Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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334 ihrer Zorn- und Rachegedanken, da er nun wußte, daß keine Verschwörung seinem Geschlecht etwas anhaben konnte. Er liebte es aber, in alten Zauberbüchern nachzulesen, um dort verborgene Weisheit zu finden, durch die er seine Macht befestigen und erweitern könnte. Da fand er eines Tages eine Stelle, in der geschrieben stand: „Sieben Wandelsterne bestrahlen die sieben Teile der Erde und jeder Teil birgt sein besonderes Erz, das die Strahlen seines Sternes an sich zieht; wer da Boten hinsendet und aus den sieben Teilen der Erde die sieben Erze sich bringen läßt und einen erzenen Riesen aus ihnen bauen läßt und ihn aus einem hohen Berge ausstellt, so daß die sieben Wandelsterne ihr Licht auf ihn gießen, der kann durch dieses Bild die Weisheit der Gestirne, die über der Erde wandeln, an sich locken, nie erhörte Macht gewinnen und die Welt beherrschen; denn auf jede Frage, die er an den Riesen richtet, wird ihm die Antwort der Sterne durch das Leuchten der Erze in geheimen Zeichen kund." Der König ließ das Standbild auf einem hohen Berge errichten und als das geschehen war, bestieg er heimlich in tiefer Nacht den Berg und richtete an den Riesen die Frage, wie er die größte Macht auf Erden gewinnen könnte. Da begannen die Erze geheimnisvoll zir schimmern, wunderbare Zeichen erschienen und er vermochte sie auf rätselhafte Weise zu entziffern. Der Sinn aber war dieser: er möge hingehen, die Hohen erniedrigen und die Niedrigen erheben, dann werde er alle Menschen beherrschen. Der König stieg zu Tal und suchte noch in den Morgenstunden den weisesten Mann seines Landes auf, verriet ihm den Spruch der Sterne bat ihn um Deutung, wie er ihn zur Tat werden lasse. Der Weise antwortete ihm: „Jenen Deiner Untertanen, die ohne Verdienst Würden und Aemter, ohne Rechtlichkeit, Besitz, ohne Edelsinn adelige Namen ihr Eigen nennen, nimm, was ihnen nicht zukommt und in ihren Händen zu Unheil gereicht, und gib es denen, die ohne Schuld Unbill erleiden und ungeachtet ihres Wertes im Dunkel leben. So gedenke auch der Juden, die durch Deine Ahnen der Heimat beraubt wurden oder ihren Glauben verleugnen mußten; öffne ihnen Dein Land und gewähre ihnen, frei ihre Lehre zu bekennen." Dem König gefiel der Rat wohl, die Reichen und Hohen, die Mächtigen seines Reiches, ihres Besitzes und ihrer Würde zu entkleiden, auch dünkte dies ihm wohl ein Weg zur Macht; befremdlich aber und gar töricht schien ihm die Weisung, den Unterdrückten Gut und Gewalt zu verleihen; wie leicht konnte ihm an diesen heftige Widersacher erstehen, die alsdann, wenn sie stark geworden, vielleicht die Umstände günstig fanden, für das alte Unrecht an ihm Rache zu üben. So kehrte er zu seinem Palaste zurück, entschlossen, den Spruch nach seinem Sinne zu wenden. Er ließ sich die Bücher des Reiches aufschlagen und ersah, was an Lehen und Ehrenbezeugungen, an Rechten und Titeln seine Ahnen den vornehmen Geschlechtern gespendet hatten; all das hieß er in der Krone Namen zurückziehen und wo Widerstand sich regte, gebot er mit Gewalt, ihn zu brechen. Da wurde mancher Stolze arm und der Ehren verlustig. Unter den Namen aber, diein den Büchern ausgezeichnet standen, las er solche, die Vorzüge und Auszeichnungen genossen, fand sich auch der jenes Juden^ der dem Großvater des Königs das Leben gerettet hatte. Der König vermochte sich nicht völlig klar zu werden, worin das Privileg dieses Mannes bestand, und so ließ er ihn kommen und fragte ihn darnach. Da sprach der Alte: „Mein Lohn ist, daß ich mich als Jude bekennen darf vor aller Welt." „So hast Du des Lohnes bis heute reichlich genossen," rief der König, „ich entziehe ihn Dir und Du magst leben wie zuvor." Da wandte sich der Jude zum