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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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34l seiner Mannigfaltigkeit, die Identität der Grundgedanken in den . Umwälzungen und Gestaltungen der Jahrtausende. Und diese müssen unzweifelhaft unbestreitbar das Wesen des Judentums bilden. Diese Annahme wird zur vollen Gewißheit, wenn , wir bedenken, daß die Anerkennung dieser Grundlehren nicht durch eine äußere Macht erzwungen wurde, weder durch das flammende Cherubschwert des Dogmas, noch, durch das autokratische Machtwort einer geistigen oder weltlichen Behördevon denen das erftere wohl niemals eine dominierende Macht besessen und letztere seit nahezu zwei Jahrtausenden nicht mehr besteht. Diese von allem Wandel und Wechsel der Zeit unberührt, unverletzt gebliebenen Grundlehren waren vielmehr die ewig frischen Wurzeln, aus welchen der Jahrtausende alte Baum des Judentums, der Blätter und Blüten gewechselt, aber immer dieselben Früchte getragen, seine Kräfte und Säfte gesogen. Darin liegt der beste und glänzendste Beweis, daß sie in der Tat das Wesen des Judentums bilden. Welche sind nun die ewigen Grundpfeiler des Judentums, die es durch alle Zeiten getragen? Vor allem die : das Gotteswort, das im Munde der Propheten ertönte, das die Schriftgelehrten wie ihren Augapfel gehütet, gehegt und gepflegt, sich darin versenkt und geforscht, es ausgebaut und erweitert, das auch heute noch ungeschwächt und unvermindert Licht und Lehre des Lebens geblieben. In treffender Weise zeigt der Verfasser, wie dieser Ausbau, diese Erweiterung ganz im Geiste und wenn man so will, in der Sprache der Evangelien geschieht: „Ihr habet gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist, Du sollst nicht ehebrechen, ich aber sage Euch, wer auch nur die äußerste Ferse eines Weibes anfieht in seinem Gelüste, der ist, als hätte er die Ehe mit ihr gebrochen. Ihr habet gehört, daß sechshundert und dreizehn Gebote dem Moses verkündet wurden; ich aber sage Euch, durchsuchet nicht die Thora, denn so spricht der Ewige zum Hause Israel: suchet mich und Ihr werdet leben." Ihr wißt, daß in der Thora gesagt ist: wer gesündigt chat, der bringe ein Opfer und er sei gesühnt, ich aber sage Euch: „Gott spricht, der Sünder tue Buße und er wird versöhnt." Dies sind nur einige Proben, wie religiöse ethische Gedanken erweitert und ausgebaut wurden auf dem alten Grunde des Gotteswortes. Es ist ganz unmöglich, alle Grundideen des Judentums, welche die Urzeit und Gegenwart mit einander verbinden, in dem engen Rahmen einer Besprechung einzeln zu erörtern. Verfolgt eine solche doch nur den Zweck, zur Lektüre des Buches anzuregennicht aber dieselbe überflüssig zu machen. Nur an einer Fundamentallehre soll gezeigt werden, wie die entferntesten Zeiten sich in voller Uebereinstimmung befinden. Der Grund- und Eckstein eines jeden Religionsgebäudes ist der Gottesgedanke. In diesem Punkte wurde niemals reflektiert, argumentiert; er stand immer unzweifelhaft fest, absolut sicher, wie das Bewußtsein des eignen Daseins. Reflektiert gedacht und geforscht wurde zu allen Zeiten nur über „die Wege Gottes", nicht etwa als ein metaphysisches Problem, sondern um die Norm und Richtschnur des sittlichen Handelns zu finden und festzustellen. „Die Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch wandeln soll." Moses ist erfüllt von einer tiefen Sehnsucht, nicht das Wesen Gottes, sondern seine Wege zu erkennen und inbrünstig fleht er zu Gott: „Tue mir kund Deine Wege." Diese wurden gelehrt und verkündet von den Propheten, besungen und verherrlicht in den Psalmen. Diesen leuchtenden Spuren folgen die Schristgelehrten, welche ganz in demselben Geiste lehren: „Der Mensch wandle in den Wegen Gottes, d. h. erstrebe und erwirb die Eigenschaften Gottes. Wie Gott voll Gnade und Gerechtigkeit ist, so sollst auch Du erfüllt sein vom Geiste der Liebe, Milde