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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-14 · Heft 28 (14.7.1905) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 331 (sequence 7)
Language
German
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WWWWW 331 Am 19. Oktober 1739 fand das Autodafe stattbei dem Antonio Jos6 da Silva öffentlich verbrannt wurde! Zu derselben Zeit, wo für den größten Teil der europäischen Welt bereits die Morgenröte der geistigen Freiheit angebrochen, schlugen im frommen Portugal die Flammen der Scheiterhaufen noch lichterloh gen Himmel, verbrannte man dort noch ohne jeden Beweis feines Abfalls den größten zeitgenössischen Dichter in Gegenwart derer, die am meisten über feine Komödien gelacht und am liebsten an seinen Scherzspielen sich erfreut hatten. Er aber redete seine Jnquisitionsrichter mit folgenden flammenden Worten an : „Ja, ich bekenne mich zu einem Glauben, von dem Ihr selbst lehrt, daß er von Gott gegeben fei. Er hat die Religion einst geliebt, ich glaube, er liebt sie noch, während Ihr glaubt, daß er sie nicht mehr liebe, und weil Ihr dieses glaubt, verdammt Ihr die zum Feuertode, die überzeugt sind, daß Gott noch immer liebe, was er einst geliebt. Ihr werft den Mohammedanern vor, ihre Religion mit dem Schwerte verbreitet zu haben. Ihr habt Recht! Aber verbreitet Ihr die Eurige nicht durch Scheiterhaufen? Ihr sucht die Göttlichkeit Eurer Religion durch die Hinweisung auf die Verfolgungen und den Fall der Heiden und auf das vergossene Märtyrerblut als die Ursache ihres Wachstums zu begründen. Tretet Ihr aber nicht jetzt wieder an die Stelle Diocletians und räumt uns Eure Stelle ein? Ach, Ihr wollt, wir sollen Christen werden, und Ihr verschmäht es selbst, Christen zu fein? So seid doch wenigstens Menschen und behandelt uns, als hättet Ihr gar keine Religion, Euch zu leiten, und gar keine Offenbarung, Euch zu erleuchten. Ueber Geister und Herzen zu siegen, ist das charakteristische Zeichen der Wahrheit, aber ihren Einfluß durch Strafe, Schaffot und Qualen zu erzwingen, heißt nur die Ohnmacht der Wahrheit gestehen. Wird jemand in künftigen Zeiten zu behaupten wagen, daß in der Zeit, in der wir leben, die europäischen Völker bereits gebildet waren, so wird man Euch zum Beweise anführen, daß sie noch Barbaren gewesen sind!" Der Biograph, der diese Rede mitteilt, gibt auch ein minutiöses Detail der Zeremonie, welche die Hinrichtung begleitete, der er als Augenzeuge beigewohnt zu haben scheint. Er berichtet, daß die schönen Frauen von Lissabon in ihrem besten Festschmuck und mit Juwelen bedeckt zu dem Feste erschienen seien, er berichtet ferner, daß die meisten Delinquenten ihre Jrrtümer bekannt und die Gnade des Königs angefleht, die^auch. vielen nicht versagt wurde; er berichtet sodann, daß der König Joäo Antonio selbst mit äußerster Milde und Güte angeredet und ihn ernstlich gebeten habe,' sich zu bekehren, daß er ihn seines Schutzes versichert, daß er für seinen Lebensunterhalt durch eine reiche Pension zu sorgen versprach, wenn er nur von seinen Jrrtümern sich überzeuge und in die Arme der Kirche zurückkehren möchte, die ihn als eine liebende vergebende sund gütige Mutter empfangen würde. Alles vergebens!. Und dann begann das fürchterliche Schauspiel. Aber aus den Flammen heraus hörten, sie noch die letzten Worte Antonios, die mit lauthin vernehmbarer Stimme über den weiten Platz schallten: „Schemah Jisroel! Höre, Israel, der Ewige unser Gott ist ein einzig einiger Gott!" So starb der größte portugiesische Dichter seiner Zeit. Aber es war dies noch nicht das letzte Autodafe in Lissabon. Dieses fand erst am 20. September 