Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · p. Seite 339

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228666--61868-3275713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

339 der einwandernden Juden einbringen, nicht durch. So brachte u. a. in der Sitzung vom 10. d. M. Sir Charles Dilke (lib.) einen Antrag ein, der bestimmt, daß jeder Einwanderer, der aus religiösen Gründen nach England kommt, an der Landung nicht gehindert werden soll, weil er die Mittel für seinen Lebensunterhalt nicht besitze. Premierminister Balfour widersprach diesem Anträge, erklürte aber gleichzeitig, die Negierung werde später bereit sein, einen Zusatz einzuschalten, nach dem Fremde, die ihre Zulassung in England nachsuchen, lediglich um eine Verfolgung oder Bestrafung wegen religiöser Gründe oder wegen Vergehen politischer Natur oder um einer Verfolgung zu entgehen, die eine Gefahr der Einkerkerung oder des Lebens wegen des religiösen Glaubensbekenntnisses nach sich ziehe, von der Einwanderung nicht ausgeschlossen werden sollen. Eine bestimmte Ausnahme zugunsten der unglücklichen russischen Juden zu nmchen, lehnte Balfour entschieden ab, obwohl er ihre Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit anerkennen mußte. Mit nur dreißig Stinunen Majorität wurde das Amendement Dilke abgelehnt! Dagegen hat sich die Sonntagsbill (Sunday Closing-Bill) des Lord Averbury, welche den englischen Handelsstand in große Aufregung versetzt hatte, als totgeborenes Kind erwiesen. Das Gesetz stand am 30. v. M. im Oberhaus zur ersten Lesung und der Urheber des Gesetzes, Lord Averbury, stellte den Antrag, die zweite Lesung der Bill in einer Kommission vorzunehmen. Marquis of Landsdowne, der Führer der Konservativen, widersprach dem, da die Bill den Kleinhändlern, die aus dem Sonntagshandel einen erheblichen Teil ihrer schmalen Einkünfte ziehen, großen Schaden zufügen würde. Er wolle zwar nicht die Ablehnung der Bill beantragen, allein es erscheine ihm sehr zweifelhaft, ob die Annahme derselben dem Lande irgend welchen Nutzen bringen würde. Lord Spencer erklärte, die Bill überläßt es den Behörden zu entscheiden, ob an einem bestinnnten Platze der Sonntagshandel als absolut unentbehrlich geduldet werden könnte oder nicht. Es ist sehr unerwünscht, der Regierung die Verantwortlichkeit für die Ausführung des unpopulären Verbots des Handels am Sonntag auszubürden. Darauf beantragte der Earl of Wemhß die Ablehnung der Bill. Bei der darauf folgenden Abstimmung votierten 34 für und 14 gegen die Ablehnung, Die Sonntagsbill wurde demnach mit einer Majorität von 21 Stimmen abgelehnt. Unter den Gründen für die Ablehnung spielt die Tatsache keine geringe Nolle, daß den den Sonnabend feiernden Juden zwei Ruhetage in der Woche aufgezwungen werden würden. ' Eine Woche ist in Rußland ohne Pogrom, d. h. ohne größere Judenverfolgung vorübergegangen. Das ist aber wahrlich nicht das Verdienst der Regierung und der Behörden, die noch immer ihre alte Taktik nicht aufgeben. Während Graf Jgnatiew erklärte, der Belagerungszustand könne noch nicht aufgehoben werden, er übernehme keine Verantwortung für eventuelle Judenverfolgungen, die sich bei Aufhebung des Belagerungszustandes ereignen könnten, wird von anderer Seite telegraphisch berichtet: . „Die Polizei bereitet eine Iudenhetze vor. Der Gehilfe des Polizeimeisters, Kisljanowski, sagte zu den zurückgekehrten Kämpfern aus Port Arthur, die um Unterstützung baten: „Nehmt Euch von den Juden, bei ihnen findet Ihr viel Gutes ..." Auf der Straße Hetzen Schutzleute ungeniert das niedere Volk gegen vorbeigehende Juden auf. Die Regierungsmitteilungen über die letzten Unruhen weisen systematisch ans die Juden als deren Urheber hin. Die Polizei verbreitet