Gehen. Vor dem Palast aber hob er die Hand und sprach vor sich hin: „So wahr Gott sich erbarmen möge, daß ich von nun ab Mantel und Riemen wieder im Dunkel und hinter verschlossenen Türen tragen muß, sollst Du mir, harter König, mit Deinem Geschlecht verflucht sein." Nach einiger Zeit sügte es sich, , daß eines Nachts ein schwerer Traum den König überkam. Er stand, so schien es ihm, auf einer weiten Ebene. Die Nacht barg alles Irdische in einer schwarzen sammetnen Lust. In unendlicher Höhe aber wölbte sich wie eine Glocke ein völlig lauterer Himmel und darauf standen silberfunkelnd und Gestalten gleich alle zwölf Bilder des Tierkreises. Zwei von ihnen, Stier und Widder, dünkten ihm heller als die anderen und blau blitzend schienen ihre Strahlen ihn zu treffen. Er sammelte seine Blicke auf sie und siehe, da begannen sie lautlos zu lachen, daß ihm das Blut gefror. Und dieses stumme Lachen wurde zu einem grauenvollen Grinsen. Von Wahnwitz ergriffen, stürzte der König in sich zusammen. Da erwachte er. Die Furcht aber hielt mit eisernen Pranken sein Herz umklammert und als erden Traum der Königin und seinen Kindern erzählt, erfaßte sie alle das Grauen und keiner war unter ihnen, der nicht der alten Warnung gedacht hätte, die in den Chroniken verzeichnet stand: daß das Geschlecht gegen alle Mächte des Verderbens gefeit fei und einzig von zwei Tieren, Stier und Widder, ihm Untergang drohe. Läufer wurden entsandt und brachten alle Traumdeuter des Reiches herbei. Aber keiner war unter ihnen, der den Sinn des Gesichtes erfaßte, und keines Rede ging in des Königs Ohr ein. Mit zorniger Geberde wies er sie von hinnen und sandte nach dem alten Weisen, der ihm einst den Spruch des erzenen Riesen gedeutet hatte. Der König erzählte ihm den Traum und sprach: „Rette mich, denn die Pein der Furcht hat meine Seele ergriffen und droht sie zu ersticken." Da sprach der Weise: „Ich will dich hinführen, wo alle Angst der Erde zunichte wird. Ich kenne aus alten Büchern den Ort, den einzig auf der Welt alle dreihundertfünfundsechzig Wandelfahrten der Sonne bestrahlen. Dort wächst aus dem Kern der Erde, von ewigem Lichte gezogen, ein eherner Stamm hervor, der alle Not der Oberfläche und des Dunkels bannt. Dorthin folge mir mit den Deinen." Der König willigte mit Freuden und alsbald waren er und sein ganzes Haus zur Wanderschaft gerüstet. Der Weise leitete sie des Weges und weithin waren sie schon gezogen, da gelangten sie*zu einem Ort, von dem viele Pfade ausgingen, und an der Wende stand die gewaltige Erscheinung eines Engels, der Wächter war über alle Engel des Zornes. Denn jeder irdische Zorn schafft nach dem Urwillen einen Verderber, einen Engel des Zornes, und dieser, der hier an der Wegscheide stand, war ihr Beherrscher. Er trug eine stählerne Rüstung und blaue Blitze entquollen seinen Augen und eine mächtige Flamme war das Schwert in seiner Hand. Bebend unterwarfen sich die Wanderer seiner Weisung, wohin sie zu ziehen hätten, und mit einem Feuerzauber Hub er sein Schwert über einen der Pfade hin, und diesen wandelten sie. Dem Weisen aber war es kund aus dem Büch seiner Ahnen, daß jedem dieser Wege Bedeutung verliehen war: der eine war gerade und wohltätig und führte zu dem Orte des ewigen Lichtes, der andere war schlüpfrig, von kriechendem Gewürm durchquert, und leitete zu einem urgründigen Schlamm, ein dritter mit schreckenvollen Gruben und Höhlen mündete in einem Abgrund, der letzte aber voll sengenden Qualen war der Weg des Feuers. Und dieses war der Weg, den sie auf das Geheiß des Engels gingen. Ahnende Bangnis überkam den Weisen und er war nur eine kurze Strecke gegangen, da hielt er inne, denn schon wähnte er, daß glühende Lüfte seine Kehle ausdörrten, und er erinnerte sich, daß es einen Weg gibt, der in die raumlose Glut führt, und