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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-14 · Heft 28 (14.7.1905) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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wenn er in Paris lebte und auch nur im Palais-Royal oder in den Varietes spielte^ In Deutschland wird man nur etwa zwischerr Elbe und Oder wissen, daß. in ihm der Charakter des Friedrich Wilhelmstädtischen Theaters in Berlin verkörpert ist." Diesen Charakter schildert Frenzel in der folgenden Weisß: „Wie einst zur Kaiserzeit die Römer, das Volk der Welt, sich von nichts anderen als zügellosen Pantomimenspielen und Tänzen angezogen und gefesselt fühlten, können auch die Berliner jetzt nichts Besseres als Possen, Blüetten, Soloscherze, Aristophaniaden aller Art. Anton Ascher ist der Schauspieler dieser Blüettenwelt par exeeJIenee, ein Künstler deir arte tt>ie die Akteurs auf den italienischen Bühnen des vorigen Jahr? Hunderts, ein Improvisator, nicht von langweiligen, achtzeiligen Stangen, künstlich verschlungenen Terzinen und Sonetten über Karthagos Untergang und die Qualen unglückseliger Liebe, sondern dem Improvisator des Scherzes, des Witzes und realer Anschauungen. Eine lange, hagere Gestalt, nachlässigen Ganges, in ewig treibender Unruhe und Beweglichkeit, Bonhomie in jedem Zuge, nur zuweilen ein sarkastisches Lächeln auf'schmalen Lippen — so scheint ihn die Muse gleichsam zu all den gutmütigen, liebenswürdigen, gewinnenden Gesellschaftsmenschen bestimmt zu haben, die leichtlebend, selten wissen, was sie wollen und sich nie mit Gedanken abgegeben. Es ist die Poesie der Zigarre, der knallenden Reitgerte, der witzigen Einfälle, die aus dem Sofa sich streckt, die Füße aus die Polsterstühle legt, bei schönen Frauen eine oder die andere Phrase, eine Erinnerung an „Helona Aevelaus" geschickt vorzubringen weiß und immer mit einem Lächeln belohnt wird —. es ist die Poesie des Kaufmanns am Samstagabend' und am Sonntagnachmittag, die hier in ihrer anziehendsten Gestalt die Bretter betritt. Wollt ihr solchen »liebenswürdigen Mang?, kommen, lieben und siegen sehen, seht »Geschichte eines Silbers Groschens'; Ascher wird auch mit.unwiderlegbarer Wahrheit beweisen, daß Männer, wie er des Morgens im Omnibus ein junges Mädchen auf Augenblicke lorgnettieren und am Abend ihr verlobt sein können; können — nein, müssen! Aus ihrem leichtsinnigen Lebenshumor stürzt sie nichts, keine Verlegenheit denn sie rufen: ».Durch' und eilen verwegen in jede Gefahr; keine Liebesleiden, denn sie trösten sich wie »Romeo' mit Versen »auf ihrem Bureau', selbst nicht Schulden — sie trinken in Götterruhe als Barone von Habenichts oder Pleite-Geiersburg im Schuldgefängnis' auf Kosten ihrer Schwiegerväter Bordeaux und Champagner. Diese Gestalten besitzen keine Tiefe, keinen Glanz, sie sind eben nur Seifenblasen, immer aus demselben Topfe; auf den Spaziergängen der großen Städte flanieren ihre Urbilder zu Hunderten, sie wissen alles und kennen jeden, ihr Gesicht ist in Warheit so alltäglich, daß jeder sie auch schon einmal gesehen zu haben glaubt. Dieser wesenlosen ^Verschwommenheit weiß Ascher eine bestimmte Form zü geben> diesem modernen Erdenkloß von schlechten Witzen, alten Anekdoten und Galanterien aus irgend einem Buche »In 14 Tagen. Bräutigam zu werden', von Halsbinden ä la Manteusfel und Paletots ä Ja Mentschikow einen Hauch einzuflößen, daß er/, selbst in guter Gesellschaft für einen interessanten Gast unä nicht für eine Vogelscheuche gilt. Viele Wissenschaften hat Ascher, obgleich ein belesener und gebildeter Mann, nicht studiert, weder Aesthetik noch Aethropologie, aber eine besitzt er im vollen Maße: Die Kunst zu gefallen. Der Humor seines. Wesens, seine hastige, stürzende Sprache, die Niemandem das. Wort gönnt, die rasche Lebendigkeit seines Spiels gewinnt uns. Das ist nichts als schillernde Aeußerlichkeit, sagen die ernsten und verständigen