkreis der alten Weisen Israels haben und sich fast ausnahmslos bereits im talmudischen Schrifttum vorfinden. Für die hervorragendsten Kapitel des gesellschaftlichen Lebens hat Albert Katz daher bereits in seinem früher erschienenen „Talmudjuden" (Walther L Apolant) die Belege in mannigfachen Lebensregeln und Sentenzen aus dem Talmild zusammengestellt. Eine weiter und höher hinaus geführte Fortsetzung dieses Werkes, welche uns in Charakterbildern mit Belegstellen zwölf der Weisen des Talmuds vorführt, die zum Teil das Auftreten Jesu und der Apostel mit erlebt haben, bietet der Verfasser in dem soeben erschienenen Buche „Biographische Charakterbilder aus der jüdischen Geschichte und Sage" (Berlin, Verlag für moderne Literatur). Nicht nur bei manchem Theologen, sondern selbst bei einem immerhin dem Judentum achtungsvoll gegenübertretenden modernen Dramatiker wie Hermann Sudermann sind aus den Weisen des Talnmds karikierte Gestalten geworden: finster, intolerant, weltfremd und auf nichts weiter bedacht als auf die Beschäftigung mit sophistischen Haarspaltereien. Diese geschmackvoll auf den talmudischen Belegstellen aufgebauten Lebensbilder von Hillel, Schammai, Gamliel, Jochanan ben Sakkai, Josua ben Chananja, Akiba usw. zeigen uns, wie Israels alte Lehrer gleich den ihnen vorangegangenen Propheten Gesinnungsadel, Sittenreinheft und lauteren Lebenswandel höher als Opfer und Formendienst stellten und vor den fürchterlichsten Leiden nicht zurückschreckten, wenrn es galt, die von ihnen zum Heile der Menschheit angestrebten Ideale und anerkannten Wahrheiten vor finsteren Mächten zu schützen. In diesen ohne jede beschönigende Tendenz, geradezu ans talmudischen Belegstellen aufgebauten Charakterbildern sehen wir, daß die so vielfach verkannten Lehrer und Führer Israels auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit standen und nichts von jener finstern Abgeschlossenheit, Weltfremdheit und Engherzigkeit der Gesinnung besaßen, die Uebelwollen und Unkenntnis Lei ihnen voraussetzen zu dürfen vermeinen. Katz weist in einem Vorwort unter anderem darauf hin, daß von den Mitgliedern des Synhdrions, zu denen die Mischnahlehrer gehörten, bedeutende Sprachkenntnifse und hervorragende Kenntnisse auf allen Gebieten der damaligen Wissenschaft verlangt wurden. (Sanhedrin 17a) Diese für jene Zeit vollkommene allgemeine Bildung zeigt sich auch in den im Talmud vorkommenden wissenschaftlichen Debatten zwischen jüdischen und fremdländischen Gelehrten, in denen eine genaue Kenntnis der griechischen Bildung und der verschiedenen Wifsenssächer ihrer Zeit hervortritt. Bekannt sind aus dem Talmud die auch anderweitig bestätigten wissenschaftlichen Gespräche des Kaisers Antonius (Marc Aurel) mit jüdischen Weisen, in denen die höchsten noch heute die wissenschaftliche Welt beschäftigenden „Welträtfel" schon sehr eingehend behandelt werden. Auch Kaiser Hadrian führte gelehrte Kontroversen mit 'den tannaitifchen Weisen Und konnte nicht umhin, deren Geistesgröße aufrichtig zu bewundern. So sagte er einst zu Josua Len Chanania: „Da Ihr so weise seid, so sage mir doch, was ich diese Nacht träumen werde." Dieser erwiderte ihm: „Du wirst träumen, daß die Parther Dich knechten und zwingen werden, niedrige Tiere mit einem goldenen Szepter zu führen." Als Hadrian in der Tat noch in derselben Nacht das Angekündigte träumte, bewunderte er den Scharfblick des Rabbi, dem es nicht entgangen war, wie er sich vor den Parthern fürchtete und darum mit ihnen in Frieden zu leben bestrebt war. Wer sich an ähnlichen Geistesblitzen, an sittlichen Zügen, die der vielbewunderten „Bergpredigt" vorangehen, an naiven und zugleich erhabenen legendarischen Bildern erbauen will, nehme das vorliegende Buch zur Hand, das nach den Worten des den Lesern dieser Blätter wohlbekannten Verfassers dazu bestimmt ist, „dem gebildeten Manne" wie der reiferen Jugend einen Einblick in das Seelenleben der Männer zu gewähren, deren ethische Grundsätze noch immer die größte Beachtung und Anerkennung verdienen. „Diese Lehrer des jüdischen Volkes waren Zeugen der großen Umwälzung, die Israel seiner staatlichen Selbständigkeit beraubte. Ihre im^ talmudischen Schrifttum zerstreuten Lehren und Sinnsprüche benutze ich als - Material zur Charakterisierung ihres Lebens und Wirkens und achtete, soweit es möglich war, auf eine getreue Medergabe ihrer eigenen Redeweise. Als Anhang zu den biographischen Charakterbildern biete ich eine kleine Auswahl talmudischer Sagen, sowie zwei Skizzen aus der neuhebräischen Literatur, die wegen ihres Kolorits in den Rahmen dieser Sammlung hineinpafsen, die zu einer gerechten Würdigung des talmudischen Schrifttums und seiner Urheber beitragen möge." So hat der Autor, den Worten Heinrich Heiners folgend, der mehr noch als allen Scharfblick in den Kontroversen des Talmuds den Garten der Hagada rühmt, auch einige Früchte der phantasiereichen talmudischen Poesie uns dargeboten. Selbst an einer kleinen Probe talmudischen Witzes fehlt es nicht, die wir hier wiedergeben wollen. In Sanhedrin 39 a findet sich die hübsche Fabel: „Der Fuchs und der Wolf": „Es war an einem Freitag nachmittag, als ein Fuchs einem Wolf begegnete und ihm zuredete, die Judengasse aufzusuchen, wo so viele feine Leckerbissen für den Sabbat zubereitet werden. Dem Wolf gefiel der Vorschlag. Er schlich sich in die Judengasse ein. Kaum aber hatten die Juden ihn bemerkt, als sie mit Stöcken und Aexten über ihn herfielen und ihn so prügelten, daß ihm der Appetit auf die Leckerbissen verging und er nur darauf bedacht war, durch die Flucht das Leben zu retten. Erfüllt von Rachegedanken, suchte er den Fuchs auf und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Der Fuchs aber entschuldigte sich und sprach: „Nicht mich trifft die Schuld, sondern deinen Vater, der ebenfalls an einein Freitag die Judengasfe aufgesucht hatte, um den Frauen beim Zubereiten der Speisen zu helfen, aber anstatt ihnen zu helfen, die Speisen selbst verzehrte. „Ja/ ja," sprach der Wolf, „die Väter essen saure Trauben und die Zähne der Kinder werden stumpf." Der Fuchs aber tröstete ihn und sprach: '„Nun will ich dich an einen Ort führen, wo wir uns ordentlich werden satt essen können. Folge mir nur." Und er führte ihn an einen Brunnen, aus dem das Wasser mit Eimern, die an einer hohen Stange wie Wagschalen hingen, geschöpft wurde." Der Fuchs kroch in einen 'der Eimer hinein, der mit ihm gleich in die Tiefe fuhr, während der andere, leere Eimer in die Höhe stieg. „Was suchst du dort unten?" fragte