Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228666--61869-3275714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gattin auf den Namen Kohn hörten, während dieser Sohn einer jüdischen Mutter jetzt strammer Verfechter des Katholizismus, lies und schreibe Klerikalismns, und nun wohlbestallter und wohlbezahlter zweiter Vizebürgermeister von Wien ist. Steiner, in seinen Mußestunden bürgerlicher Anstreicher und Zimmermaler, verzichtete auf seine Stelle als gutdotierM Landesausschuß und nahm die noch besser dotierte des Kurators einer hohen Landesanstalt an, und an seine Stelle rückte Bielohlawek, der gewaltige Mann, der die Bildung verachtet, weil er sie nicht besitzt, und einen Abscheu hat vor allem, was Schweinefleisch ißt, Bücher besitzt und aus ihnen sehr vergängliche Weisheit schöpft. So wurden von Jovis, das ist Luegers Throne die Aemter verteilt, und wir fragen, ob da nicht ein ähnlicher Handelsgeist ist, wie der, den der Nachkomme großer Ahnen bekundete, als er den „Simson" von Wien nach Frankfurt wandern ließ! Mährend die antisemitischen Machthaber also die Stellen und einträglichen Aemter untereinander teilten, Lueger zu seinen Würden auch die des Landesmarschallstellvertreters erhielt und die'Kreierung einer dritten gutbezahlten Vizebürgermeisterstelle vorbereitete, wurde von den Gewalthabern Wiens und ihren engen Verbündeten im Abgeordnetenbause, den Herrn Deutsch-Volklichen und Deutsch-Nationalen, über das Schicksal von tausenden armen Hausierern entschieden, denen das Stückchen kärgliches Brot, das sie sich unter Schweiß und Spott und Tränen kümmerlich genug erworben, genommen werden soll durch ein Hausiergesetz, das unser Herrenhaus in liberaler Weise abgeändert hat, in einer freisinnigen Art, zu der sich allerdings unser jetziges Volkshaus — lucus a non lucendo — nicht emporschwingen kann. Es ist weit gekommen in unserem. Oesterreich. Das Herrenhaus, das Haus der Prinzen, Erzbischöfe und Hochfeudalen, überragt an Freisinn das Haus der Volksvertreter. Bei den hohen Herren finden die Aermsten der Armen einen Schutz, den ihnen die Erwählten des Volkes versagen. Ist das nicht die Zeit der unbegrenzten Unwahrscheinlichkeiten, in der wir leben? Was sollen diese armen Teufel nun tun? Sie verfügen nicht über gut bezahlte Stellen, Minister können sie nicht werden, Landesausschüsse auch nicht, Bilder von Rubens haben sie nicht, auch nicht solche von Tizian, die sie verkaufen könnten; bleibt ihnen also nichts übrig, als zu verhungern. Doch dies kümmert Leute nicht, die stets dem Grundsätze huldigten: Nur selbst essen macht fett. Und da schon Lueger in den autokratischen Anwandlungen drin ist, hat er auch dekretiert, daß vom 1. Juni d. I. in den städtischen Schlachthäusern nicht mehr rituell geschächtet werden dürfe. Er sei, so bemerkte er, Vollstrecker der Beschlüsse des Gemeinderats, und habe sich nicht um Statthalterei und Ministerium und Verwaltungsgerichtshof zu kümmern. Inzwischen hat sich die Statthalterei doch ausgerafft und Luegers Mas sistiert. Wir wollen aber niemand Unrecht tun. Auch Lueger nicht. Nach Aeußerungen, die er während der Verhandlung über das Schächtverbot im Gemeinderat machte, scheint er mit diesem Eingriffe in die Religionsgesetze einer vom Staate anerkannten Glaubensgenossenschast nicht ganz einverstanden zu sein. Wenigstens sagte er zu seinen Anhängern vom Schlage Bielohlaweks: „Mögen sich die Herren auslöffeln, was sie sich eingebrockt haben." Es ist dies mehr deutlich, als klassisch gesprochen. Es scheint aber, daß sich hier das wiederholte, was wir so häufig im politischen und