diese Auffassung nachdrücklich unter den 20 000 jetzt brotlosen Hafenarbeitern, die hungrig und zu jedem Raub bereit sind. Das gleiche wird unter den Truppen verbreitet. Di.e jüdische Gemeinde von Odessa ist überzeugt, daß bei der bevorstehenden Hetze dem Militär die Hauptrolle zufällt. Graf Jgnatiew, der gegenwärtig zur Beruhigung der Bevölkerung nach Südrußland gesandt wurde, sagte einem Abgesandten der südrussischen Judengemeinden: „Die Regierung wird mit Euch Euern Regeln gemäß verfahren: Aug um Aug, Zahn um Zahn!" Die Selbstverteidigung ist wegen des verhängten Kriegszustandes vollkommen unterbunden. Die Odessaer Juden wenden sich im Hinblick an die drohende Gefahr und mit Rücksicht auf die Unterjochung der eigenen Presse an die öffentliche Meinung der ganzen Welt und bitten um Schutz vor einer"Katastrophe, der sie machtlos gegenüberstehen." Bis jetzt ist glücklicherweise in der schwer heimgesuchten Hafenstadt die Ruhe nicht wieder gestört worden. Srirk aus Veltrrrrich. Ende Juli. in Bilderverkauf, der in den letzten Wochen in Wien stattgefunden hat, macht jetzt viel von sich reden. Es handelt sich um das Gemälde von Rubens „Simsons Blendung", das. sich bis nun in einer gräflichen Galerie befand, und jetzt von seinem Besitzer, dem sehr praktischen Nachkommen kunstbegeisterter Ahnen, nach Frankfurt a. M. versch—ickt wurde, natürlich um teueres, bares Geld, man spricht von Vi Million Mark. Uns interessiert die Angelegenheit weniger; der geldbedürftige Kavalier aber, der den Wald und die Kunstschätze, die einst seine Vorfahren um viel Geld erworben, „vergitscht", wie man in Wien mehr bezeichnend als ästhetisch schön sagt, mag uns aber doch belehren, daß der Schachergeist nicht allein ein Spezimen des Juden ist, sondern, daß auch jene obersten Zehntausend, denen die ganze Welt gleichsam zu Füßen liegt, nicht von jenen Idealen beseelt sind, denen sie infolge ihrer Stellung wirklich leicht huldigen könnten. Wir achten nicht der tränenseligen Leitartikel und Feuilletons, die in rührender Uebereinstimmung von liberalen und nicht liberalen Blättern ob des großen Verlustes angestimmt werden, den das kunstsinnige Wien durch die Praktische Pseudophilosophie des Nachkommen von Bischöfen und Kanzlern erlitten, wir wagen nur die schüchterne' Frage: Was wäre gesagt worden, wenn zufällig ein Jude etwas ähnliches getan hätte? Welche Tiraden wären über den materialistischen Schachergeist dieser geos nekaria. angestimmt worden? Vielleicht Hütte man sich zu dem .ungeheuerlichen Witze verstiegen, die Nachkommen Simsons ließen über den geblendeten Helden wieder die philistäischen Kunsthändler kommen, die mit ihren Silberlingen die modernen Dalilas, diesmal aber sind sie männlichen Geschlechtes, zu gewinnen wissen. Selbst der Herr Bürgermeister Dr. Lueger war über diese Heldentat des Grafen, der ihm in der Gesinnung doch so nahesteht, entsetzt. Und doch verstehen sich die Luegerianischen Helden auch so gut auf den Schacher. Sind es aber nicht Rubens Gemälde, die sie verhandeln, so sind es doch Aemter und Würden. Da ist vor einigen Wochen der getreue Schildknappe und ehemalige Platzhalter Luegers, Herr Strobach, unseligen Badenischen Angedenkens, gestorben. Das war auch ein Typus derjenigen Helden unserer Zeit, die ohne Bildung und ohne viel Kopfzerbrechen, nur weil sie. mit dem Harnisch des Antisemitismus bekleidet sind, sich einträgliche Stellen zu erfechten wissen. Und nun begann die Teilung des Erbes weiland Strobachs (wohl zu unterscheiden von der „Teilung der Erde" Schillers). — Strobachs Stelle bekam der Judenstämmling Dr. Porzer, ein klerikaler Kirchenläuser, dessen Ahnen aus Mähren stammen, und, sowie die von Schönerers

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.