Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228665--61854-3275698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
330 Aber — nur der Anfang ist zu machen. Vielleicht kann an sonstigem Luxus — z. B. kostbarem Marmor auf den Begräbnisstätten — gespart werden. Bessere Kräfte werden auch geeignete Wege finden, um ein so hoffnungsvolles Bestreben zum guten Ende zu führen. Jedenfalls konnte es sich der Einsender nicht versagen, vorläufig ein in so hohem Grade zu erstrebendes Ziel seinen jetzigen Landsleuten vorzuhalten. Dntonill Iale Ua Silos. Ein Sänger und ein Held. -II. ie Stücke Antonios waren zunächst für die Aufführung bestimmt, und zwar für eine mit großem Aufwand an Szenerie und Maschinerie und mit Begleitung von rauschender Musik. Sie waren also das, was man heute Volksstücke nennt, ja noch mehr, Antonio Jose da Silva war nicht nur ein Vorläufer von Anzengruber, sondern auch, und das ist mit Bezug auf seine Abstammung sehr interessant, ein solcher von Jacques Offenbach. Selbst der strenge Ferdinand Wolf vergleicht seine Stücke mit den Operetten des modernen Komponisten, indem er sagt: „Die jetzt so beliebten Offenbach-Opern dürften noch am nächsten mit denen Antonio Jose da Silvas verwandt sein; ja mehrere der letzteren könnten mit geringen Veränderungen noch jetzt Herrn Offenbach die köstlichsten Libretti liefern." In der Entwicklung der Handlung, in der Erfindung der Abenteuer, in dem geschickten Zusammenstoß der Leidenschaften und Jntriguen, die sich drängen, verbinden, trennen und' lösen, mit der Schnelligkeit des Blitzes, mit der Leichtigkeit des Windes, so sagt ein Portugiesischer Kritiker, liegt Antonio Joses Hauptstärke; dazu berauscht, elektrisiert, reißt er seine Zuschauer mit sich fort; auch das witzige Couplet tritt bei ihm zuerst auf, und viele dieser gingen wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt. Der Schlußresrain wurde vom Publikum gewöhnlich mitgesungen und der „rei ireiratico“ Johann V., der die Oper und das Ballett vor allem liebte, gab immer zuerst das Zeichen zum donnernden Applaus, in den die Logen wie die Galerien gleichmäßig einstimmten. Besonders beliebt war seine Aesopiade, in der der Held die Nolle des Harlekin spielt und lächerlicherweise seine Späße mitten unter dem Spektakel der Perserkriege hersagt. Die Geschicklichkeit, mit der er diese Geschichte im portugiesischen Nationalgeschmack dramatisiert, ist wahrhaft bewundernswert. Am meisten aber hat der „Don Quijote" eingeschlagen und die Exposition desselben gilt noch, heute in Portugal als das Muster einer solchen. Der Barbier ist eben im Begriff, den stolzen Ritter zu rasieren, der ihm empfiehlt, seinen „geehrtesten Bart in ganz Spanien, vor dein selbst die Riesen zittern", ja sorgsam zu behandeln. Natürlich fragt er den Figaro, was er für Neuigkeiten zu berichten habe. Als dieser ihm nun erzählt, daß der Großtürke wieder die christlichen Potentaten mit Krieg überziehe und daß schon eine Flotte in Biscaya gegen ihn ausgerüstet werden müßte, sagt Don Quijote selbstgefällig: „Wozu alle diese Maschinen? Ich wüßte Rat, in weniger als einer halben Stunde alle Flotten und Eskadres des Türken zu besiegen." Erst nachdem der Barbier strengste Verschwiegenheit zugesichert, damit kein anderer ihm zuvorkomme, vertraut ihm Don Quijote, man müsse nur einige fahrende Ritter gegen den Türken loslaffen, ja ein einziger, wie zum Beispiel er, würde genügen, ganze Türkenheere, zu vernichten. Als nun die Haushälterin, die Nichte des Ritters und selbst der Barbier sich erdreisten, darin nur einen Rückfall in seine alte Narrheit