Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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für die Dauer eines Jahres einen Beitrag von 2500 Mark unter der Bedingung, drei Vertreter in die Leitung des-Archivs entsenden zu dürfen. Der Mietwert von Räumlichkeiten, welche die Gemeinde eventuell für das Archiv gewähren würde, sollte bei späteren Bewilligungen in Anrechnung gebracht werden. Die Verhandlungen in der Repräsentanten-Versammlung, welche alsdann über den Beschluß des Gemeindevorstandes zu befinden hätte, dürften wohl noch in der Erinnerung unserer Leser sein. In den vorberatenden Ausschüssen sowohl wie auch im Plenum herrschte Uebereinstimmung über den Wert und Nutzen eines solchen Archivs, dessen große Bedeutung und Wichtigkeit natürlich nicht sofort in- Erscheinung treten kann. Aus der Mitte des dritten Ausschusses heraus war noch das Amendement gestellt worden, die Leitung des Archivs dem D. I. G. B. zu unterstellen. In der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" war nämlich der Plan aufgetaucht, das Gesamtarchiv zu übernehmen, und um nun zu vermeiden, daß eine dritte Korporation und noch dazu eine private Vereinigung sich einmischt, war diese Bedingung gestellt worden, die eine beruhigende Zusicherung betreffs der Konstanz der Leitung des Archivs abgeben sollte. Das ist absolut falsch! (Die Gesellschaft hat nie daran gedacht, das Archiv zu übernehmen! Die Red:) Wenn nun durch die Art der Zusammensetzung des Archivkuratoriums, in welches neben den drei Mitgliedern des hiesigen Gemeindevorstandes Vertreter des D. I. G. B. und der Großloge entsandt werden, Kompetenzstreitigkeiten ausgeschlossen werden können, wenn auch vollends, wie in der öffentlichen Beratung betont wurde, in dem Amendement kein Mißtrauen gegen die Großloge oder eine Rivalität zwischen Großloge und Gemeindebund liegen sollte, so war es doch wohl berechtigt, daß die Herren Adolph Mayer und Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn gegen dieses Amendement nachdrücklichst Einspruch erhoben. Beide Verbände sind völlig gleichberechtigte Faktoren und es entspräche sehr wenig dem Prinzipe der Gerechtigkeit, einen der beiden Faktoren plötzlich von der Leitung auszuschalten. Das Plenum der Repräsentanten mochte sich diesem Gedankengange wohl auch nicht verschließen, denn fast einstimmig nahm es die von Herrn Dr. Cohn beantragte Resolution an, die Leitung des Archivs, wie bisher, der Großloge und dem Gemeindebund zu unterstellen, Der Gemeindebund wird, wie der Vertreter des Ausschusses desselben, Herr Syndikus Dr. Minden, erklärte, auch freudig bereit sein, in dieser Sache gemeinsam mit der Großloge weiter zu arbeiten. So ist die Gründung des für die Gesamtjudenheit Deutschlands hochbedentsamen Archivs finanziell gesichert. Vieler uud umfassender Arbeiten wird es noch bedürfen, ehe auch nur ein kleiner Teil dessen aus der Vergangenheit zusammeugetragen ist, worüber man bisher in der steten Hoffnung.einer besseren Zukunft glaubte, einen dichten Schleier breiten zu müssen. Das infolge der Emanzipation langsam wieder erweckte und erstarkte Bewußtsein der Verantwortung für die Rettung und Sammlung alles dessen, was noch von schriftlichen Dokumenten aus älterer Zeit auffindbar ist, wird, dessen sind wir sicher, alle Kräfte mobil machen, um alle wertvollen Schriftstücke an einer Zentralstelle zusammenzutragen, welche der geschichtlichen, rechtsgeschichtlichen, kulturellen und sozialen Forschung dauernd Raum und Interesse bieten werden und sich für die wahrheitsgemäße Erforschung unserer Vergangenheit als dringend nötig erweisen: Dieses Bewußtsein der Verantwortung wird auch unsere begüterten Glaubensgenossen veranlassen, dem verdienstvollen Unternehmen, dessen Vorarbeiten sehr kostspielige sind, reiche Mittel zuzuwenden und so die bisher beteiligten Faktoren, deren Pflichtenkreis ja selbstverständlich ein umfangreicherer ist, zu entlasten. ---- Berlin, 9. Juli. In der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner geißelte am 17. v. M. vor Eintritt in die Tagesordnung Kollege Hanff das illoyale Vorgehen des Vereins Emden-Oldenburg-Bremen, der in seiner Verteidigungsschrift ihm Worte in den Mund lege, die er nie gesprochen und Gedanken insinuiere, zu denen er sich nie bekannt habe. Er sei auf dem Kasseler Verbandstage mit aller Entschiedenheit und unter starkem Beifall für die Gleichberechtigung beider Richtungen innerhalb des Verbandes eingetreten, habe aber selbstverständlich mit keinem Worte verlangt, daß die vielleicht fünf Prozent Lehrer, die sich zur-freisinnigen Anschauung bekennen, im Verbände ausschlaggebend sein müßten. Ebenso müsse er es daher als dreiste Unterstellung bezeichnen, wenn der Verein E.