Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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i": ■ : ’V; :;;;; 324;:;;-^— In seinem Gemach ging Konstantin M., Kaiser von Byzanz, ruhelos auf und nieder. Schlank, schön von Antlitz wie seine Mutter, erst zwanzig Jahre alt, sah er doch ähnlich einem Greise. Er lauschte jedem Tritte von außen, denn noch hatte er keine Nachricht erhalten von Leo aus Belendscher und war unruhig. Da wurden Plötzlich die Vorhänge auseinandergerissen und herein trat seine. Mutter Irene. Ein Leuchten ging über sein Gesicht, denn gar sehr liebte und verehrte er seine Mutter. Doch nur einen Augenblick. Dann bemerkte er ihre verzerrten Züge und erschrak. „Ist Dir nicht wohl, meine liebe Mutter?" fragte er besorgt. „Nicht wohl! Ha, Knabe! Sag, ist es wahr, daß Du gewagt hast, meinen Willen zu durchkreuzen?! Lüg' nicht, Knabe!" „Der Kaiser von Byzanz ist kein Knabe und er lügt auch nicht!" antwortete Konstantin, sich hoch aufrichtend. „Kaiser von Byzanz?! Das ist Hochverrat, mein Sohn! Noch bin ich Kaiserin! Doch sag', hast Du gewarnt den Chazarenkönig — Botschaft geschickt deinem Bastardbruder dem Leo, oder hast Du's nicht!" „Ich habe versucht, die Ausführung Deiner schändlichen, sündhaften Absichten zu verhindern. Durch Thea, die mich wirklich liebte, wußte ich um Euren Plan." „Bube!" ‘ . „Geliebte Mutter, Du wirst mir noch Dank —" „Das sollst Du büßen, Bube! Lehren will ich Dich, Irenes Pläne zu vernichten! Herein, Ihr Männer!" „Mutter!!" schrie Konstantin, während die zwei Männer hereinstürzten. „Ergreift ihn!" rief Irene. „Wer wagt es, Hand zu legen an den Kaiser von Byzanz!" Konstantins Augen funkelten, als er es sprach. Die Männer standen unschlüssig, verlegen. „Hochverrat!" schrie Irene wie wahnsinnig. „Gehorchet, oder ihr seid des Todes!" und mit erhobenem Dolche ging sie auf einen der Männer los. Da packten die Männer Konstantin und rissen, ihn zu Boden. „Blendet ihn, — blendet ihn," tobte Irene. „Mutter!! Allmächtiger Gott —" Ties senkten sich die Dolche der Henker in die Augenhöhlen des auf dem Boden ringenden Jünglings; zwei Blutstrahlen spritzten empor bis zur Decke; spritzten über kostbare Gewänder, über aller Gesicht und Hände und über das Heiligenbild; dann eilten die unmenschliche Mutter und die Henker aus dem Gemach, den Ueberfallenen, Gemordeten, im Todeskampfe allein lassend. So endete Konstantin 'VH., Kaiser von Byzanz durch die Tücke des Weibes, seiner eigenen Mutter, die auch das Unglück Chakan Bulans geworden, hätte Gott ihn nicht so wunderbar geschützt, im Jahre 797, wie es die Christen rechnen." Eine lange Weile, nachdem Joseph geendet, herrschte Schweigen im Zimmer. Dann brach Ludanyi plötzlich los: „Vieh, verdammtes!" schrie er grimmig, mit der Faust auf den Tisch schlagend. Die Lesung dieses Abends hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf die ganze Gesellschaft gemacht. Gespannt, fast ängstlich,',wie sie eines jeden Wortes harrten, das zusammengestellt wurde, übte die Erzählung einen ganz anderen Einfluß auf den Hörer aus, als wenn sie fließend gelesen worden wäre. Alle drei, diesmal auch der Großvater, zitterten förmlich vor Aufregung. „Wenn gerade dieser Schluß hier nicht historisch verbürgt wäre, ich täte die ganze Erzählung nicht glauben," saget Ludanyi. „Aber sie stimmt so mit unseren eignen Forschungen" — aus Joseph blickend — „und mit den allbekannten historischen Daten überein, daß man die Echtheit ja gar nicht bezweifeln kann." An diesem Abend-wurde noch recht viel über das Gehörte debattiert. Der Großvater brachte richtig wieder den Antisemitismus aufs Tapet, zum Entsetzen der jnngen Leute. Ludanyi bat jedoch bald, vom Thema abzustehen. Er. erklärte sich nicht für besiegt, aber — er konnte nichts antworten. Der Wahrheit die Ehre, er schämte sich. Beim Verabschieden machten sich Joseph und Maria ein Zeichen, das ein Rendezvous außerhalb des Hauses für den folgenden Tag bedeutete. Sie trafen sich denn auch in einer Konditorei außerhalb der Stadt und begrüßten sich, wie nur zwei Liebende sich begrüßen können. „Weiß Dein Großvater?" fragte sie. „Alles." „Und -" „Vertrau auf Gott," sagt er mir immer. „Doch scheint er so siegesgewiß, daß ich nicht weiß, was ich mir denken soll." „Na, weißt Du," meinte Maria, „mit meinem Vater geht auch eine Veränderung vor. Ich beobachte ihn ja unausgesetzt. Von Euch spricht er nur mit Hochachtung und von den Juden überhaupt, — na, wenigstens schimpft er nicht mehr auf sie, und das will viel heißen. Gestern hat er den „Antiklub" auch nicht besucht, obwohl es doch Vereinsabend war. Es scheint mir, lach' mich nicht aus, Joe guter — aber wirklich, ich glaube — er schämt sich. Und dann ärgert er sich wieder darüber, daß er sich schämt. Ich kann gar nicht aus ihm klug werden. Aber eine Veränderung. feiner Anschauungen' geht vor sich, das steht fest." „Gott gebe, zu unseren Gunsten," erwiderte Joseph innig. „Aber, geliebte Maria, sag', was machen wir nun? Heute abend dürften wir das Ende der Geschichte sehen. So noch länger im Hause bleiben und Dich kaum kennen dürfen, das halte ich nicht mehr aus. Und doch — was tun?" „Was sagt Dein — was sagt unser Großvater? Ich habe großes Vertrauen zu ihm." „Gott, Mädel geliebtes, wenn ich Dich jetzt so küssen könnte!" Und Joseph biß seine Zähne zusammen, um seine Leidenschaft zu bemeistern. Maria lächelte selig. „Also, was sagt er?" fragte sie noch einmal. „Geduld, Geduld, Geduld!" erwiderte Joseph. „Aber wo hernehmen?!" „Folge ihm," mahnte Maria ernst. Noch lange saßen die Liebenden beisammen. Sie kamen schließlich überein, wenigstens noch einen Monat zu warten. Hatte der Großvater bis dahin nicht geholfen, dann wollten sie vor Ludanyi hintreten und alles bekennen. Und sollten alle Stränge reißen, dann gab es für sie nur noch eins: Durchbrennen! Das war beschlossene Sache. „Aber," meinte Maria noch beim Scheiden, „paß auf, der Großvater erreicht's. Du weißt nicht, wie und ich auch nicht. Aber eine Frau, die liebt, ahnt gewöhnlich richtig, wenn's sich um ihre Liebe handelt. Und ich ahne, er setzt es durch." „Aus Deinem Mund in Gottes Ohr," betete Joseph andächtig, welchen Ausspruch Maria entzückend fand. „Typisch jüdisch," meinte Joseph. „Und wunderschön," erwiderte Maria. (Fortsetzung folgt). Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.