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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-14 · Heft 28 (14.7.1905) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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Konfession ihre Aufgaben in einer oder mehreren Organisationen zusammen, mit einander ergänzenden Kräften, oder auf gesonderten Wegen mit geteilten Kräften lösen will. Die Konfession möge ihr Selbstbestimmungsrecht zur Geltung bringen. Sie möge den Inhalt, die Form und die Selbstverwaltung ihrer Grenzen feststellen, damit ihr Wille offenkundig sei vor ihr selbst und vor dem Staate. Darum müssen wir bei der hohen Regierung dahin wirken, daß unsere gesetzlich rezipierte Religion und Konfession zum Zwecke der Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechtes unter Zustimmung der Gesetzgebung so bald wie möglich zu einem neuerlichen Kongresse einberusen werde. Jeder unbefangene Leser wird diese Darstellung sicher mit Interesse verfolgt und ihre Schlüsse gebilligt haben. Die Bemühungen, die seit dem Kongreß in drei Lager geteilte und zu ihrem großen Schaden zerklüftete ungarische Judenheit wieder zu einigen, waren bisher erfolglos. Diese Bemühungen, die von den sogenannten Neologen ausgehen, müssen aber deshalb doch weiter fortgesetzt werden, denn sie werden schließlich doch zu den ersehnten Zielen führen. Die unerbittliche Notwendigkeit wird siegreicher sich erweisen, als die Rückständigkeit einer Orthodoxie, die mit wahrer Religiosität wenig gemein hat. Die Woche. U Berlin, 11. Juli, eber die Zehnmillionenspende hat Fürst Henckel v. Donnersmarck jetzt eine längere Erklärung veröffentlicht, aus der wir den folgenden, für uns allein bedeutungsvollen Passus hier folgen lassen: „Die Ansammlung nationalen Kapitals in Banken und Jndustriegesellschaften unter geschäftstüchtigen Leitern erfolgt ohne Rücksicht auf Konfession; wie kann man annehmen, daß einseitige Behandlung von Offizieraspiranten seitens einzelner Verbände den Blick weitsehender Männer trüben würde."; Wir haben über die Gründe, die den Urheber des ganzen Plans dazu veranlaßten, wie über die Idee selbst, uns hier nicht auszusprechen. Uns geht, wie gesagt, nur der obige Passus der Erklärung an. Wenn es nun dort heißt: „Einseitige Behandlung von Offizieraspiranten seitens einzelner Verbände" dürfe den Blick weitsehender Männer nicht trüben, so trifft dies nicht den Kern der Sache. Fürst Donnersmarck gibt die „einseitige Behandlung" zu. Ins Deutliche übertragen: Juden, auch wenn sie tüchtige Soldaten sind, werden in Preußen und einer Reihe anderer deutscher Staaten grundsätzlich vom Offizierstand ausgeschlossen. Sie können weder Berufsoffiziere, noch seit einem Vierteljahrhundert auch nur Reserveoffiziere werden. Da sollte doch jeder begreifen, daß jüdische Bankdirektoren und Großindustrielle Bedenken tragen, sich an der Gründung eines Fonds zur Unterstützung von Offizieren zu beteiligen, schon deshalb Bedenken tragen, weil es scheinen könnte, als wollten sie eine weniger „einseitige Behandlung von Offizieraspiranten seitens einzelner Verbände" erschleichen oder erkaufen. Die höfliche Ablehnunng der an. die „weitsehenden Männer" gerichteten Zumutung zeugt von Selbstachtung, nicht von der Trübung ihres Blicks. Erst nachträglich wird es bekannt, daß bei dem noch immer nicht ganz ausgeglichenen Hoch schulkonflikt auch gewisse Tendenzen mitgespielt haben, die in unferm öffentlichen Leben leider immer wiederkehren. Es soll sich nämlich, nach verschiedenen, bisher nicht dementierten Mitteilungen, nach