zu erblicken, wendet er gegen den Letzteren ein drastisches argumentum ad hominem cm, indem er ihn zu Boden wirst und dadurch zeigt, wie er ein ganzes Türkenheer vernichten würde. V Neben diesem galt als das beliebteste Stück Antonios das von dem Wettkampf des Rosmarin und Majoran. In Cintra nämlich, dem reizenden Sommeraufenthalte der eleganten Welt von Lissabon, Pflegte sich diese zu bestimmten Tageszeiten auf der Promenade zu versammeln und dort ihre Konversation zu halten, wobei sie sich gewöhnlich in zwei Parteien teilte, deren eine einen Strauß von Rosmarin trug, während die andere einen solchen von Majoran als Erkennungszeichen wählte. Dieser galante Kampf gibt unserem Dichter die Veranlassung zu seinem Werke, in dem zwei verschleierte Schönen sich zwei Kavaliere erwählen, die beide als Ritter der verschiedenen Blumen erscheinen und durch eine ganze Fülle von Jntriguen und Verwicklungen, von komischen Situationen und drolligen Szenen gegen den Willen eines geizigen Oheims Herz und Hand der beiden Schönen erobern. Von einer geradezu erschütternden Komik muß aus dem Theater die Szene sein, in der die beiden Helden als Naturärzte austreten und den plötzlich von einer heftigen Kolik befallenen Oheim, jeder mit einem anderen Mittel, behandeln. Man kann sich denken, wie beliebt der freilich noch immer unter dem Banne der Inquisition und von ihren Argusaugen scharf bewachte portugiesische Plautus in jenen glücklichen fünf Jahren seines Erdenwallens war — aber da brach plötzlich wie ein Blitz das Unglück über ihn herein! Man lachte über seine Stücke, jawohl, jede Aufführung eines seiner Vaudevilles im Theater zu Lissabon war ein Fest für den Hof, für den Adel, für die schönen Frauen von Lissabon. Aber es fehlte auch nicht an Leuten, die aus Neid oder Mißgunst oder auch aus Glaubenshaß in diesen Stücken beständig Anspielungen auf seine Abstammung, auf die erlittenen Leiden und auf sein geheimes Bekenntnis suchten — und fanden. So bedurfte es nur einer geringfügigen Veranlassung, um das Unheil, das über seinem Haupte schwebte, herbeizuführen. Und diese fand sich gar bald. Am 5. Oktober 1737 war es, daß Antonio Josö da Silva im Kreise seiner Familie den zweiten Geburtstag seines Töchterchens festlich beging. Da wurde plötzlich die traulich heitere Familienfeier durch ein unheimliches Pochen am Tore des Hauses jäh unterbrochen. Es traten die Familiären und Schergen des heiligen Jnquisitionstribunals ein, die die eben noch so glücklichen Gatten aufforderten, ihr bisheriges Heim mit dem unterirdischen Kerker jenes Tribunals zu vertauschen. Alsbald wurde auch gegen Antonio der Prozeß eingeleitet. Zwar fehlte es an Beweisgründen für die Anklage, die nur auf vagen Anschuldigungen beruhte, aber die Richter wußten sich solche künstlich zu konstruieren. Was soll ich nun noch lange erzählen? Die Akten über den ganzen Prozeß liegen ja noch heute im königlichen Archiv zu Torre do Tombo ... Und nun ereignete sich eine Premiere, wie sie Lissabon noch nicht gesehen hatte und die sich der allerchristlichste Hof, die Blüte der Ritterschaft und der schönen Frauen von Lissabon selbstverständlich auch nicht entgehen ließen. Sie fand aber nicht im Theater, sondern auf dem großen Platz vor demselben statt. Eine seltsame, eine unheimliche Premiere! Die Szenerie bestand nämlich aus einem hoch emporlodernden Scheiterhaufen, und diesen Scheiterhaufen bestieg der portugiesische Plautus. Und aus dem Scheiterhaufen heraus hörte die Premiörenwell von Lissabon merkwürdige, unverständliche Worte, die uns aber ein zeitgenössischer Chronist ausbewahrt hat.