1761 statt, und bei diesem schönen Feste edler Menschlichkeit ließ der Marquis Pombal den Jesuitenpater Gabriel Malagrida als Ketzer verbrennen, weil er den Königsmord öffentlich verteidigt hatte. Wahrlich, der Weltgeist ist der größte dramatische Dichter, der je gelebt hat! An der Stelle des alten Jnquisitionsgebäudes, welches das Erdbeben 1790 verschlang, steht heute das schöne Theater Donna Maria. Der Zweihundertste Geburtstag des großen und von seinen Landsleuten mit Recht gefeierten Dichters wurde in Lissabon mit reichen Ehren begangen und es wurde beschlossen, ihm in der Hauptstadt des Landes ein Denkmal zu setzen. Vielleicht gar an derselben Stelle, wo früher der Scheiterhaufen gestanden, auf dem man ihn verbrannte! Im Herzen seines Volkes hatte er längst sein Denkmal. In zwei Ländern wird er gefeiert. Die erste, von einem modernen brasilianischen Dichter verfaßte Nationaltragödie verherrlicht den ersten brasilischen Nationaldichter; Magalhaens, der große Poet, hat unseren Antonio Jose da Silva zum Helden'einer Tragödie erwählt, die unter dem Titel „0 poeta e a Inquisiqao“ bis in unsere Tage in Rio de Janeiro wie in Lissabon gegeben und aller Hörer Herz tief ergriffen hat. In Liedern und Balladen aber lebt das Andenken des edlen und unglücklichen Dichters fort im Gedächtnis zweier Völker. Aber auch noch ein drittes, ja dies vor allem hat ein Recht, den Dichter zu feiern; denn das Judentum darf sicher mit berechtigtem Stolz aus diesen Sänger und Helden blicken. Anton Alchrr. Ein Erinnerungsblatt von. Egon Noska. enn in Bühnenkünstlerkreisen einmal' aus Bühnenhumor die Rede kommt und Witzsunken und Anekdoten emporflattern, dann ist auch sicherlich immer von Antön Ascher die Rede, dem trefflichen Künstler. Es ist nun zwar gerade keine besondere Gelegenheit, heute an den trefflichen, humorvollen Künstler zu erinnern; er ist nicht vor einem, halben Jahrhundert gestorben, nicht vor einem Jahrhundert geboren. Aber wer vermag zu wissen, ob ich einen dieser Gedenktage noch erlebe, und daher möchte ich wohl, alles das, was ich aus Erinnerungen anderer, aus alten flüchtigen Zeitungsnotizen re. zusammengetragen, über Anton Ascher hier niederlegen, denn die Kunst der Bühne ist bekanntlich eine sehr flüchtige und ihre Jünger werden nur zu schnell vergessen. Anton Ascher erblickte am 15. Juli 1820 in Dresden das Licht der Welt. Ludwig Tieck, der berühmte. Dichter, der damals Dramaturg der Hofbühne war und seine berühmten dramatischen Vorlesungen in seiner Wohnung am Altmarkt abhielt, zog den Jüngling in seinen Bann, interessierte sich für ihn und wirkte auch künstlerisch aus ihn, ebenso wie der Dresdner Hofschauspieler Ferdinand Heckscher, ein Glaubensgenosse Aschers. An kleinen Bühnen in Sachsen fand er seine ersten Anstellungen. Dann kam er im Jahre 1839 nach Wiesbaden und von dort an die Dresdner Hofbühne, im folgenden Jahre, wo er bis zum Jahre 1844 blieb. Eine größere Berühmtheit erlangte er indessen erst, als er am Friedrich Wilhelmstädtischen Theater in Berlin wirkte, wo er vom Jahre 1848 bis zum Jahre 1860 tätig war.. Hier, wo die leichte, heitere Muse gepflegt wurde, könnte er seine Spezialität, die leichte Charakterkomik, ausbilden. Hier wurde er der glänzende Jmprovisationskomiker seiner Zeit, der von hier aus durch Gastspielreisen auch sehr bekannt wurde, aber kaum nach Gebühr geschätzt ward, wie es meist den Meistern des leichten Genres geschieht. Karl Frenzel schrieb damals in einem längeren Aussatz über Ascher in Gutzkows „Unterhaltungen am häuslichen Herde": „Ein Schauspieler, den ganz Frankreich kennen würde,

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