sozialen Leben wahrnehmen, daß nämlich die Perikles den Kleonten weichen müssen'; Lueger ist zwar kein Perikles, desto mehr ist Bielohlawek, sind seine Genossen Kleonten. Was nun geschehen wird? Man mag der ferneren Entwicklung dieser Angelegenheit mit Spannung entgegensehen. — Welch' eine verkehrte Welt! Die hohen Grafen und Besitzer alter Kunstschätze, die privilegierten Pächter christlich sozialer Kultur werden zu praktischen Händlern, die Hausierer aber können, da wir schon einmal klassische Schill'erzitate Vorbringen, mit Jupiter den Himmel teilen, d. h. in unser gemeinverständliches. Deutsch übersetzt — verhungern, wie es manchen großen Poeten doch auch nicht besser erging. Bei den verflossenen Schillerfeiern wurde der große Idealist auch von den Antisemiten Wiens in den Himmel gehoben. Der große Dichter läßt seinen Wallenstein sagen, er habe den rechten Mann nie nach seinem Katechismus gefragt, seine Löbredner gehen nach seiner Feier daran, Menschen zu fragen, ob sie Fleisch geschächteter Tiere essen. Aber wir sollten es doch schon wissen, was unsere Zeit kennzeichnet. Sie steht nicht im Zeichen Schillers, der Wahrheit, sondern in dem der Phäaken Wiens, der Lüge. Iwri. Das Molen des Judentums? Von Dr. Joses Wohlstein in Malmö. uf den ersten Blick erscheint es fast als^eine unlösbare Aufgabe, das Wesen des Judentums darstellen zu wollen. Welch ein buntes Bild heterogener Erscheinungen zieht an unserem Geiste vorüber bei dem Gedanken an das Judentum, welches einen Zeitraum von Jahrtausenden umspannt, den verschiedensten Religionssystemen und Weltanschauungen kämpfend und streitend gegenübergestanden, aber auch Einflüsse und Einwirkungen von denselben empfangen. Wie grundverschieden erscheinen dem kurzsichtigen Beurteiler die mannigfachen Formen und Gestaltungen, die durch religiöse und historische Evulationen entstanden sind. Opferkultus, Prophetismus und Rabbinismus. Derjenige, dessen Blick an der Oberfläche haftet, ohne in das Innere zu dringen, ist leicht geneigt, in diesen verschiedenen Epochen und Entwicklungsphasen völlig ungleichartige, ja diametral entgegengesetzte Religionsformen zu erblicken, die sich gegenseitig bekämpft und schließlich abgelöst haben. Eine solche Kurzsichtigkeit und Oberflächlichkeit im Gewände der Wissenschaftlichkeit mit dem Tone der Unfehlbarkeit hat ganz besonders zwischen Prophetismus und Rabbinismus eine tiefe Kluft gegraben, die unausfüllbar, unüberbrückbar erscheint. Dort Geisteshelle und hoher Gedankenflug, hier blinder Buchstabenglaube und bleierne Gesetzesschwere. Dort kraftvolle Regsamkeit und Entwicklung, hier geistige Verknöcherung und Versteinerung. Das sind kontradiktorische Gegensätze, zwischen welchen eine Versöhnung und Vermittlung ausgeschlossen ist. In Dithyramben /wird der Prophetismus besungen und verherrlicht, in den^Himmel wurde er erhoben, nur um den Tiefstand des Rabbinismus recht klar und anschaulich zu zeigen. Dieser wissenschaftlichen Unwahrheit tritt Dr. Bäck in seiner jüngst erschienenen Schrift: „Das Wesen des Judentums" mit der Schärfe der Logik und der Wärme idealer Begeisterung entgegen. „Es ist (das Judentum) immer ein Ganzes und Wesentliches, worin alle Zeiten in nämlicher Weise ihr religiöses Eigentum finden. Das Grundbekenntnis ist unveränderlich dasselbe, die religiöse Heimat ist allen die gleiche." Qnod erat demonstrandum, die Wahrheit dieser These nachzuweisen ist die Aufgabe, die der Verfasser lösen will, das Ziel, das er sich gesteckt. Er zeigt die Einheit des Judentums in h Las Wesen des Judentums von.Dr. Leo Bäck. Rabbiner in Oppeln. Berlin 1905.