Leute; als; ob diese .Tage so innerlich idealistisch wären! Ja, es ist Schäum, dieses Lachen nur weniger, als .um die Eichel, die den Wetterverbesserer auf die Vase fiel,: dieser, Jubel.um. eine närrische. Handbewegungr des Schauspielers — aber man wischt', gerne den-Schäum? vom Ehampagnerglase.?; Feodor Weht, kennzeichnet .Ascher - und sein Talent in folgender Weise: „Er besaß vom Hause-, aus wenig/Zeug zum Schauspieler: er war weder hübsch noch vorteilhaft, gewachsen' Figur und Gesicht trugen den jüdischen Typus;. dabei hatte er eine bleiern klingende Stimme mit näselndem Tone.? Er wurde auch lange genug,, wie er mir selber erzählt hat, in Liebhaberrollen, ausgelacht. Endlich aber siegten sein Fleiß, mit dem er sich bühnengewandt zu machen wußte, sein Witz und seine Suada, Er sprach sozusagen: das Blyue vom Himmel herunter. Nichts konnte ihn in Verlegenheit setzen oder aus dem Texte, d, h, seinem Texte bringen. Er lernte-seine Rollen' bis aufs Und, liebte es aber, bei jedem sich bietenden Anlasse , aus dem Stegreif zu spielen, Jedes versäumte. Stichwort, jede eintretende Pause wurde dazu, benutzt. Diese und. manche andere glückliche Eigenschaft kamen.aber natürlich erst zum Vorschein, als er von den ernsten. Liebhabern zu den Lustspiel- und Possenfiguren.übertrat, die, einen geschlossenen Vortrag nicht? ganz unbedingt zum Gesetze machten. Sein Talent war ein Schwadroniertalent, in dem sich sein Witz nusgab. Aber nicht nur in Worten ausgabsondern auch in. Mienen, Blick und Bewegung. Er mimte und gestikulierte witzig. Dies machte ihn anziehend und wirksam." Es wird berichtet, daß sich Ascher, oftmals, mit-ganz kleinen Rollen begnügte, die aber dann am Abend durch seine . Improvisationen zu .den größten Rollen wurden, .aus dreißig Worten machte..er dreitausend. So erzählt Wehl, - daß Ascher einmal durch eine, kleine Stadt kam, wo er den Direktor einer wandernden. Gesellschaft in hellster Verzweiflungfand, .weil ihm ein wichtiges Mitglied kurz vor der Vorstellungentwichen war,? Ascher holte aus dem Hotel - das Textbuch' zur Posse „Romeo aus dem Bureaus die Eingangsworte mußten die Schauspieler nach dem Soufleur sagen, .dann trat Ascher als angehender Schauspieler Valentin Willert auf und nahm den Mitspielern sozusagen, die Reden vom Munde weg. Sowie einer der Darsteller nur den Mund auftat, .fiel er ihm mit den stehenden Redensarten: „Ich weiß schon; was Sie sagen, wollen",, oder „Das kannich besser", ins Wort,, indem er dann unter irgend einem beliebigen, und wahrscheinlichen Vorwände das übernahm, was jener vorzutragen hatte. So. verstand er mit unverwüstlicher Geistesgegenwart und einer kaum glaublichen . Sprachgewandtheit, was auch, immer auf der Bühne geschehen mochte,' für .die Zwecke seiner komischen Wirkung zu benutzen. „Er wäre der rechte Schauspieler der Wegreifkomödie gewesen", meint Feodor Wehl. „Er bedurfte nur des Stoffs, den Dialog würde er geliefert haben und zwar stets mit guten Einfällen und Gedanken versehen, denn man hat ihn nicht mit Unrecht den schauspielerischen Kladderadatsch genannt:" . . Von seinen lustigen Scherzen seien hier die folgenden mitgeteilt. Als er in Berlin tätig, war, befand er sich oftmals in größter Geldverlegenheit; er ließ sich oft wochenlang nicht in seiner Wohnung sehen, um seinen Gläubigern. zu entgehen. Da ward ihm 'von seinem Direktor, eine 'Benefizvorstellung be-' willigt. Ascher wählte dazu die nachbenannten Stücke; deren' Titel deutlich genüg sprächen : „Reich an - Liebe, oder Wer leiht mir fünf Gulden?", „Unbezählte Wechsel" und „Nach Sonnenuntergang, oderWie bezahlt, man. seine Schulden.?"' Natürlich verständen die Berliner diesen/ Wink undsorgten? für reiche Einnahmen. - ' -; Als Ascher einmal in einer Posse durchs seine Jmprovi-- sationen seine Mitspieler in arge Verlegenheit gebracht Hatte,- so daß diese ganz stumm dastanden und nicht mehr aus. Und,

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