Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
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329 haben sich nur zwei bis drei zu erhalten vermochte Der erste Mißerfolg hat die amerikanischen Juden nicht entmutigt und ein auf anderer Grundlage unter Anwendung neuer Methoden unternommener Kolonisationsversuch hat bereits sehr zufriedenstellende Resultate ergeben. Die jüdische Kolonisation in den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird seit 1890 von der „Newyorker Jewish Agricultural" und „Industrial Aid Society" und ihren Zweigvereinen in Philadelphia, Chicago und Boston geleitet. Statt wie bisher völlig mittellose Juden in geschlossenen Kolonien unterzubringen, und ihnen allesaber auch" alles von vornherein zu schenken, werden jetzt nur bemittelte Leute, die bereit sind, einen großen Teil der Kosten der Kolonisation selber zu tragen, angesiedelt. Zu diesem Behüse reisen Agenten der Gesellschaft im Lande umher und halten Umschau nach zur Ansiedlnng von Juden geeigneten Ländereien, während tüchtige Fachmänner bereit sind, ansiedlungslustigen Juden mit Rat und Tat beizustehen. Unter Umständen Erhalten die Ansiedler erhebliche Barvorschüsse,, unter der Bedingung, Kapital und Zinsen in bestimmten Jahresraten zurückzuzahlen. Das Resultat dieser Aktion ist, daß fast in allen Teilen der Vereinigten Staaten gegenwärtig jüdische Farmer zu finden sind, die schon jetzt mit ihrem Lose sehr zufrieden sind und deren Lage sich von Jahr zu Jahr günstiger gestaltet. Verhältnismäßig sehr zahlreich sind diese Farmen in Connecticut, Southern New-Hampshire und Massachusetts, welche, zusammen gegen 500 jüdische Kolonisten zählen dürften. Wie erfolgreich diese ehemaligen Handwerker und Kleinhändler sich in kurzer Zeit in richtige Ackerbauer zu verwandeln verstehen, beweist ein Bericht der in Boston erscheinenden „Post" über eine von Holliston bis West-Medwah hinreichende Farmengrüppe mit 30 Familien : „TieKolonisten sehen alle gesund und munter aus und die Kinder sprechen so gut. englisch, daß sie leicht für kleine Iankees gehalten werden könnten. Der älteste Farmer in der .,Gruppe, Moses Burack, ein noch sehr rüstiger Siebzigjähriger, hat sich mit eigenen Mitteln und von der Gesellschaft nur mit Rat unterstützt in jener Gegend niedergelassen. Freilich hat er schon in seiner früheren russischen Heimat auf dem flachen Lande gelebt und sich teilweise mit der Landwirtschaft beschäftigt. Er treibt mit Erfolg Ackerbau, Vieh- und Vogelzucht und besitzt 12 Kühe, deren Milch er zu guten Preisen verkauft. Sein Schwiegersohn, Jakob Binstock, wohnt seit 5 Jahren in der Kolonie und ist so intelligent, daß die'Gesellschaft ihn zu ihrem Vertrauensmann gewählt hat. Sein ältester Knabe, ein tapferer 13 jähriger Bursche, erklärte auf eine Anfrage, ob er gleichfalls Farmer werden will, stolz: „Nein, ich gehe zur Universität, und wenn ich ausgelernt habe, komme ich zurück, um meinem Volke zu helfen." Noch länger als Binstok, nämlich schon 6 Jahre, verweilt Pinsky auf seiner Farm. Er und seine Frau hatten es nicht leicht und nicht einmal kam ihnen der Wunsch an, die Farm zu verlassen. Moritz Masur war ein ziemlich wohlhabender Schneider'in Boston, der aus Gesundheitsrücksichten aufs Land zog und daselbst sich sehr Glücklich fühlt. Die Metamorphose des Schneiders in einen Bauern war jedoch nicht leicht und konnte nur mit Hilfe der tapferen Frau und 5 erwachsenen Kindern im Laufe von 3 Jahren vollzogen werden. Erst zog, die Frau mit den Kindern auf die. Farm, während er. in der Stadt blieb,und weiter schneiderte. Nach 3jähriger Arbeit'war er in der Lage, Nadel und Schere mit Pflugschar und Sense verrauschen zu können. Gegenwärtig besitzt er 8 Kühe, zahlreiche Hühner, Jetzt bringt die Farm der Familie im Sommer 50 und. im Winter 30 Dllrs. monatlich. Endlich ist der Kolonist Herr Bravemann zu erwähnen, dernach 7 jährigem