den letzten Ereignissen in der Wildenschaft der Technischen Hoch- > schule in Charlottenburg herausgestellt haben, daß die Hochschulbehörden von einer gewissen Seite dazu gedrängt werden sollten, einer ausgesprochen antisemitischen Agitation Vorschub zu leisten. In öffentlicher Versammlung wurde von einem der Veranstalter der Protestbewegung gegen die Wildenschaft zugegeben, man protestiere hauptsächlich deshalb gegen den § 1 der Satzungen, weil das Präsidium nicht die Vertretung derNichtinkorporierten, sondern der „Nichtar ier" sei! Tatsächlich ist gerade an der Technischen Hochschule das Verhältnis der Semiten zu den Ariern ein für erstere nicht besonders günstiges, wenigstens soweit es sich um die Besetzung der Wildenschaft handelt. Selbstverständlich sind die Juden nicht ausgeschlossen, da ja die Wildenschaft alle Nichtinkorporierte umfaßt. Das ist ja gerade das Wesen der Wildenschaft, daß in ihr jeder nach seiner Fasson selig werden kann, daß jeder ehrlichen Ueberzeugung Existenzberechtigung zugeftanden wird. Es ist nun nicht anzunehmen, daß die akademischen Behörden ihre Macht in den Dienst einer Agitation stellen werden, die geeignet ist, den Frieden an den Hochschulen auf das schwerste zu gefährden. Es ist nicht zu verwundern, daß sie dieses wahre Antlitz der Bewegung bisher nicht erkannt haben» Kam doch selbst den Eingeweihten diese Erklärung überraschend. Die Folge war eine gründliche Absage an die Führer der Protestbewegung, die auch den Behörden nicht vorenthalten werden wird. Die fürchterlichen Ereignisse in Rußland drängen eigentlich alle anderen Interessen weit in den Hintergrund. Mit banger Sorge sehen wir dem Verlauf der Dinge entgegen; hängt doch das Schicksal von Millionen unserer Glaubensbrüder davon ab, wie sich die Dinge im Zarenreiche entwickeln werden. Aber unsere Hoffnungen auf eine friedliche Lösung find gering und jede neue Nachricht stimmt sie noch mehr herab. So wird aus Odessa gemeldet: „Das Eintreffen des Grafen Jgnatjew hat nicht das Geringste zur Beruhigung der Lage beigetragen, im Gegenteil hat sie verursacht, daß sich der jüdischen Bevölkerung Odessas eine Panik bemächtigt hat. Durch die Stadt schwirren allerlei unkontrollierbare Gerüchte. Es steht fest, daß während der Unruhen die Polizei wiederholt den Versuch gemacht hat, die Volksmassen auf die Juden zu hetzen, was ihr nicht immer gelang. Von Jgnatjew befürchtet man, daß er durch eine Massenabschlachtung der Juden die Aufmerksamkeit der russischen Bevölkerung von den tatsächlichen Ereignissen abzulenken versuchen wird." Und in ähnlicher Weise wird aus Kiew, Minsk, Warschau und andern Städten berichtet. Unter solchen Verhältnissen nimmt natürlich die Auswanderung erschreckende Dimensionen an, und die Meldung der „Schlesischen Zeitung", daß Deutschland wegen der zu besorgenden Massenübertritte russischer Flüchtlinge an unfern Grenzen Maßregeln vorbereite, kommt leider nicht überraschend. Denn die aus Lodz und andern Städten zu Tausenden flüchtenden Menschen müssen irgend wohin, und da ist es das Nächstliegende, daß sie versuchen werden, über die deutsche Grenze in Sicherheit zu kommen. Da aber Preußen durch feine geographische Lage hierdurch in nicht beneidenswerte Mitleidenschaft gezogen wird, so ist es nur natürlich, daß die Regierung an Vorkehrungen denkt, die seine Interessen wahren, zugleich aber den Pflichten der Menschlichkeit gerecht werden. Die „Schlesische Zeitung" und ihre Anhänger denken sich die Sache natürlich anders. *

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