und Gerechtigkeit." So ist der Gottesgedanke als Quell der Sittlichkeit in allen Zeiten und geschichtlichen Epochen, der sittliche Lebenswandel der unwandelbare Grundzug des Judentums geblieben. Dieses eine Beispiel genügt zur Orientierung für den Geist und die Richtung, in welchen das Problem behandelt wird. Man kann'sich dem Eindrücke nicht erwehren, daß sich der Verfasser seiner Aufgabe mit tiefer Gründlichkeit, mit heiligem Ernste und mit unbestochener Wahrheitsliebe unterzogen. Eine objektive und nicht eine subjektive Darstellung des Judentums will er bieten, darum läßt er es selbst sprechen, ohne zu „destillieren", ohne irgend etwas hineinzudeuten. Er prüft, durchforscht den Inhalt desselben mit strenger Gewissenhaftigkeit, durchleuchtet es gleichsam mit Röntgenstrahlen, um jedem, der sehen will, zu zeigen, was das Judentum „in: Innersten zusammenhält." Der Verfasser, der das Judentum so gründlich kennt, so lebenswahr und naturgetreu schildert, ist aber auch erfüllt vom Geiste desselben, d. i. der Geist edler, erhabener Toleranz, welche gleichfalls einen seiner Grundzüge bildet. Von der herrlichen Weihrede Salomons, die von einem befreienden, erhabenden Universalismus durchweht ist, bis zu dem kanonisch gewordenen Ausspruche des Schriftgelehrten. Die Frommen und Edlen aller Nationen und Religionsbekenntnisse erlangen die ewige Seligkeit, tönt uns überall und allezeit der milde versöhnende Ruf der Duldsamkeit entgegen. Von diesem Geist erfüllt und geleitet, verschmäht es daher der Verfasser, das vom wissenschaftlichen und sittlichen Standpunkte verwerfliche Mittel anzuwenden, welches von manchen Theologen gebraucht wird, dessen Lippen von salbungsvollen Worten höchster Sittlichkeit überströmen, ohne die leisesten Gewissensskrupel dem Judentume gegenüber. Der Wert des letztern wird recht tief herabgedrückt, verkleinert, verringert, damit die Hoheit und Größe des eignen Glaubensbekenntnisses anschaulich und eindrucksvoll erscheine. Jenes wird in den dunkelsten Farben gezeichnet, damit dieses aus dem düstern Hintergründe licht und glanzvoll sich abhebe. Gegen ein solches Verfahren bäumt sich das Gerechtigkeitsgefühl, der Wahrheitssinn des Verfassers auf. Er folgt dem Genius des Judentums, indem er von der welthistorischen Bedeutung des Christentums, von dessen hohem sittlichen Ideengehalt, frei von jeder Scheelsucht und Mißgunst, in warmen, anerkennenden Worten spricht. So dachten und sprachen zu allen Zeiten die erlesensten Geister des Judentums, die berufen und berechtigt waren, in dessen Namen zu sprechen. Um nur die zwei hervorragenden Denker des Mittelalters zu nennen: Jehuda Halevi und Maimonides. Beide erkennen die weltgeschichtliche Mission des Christentums und auch des Islams unverhüllt und rückhaltlos an, die darin besteht, die Völker der Erde für die messianische Zeit vorzubereiten und zu ihr hinzusühren. „Sie haben den heiligen Beruf, das Kommen des Gottesreiches anzubahnen und einen Teil desselben in der Tat vollbracht, die Worte der heiligen Schrift bis an die Enden der Welt dringen zu lassen." Dies sind nicht vereinzelte Stimmen, sondern die Stimme des Judentums selber und sie erklingt in der ganzen religiösen Literatur derselben. Dies ist in der Tat ein glänzender Beweis, daß man von der Wahrheit des eignen Glaubensbekenntnisses aufs tiefste überzeugt und durchdrungen sein kann, ohne die Fähigkeit zu verlieren, anderen Religionen gerecht zu werden, deren Wert und Bedeutung zu würdigen, daß es trotz aller Verschiedenheit einen gemeinsamen Punkt, ein gemeinsames Ziel gibt, dem alle monotheistischen Religionen zustreben, die Vorbereitung des messianischen Reiches. Dies ist auch klar und deutlich ersichtlich, wenn man die vorliegende Schrift mit Harnacks „Wesen des Christentums" vergleicht. Soweit auch ihre religiöse Weltanschauungen von einander abweichen, in einem Punkte,

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