Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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IRRPü 335 daß vier Meilen vor ihrem Anfang schon das Feuer den Wanderer versengt. Und als sie noch eine Weile gegangen waren, erblickte er in der Ferne ein rotes Meer, das züngelnd zum Himmel loderte, und eingeschlossen in seinem Flutenbrand wie in einem blutigen Kristall einen Zug von Königen in den Trachten ferner und nie gesehener Völker, und ihre Reihe wurde geleitet von uralten Juden, die in ihre Gebetmäntel gehüllt waren und Stirn und Arm mit den heiligen Riemen umschlungen hatten. Der Weise wandte sich voller Entsetzen und forderte den König und sein Geschlecht zur Umkehr auf. Der König aber erwehrte sich des Rates, denn in Verblendung gedachte er gleich jenen Gekrönten ungefährdet durch die Glut zu gelangen. Er war aber mit den Seinen nur ein weniges vorwärts gedrungen, da tat sich gierig der Flammenschoß auf und begrub sie alle in sich. Der Weise jedoch hatte an seinem Orte verharrt und sah sie untergehen. Dann kehrte er-um und ging den Weg zurück und der Engel hatte sein Schwert in die Erde gebohrt und ließ ihn starr und schweigend vorüberziehen. Als der Weise in das Reich zurückkam, erzählte er allem Volk, das sich um ihn'sammelte, welcher Untergang dem König und seinem Geschlecht beschrieben war. Da wuchs ein großes Staunen in der Menge, denn alle kannten die alte Prophezeihung, nach der. dem Königshause durch einen Stier und einen Widder die Vernichtung verheißen war, und keiner vermochte den Ausgang zu deuten. Da erhob sich der alte Jude, der in Heimlichkeit seinen Glauben hatte Pflegen müssen, und er sprach: „Durch mich ist er vernichtet worden. Die Sternseher sahen und wußten nicht, was sie sehen. Ihr aber, wisset: aus dem Fell des Tieres werden die Gebetsriemen und aus der Wolle des Widders werden die Schanfäden gesponnen, die an dem Gebetsmantel hängen. Darum haben Stier und Widder unter den Sternen, von meinem Fluche angerufen, seines Verderbens gewiß, ihn verhöhnt. Jene Könige aber, die von den alten Juden unversehrt durch das Feuer geleitet wurden, waren solche, in deren Ländern Juden ohne Harm und Hader leben konnten und Gebetsmantel und Gebetsriemen in -Freiheit tragen durften." Lsllys Heimkehr. Von Hermann Heijermans jr. II. . ^^^ie Tage waren dahin geschlichen — jede Stunde des Tages hatten sie darüber geredet — über den gottsjämmerlichen Schicksalsschlag — über den Kummer, daß Bram, seligen Angedenkens, das nicht mit erlebt hatte — bis die Postkarte sie aufs Neue ausschreckte, die Postkarte, worauf Sallh schrieb, daß er am Mittwoch mit dem und dem Schiff ankommen würde. Um vier Uhr, in stockdunkler Nacht, waren Mutter und Selten aufgestanden — um halb sechs war Onkel Manu vor der Tür gewesen — um sechs Uhr, mit nur einer Tasse Kaffee im Magen, die ihr vor Aufregung nicht gemundet hatte, waren sie nach dem Kai gehastet, wo das Schiff ankommen sollte. Um welche Zeit es ankam, wußten sie nicht. Erst wenn ein Telegramm oder telephonische Nachricht von der Küstenwache kam, wußten sie's auf dem Schiffskontor — über den Fluß herüber hatte das Schiff immer noch zwei gute Stunden nötig. Gott sei gedankt, um acht Uhr erst — während der ganzen Zeit waren sie am Kai herumgelaufen und gerannt und gegafft und gefragt — um aä)t Uhr telephonierten sie von der Küste, daß das Schiff in Sicht wäre. Da war Onkel Manu auf den Einfall gekommen, ein Stückchen am Kai hinaus zu gehen bis an die Ecke, wo man fast den ganzen Fluß überschauen konnte. Die heiße Augustsonne lagerte auf dem Wasser. Onkel Manns Augen wurden von dem glitzernden Wellengewoge geblendet. Was er in der Ferne gesehen hatte, war in der Ferne verschwunden. Es war noch viel zu früh. Mutter, die sich nun ausgeruht hatte, und das stählerne Blinken des Wassers da unten nicht ertragen konnte, starrte geduldig auf die Steine. Ihr falscher Scheitel saß etwas verschoben auf dem schon ganz grauen Haar und den Kleiderrock hatte sie vorsichtig wegen der Fasern des Juteballens, auf dem sie gemütlich saß, umgeschlagen. So fragte sie immerzu: „Siehste noch keinen Rauch, Manu?". „Rauch! Rauch!" sagte Manu, indem er sich aus seinem weich-mürben Tütchen Tabak langte und einen Priem daraus formte: „Ich seh' nach keinem Rauch! Ich seh' nach zwei Schornstein' mit Rändern — wie's der Mann mir gesagt hat!" ... „Du wirst schon seh'n," beunruhigte sich Selien, immer noch die Hand über die Augen gelegt: „Du wirst schon seh'n, was ich Dir sag', er fährt uns vorbei, eh' wir 'ne Ahnung davon haben." ... „Gott bewähr' uns davor!" — erschrak Mutter. „Verrückt!" sagte Onkel Manu ärgerlich, wobei er sich fast an dem üppig quellenden Priemsaft verschluckte: „Wie kann man so 'was denken! Verrückt allemal! Ein schön' Schiff, das hier an mir vorbeifährt, ohne daß ich's seh'. Es ist noch keins mit zwei Schornstein' mit Rändern vorbeigekommen!" „Und das von vorhin? Du möcht'st hier nur gern sitzen bleiben! Am Kai kann man sich doch nicht irren! 'ne schöne Geschichte, wenn das hier möglich ist!" „Es ist aber nicht möglich — es ist ganz unmöglich," philosophierte Manu schnell: „Der Strom hat sein'Ausfluß ins Meer — wie 'n Haus die Tür — und durch die Tür muß es hereinkommen." „Und wenn er nun zwei Ausflüß' hat," hielt Selien .sich daran; „Ja, ja, Du weißt mit einmal alles!" „Hat der Mann von dem Schiff ja oder nein drauf gesagt, daß wir hier gute zwei Stunden warten müssen und daß es hier längs kommen müßt'?" „Weißt Du denn, wie viel Bögen das Wasser macht? Vielleicht ist er gar in 'n ander' Schiff übergestiegen. Du kannst's doch nie gewiß sagen. ..." „Nun halt' 'mal Dein' Mund!" sagte Onkel Manu energischer: „ich seh' da so 'was — ich seh' zweimal Rauch aus einem Schiff aufsteigen. Ganz schwach in der Ferne zeigte sich ein dunkler Punkt, einige verwehende Rußwölkchen. „Das fährt nach der anderen Seite hin," eiferte Selien, wobei sie aufstand, um besser sehen zu können. „Es gibt doch nur eine Seite," kopfschüttelte Onkel. „Kann es denn nicht von hier gekommen sein?" . „Nein, von hier ist keins mit zwei Schornstein' gekommen," sprach Onkel Manu wieder. Sie schwiegen und beobachteten eifrig den in der fernen Luft auftauchenden schwarzen Punkt. „Ist es das?" fragte Mutter eben mal ihre Augen an das silberne Wellenspiel heranwagend. (Schluß folgt.)