-O.-B. eine Geringschätzung der „orthodoxen" Kollegen oder gar die Absicht, sie im Verbände zu unterdrücken, aus seinen Worten herauslese. Sodann wurde auf eine Anregung seitens des geschäftsführenden Ausschusses des Lehrerverbandes hin beschlossen, die nötigen Schritte zu tun, um für die diesjährigen Weihnachtsferien Fortbildungskurse für Religionslehrer zu schaffen. Ferner wurde im Anschlüsse an Dr. Kellermanns Vortrag: Zur Reform des Religionsunterrichts an höheren Schulen der schon früher vom Kollegen Hanff gestellte Antrag auf Einrichtung einer höheren Prüfung auf dem Gebiete der Religionswissenschaften mit der Maßgabe angenommen, daß an den Gemeindevorstand eine wohlbegründete Petition abgesandt werden solle, dahin lautend: Der Vorstand möge eine solche Prüfung ins Leben rufen und bei der Einrichtung derselben Vertrauensmänner aus dem Vereine hinzuziehen. 22 Berlin, 9. Juli. Die schon seit längerer Zeit für den Südwesten geplante Synagoge mit streng traditionellem Ritus wird nunmehr bestimmt im September dieses Jahres im Hause Wilhelmstraße 131/132 eingeweiht. Vormerkungen auf die noch freien Plätze nehmen die Herren Bücherrevisor Eugen Friedmann, Kochstraße 26, Max Pick jun., Leipzigerstraße 80, Direktor M. Wolff, Mohrenstraße 6 entgegen. Die Synagoge enthält im ganzen 300 bis 350 Plätze, nach der für 1906 vorgesehenen Vergrößerung, sobald ein vorgelegener Raum frei wird, etwa 500 Plätze. 5. Berlin, 7. Juli. Am 27. v. M. fand hier unter zahlreicher Beteiligung Berliner und auswärtiger Delegierter die alljährliche Generalversammlung des „Esra", Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien, statt. Der Vorsitzende, Herr M. Dorn, eröffnete die Versammlung mit einem warmen Nachruf für den im Berichtsjahre verstorbenen langjährigen Schriftführer des Vereins, Herrn Willy Bambus, dessen allzufrühes Hinscheiden ein großer, schier unersetzlicher Verlust für das Judentum im allgemeinen und für den Verein „Esra" im besonderen war. Zu Ehren des Verstorbenen erheben sich die Anwesenden von ihren Sitzen. Darauf gab der Vorsitzende eine kurze Uebersicht über die Tätigkeit des Vereins pro 1904. Der „Esra" schreitet, wenn auch langsam, doch stetig vorwärts, wie. aus nachstehenden Zahlen seines Budgets zu ersehen ist: 1884-1891 (8 Ihr.) 9077 Mark. 1892-1899 (8 Ihr.) 42 230 Mark, 1900-1904 (5 Ihr.) 42 604,95 Mark. Außerdem konnte der Verein im Verlaufe dieser letzten 5 Jahre noch 21 600 Mark für seine Zwecke zurücklegen, so daß in dem erwähnten Zeitraum zusammen 64 204,95 Mark für palästinensische Zwecke gegen 51 307 Mark in den ersten 16 Jahren seines Bestehens verwenden resp. zur Verfügung stellen konnte. Für die Kolonie Bne Jehuda, deren endgültige Installierung und Vergrößerung der Verein im Jahre 1902 übernommen hat, sind im ganzen 21 075,95 Mark ausgegeben worden, von denen zirka 9000 Francs bei der Anglo-Palästina-Bank in Jaffa deponiert sind und ihrer demnächstigen Verwendung harren. Leider mußte der weitere Ausbau der Kolonie, für den die. Mittel bereit stehen, in den letzten beiden Jahren wegen des Ausbruches der Viehseuche in Palästina suspendiert werden. Es ist jedoch zu hoffen, daß die Arbeiten in kürzester Zeit wieder ausgenommen und energisch fortgesetzt werden können. So schweben gegenwärtig Verhandlungen über den Ankauf eines östlich von Bne Jehuda gelegenen Terrains, das zur Vergrößerung resp. Arrondierung der Kolonie verwendet werden soll. Nebst der Kolonie Bne Jehuda interessiert sich der Verein „Esra" seit wenigen Monaten auch für die 3/4 Stunde von Petach Tikwa entfernte neubesiedelte Kolonie Jehudije. Darauf erstattet der Schatzmeister des Vereins, Herr Konsul Julius Friedemann, Bericht über die Einnahmen und Ausgaben bis zu der kurz vor der Generalversammlung stattgehabten Revision. Durch die Agitation in Sachsen im Jahre 1903 sind in Chemnitz, Dresden und Annaberg neue Zweigvereine entstanden. Ueber die Einnahmen und Ausgaben des Vereins pro 1904 haben die Mitglieder seinerzeit einen kurzen Bericht erhalten, welcher der allen zugestellten Schrift des Herrn Professor Marburg „Der wirtschaftliche Wert und die Kolonisation Palästinas" beigelegt wurde. In dem laufenden Geschäftsjahr 1905 sind ' bis zu dem Tage der Generalversammlung an Beiträgen und Zinsen 10 540 Mark eingegangen. Das Vereinsvermögen einschließlich der angekauften Effekten beträgt momentan, abgesehen