Aufenthalt in der. Kolonie' so wohlhabend wurde, daß er imstande ist, sich aus den Wunsch seiner Frau eine Stadtwohnung in Holliston zu halten: Die Kolonie besitzt einen Rabbiner und eine eigene Synagoge. Der Berichterstatter der „Post" schließt seinen Artikel mit den Worten: „Alles in allem bringt diese Farmerkolonie bei Holliston den Beweis für. die Anpassungsfähigkeit der jüdischen Rasse, .sowie dafür, daß - die Juden, welche seit 2000 Jahren keinen Ackerbau mehr treiben konnten, noch von ihren Vorvätern her eine große Sehnsucht nach dem Landleben erhalten haben. Andererseits wäre es auch bei größter Schmieg, samkeit nicht möglich, Schneider, Schuster und Alteisenhändler in einer _ knappen Frist von - 5 Jahren in tüchtige, amerikanische Farmer umzuwandeln." / Lin jüdisches Krankenhaus kür Dberlchleüen. iv Von Sanitätsrat Dr. Hermann Kornfeld in Gleiwitz. viel verkannte, von seinen Bewohnern aber mit Recht geliebte Oberschlesien steht auch bezüglich der Krankenhäuser auf der Höhe der Zeit, allerdings hairptsächlich, wo es sich. um die Institutionen der Knappschaften handelt. In ernsten Fällen werden doch Sanatorien, Kliniken, Krankenhäuser in Breslay von hilfesuchenden Privatpersonen aufgesucht werden müssen. Es ist überflüssig auszuführen, welchen Segen ein Krankenhaus in Oberschlesien stiften müßte, das diesen die Entfernung aus der Heimat.ersparte; ihnen erlaubte und zwar ohne alle Gene, ihren religiösen Obliegenheiten nachzukommen, gegebenenfalls sich ihres Jargons wegen nicht scheel oder spöttisch an sehen zu lassen rc. Einige Punkte sollen aber besonders hervorgehoben werden; so die Minderung der Härte, wenn bei einer ansteckenden Krankheit, wie z. B. bei Genickstarre die Ueberführung. eines Familienmitgliedes in das Hospital sich als notwendig erweist, so, wenn jemand auf der Reise, wenn eine unverheiratete Person,, namentlich aus den besten Ständen, erkrankt; ferner. Wenn es sich um vorläufige, eventuell auch dauernde Unterbringung von Geisteskranken handelt. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist die Ausbildung jüdischer Aerzte durch die unersetzliche Erfahrung im Krankenhause, die Möglichkeit, das jetzt erforderliche Probejahr vor dem Examen in einem solchen abzulegen, die Freude an der wissenschaftlichen Mitarbeit, zu der die Hospitalpraxis vornehmlich Gelegenheit gibt. Nicht zuletzt, ja in erster Reihe mit, steht die Ausbildung jüdischer Krankenpfleger und Pflegerinnen in einer solchen Anstalt, mit welcher sogar die von Hebammen verbunden werden könnte. Was in dieser Beziehung vom roten Kreuz geleistet wird, ist beschämend für Juden. Alles das wird sich der.Leser selbst sehr gut weiter, ausmalen können. Es wird sich nun darum handeln, welche. Aussichten sind .für die Verwirklichung der Idee vorhanden. .Viele Liebesgaben,, viele Wünsche wohlzutun, zielen nicht auf die richtige Stelle. Ein einheitliches Zusammengehen der grade in Oberschlesien und bei den jüdischen Bewohnern bekannten Wohltätigen würde meines.. Erachtens mit Leichtigkeit ein gewisses Minimum aufbringen, das die Grundlagen zu dem künftigen Krankenhaus sicherstellt. Grund und Boden wird wohl unbedenklich von der Stadt, in. der es errichtet wird, z. B. Kattowitz, Beuthen, Gleiwitz, hergegeben werden. Ein Bett zum Andenken zu stiften, wird für nicht gar so wenige Vereinzelte möglich! sein, besonders auch für schon Fortgezogene, aber noch an Oberschlesien hängende frühere Gemeindemitglieder. Auch - der, Betrieb des Hospitals selbst muß zu den Kosten erhebliche beitragen. Es. versteht sich wohl von selbst, daß das Krankenhaus, soweit Platz ist,, auch Kranke anderer Konfession aufnimmt, daß zahlungsfähige. Privatpersonen, Kommunen, Gutsbezirke, Kassen, rc. die Verpflegungskosten erstatten,'daß jüdische Aerzte, wie in England Hospitalärzte überhaupt — es sichzur. Ehre-rechnen,.unentgeltlich an demselben zu behandeln..