Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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323 sieht alles und sieht auch nichts —. das Wasser ist so glatt wie 'n Aal -- was, Onkel Manu? — und wie erst die Sonne daraus einen blendet — siehst Du was, seh> ich was?" „Ich sehe," sagte Onkel Manu, wobei er mit augenlosem Gesicht ausschaute, weil seine Wangen säst seine Augenbrauen berührten : „ich sehe etwas ganz weit in der Ferne . . So blieben sie da in gespannter Aufmerksamkeit, die Köpfe dicht beieinander, sitzen und grübelten über das sonnig glitzernde Wasser hinweg. Der Gedanke an das,/was zu erwarten stand, war vor zwei Monaten noch Mutters größte herrlichste Freude gewesen — nun aber, heute, war er ihr nicht mehr das, konnte er ihr das nicht mehr sein, nun empfand sie zugleich bei all ihrer Freude ihn wieder zu sehen, endlich wieder zu sehen, die nervöse Unruhe, wie. er das mit Vater aufnehmen würde. Als Kolonialsoldat war er ausgezogen, weil er keine Lust zum Handel hatte und lauter Tollheiten ausgeführt — ach, ach, was für verrückte Dinge hatte er ausgeheckt, Dinge, zu denen man schweigen mußte, um seinen Feinden nichts zu fressen zu geben — als Kolonialsoldat ausgezogen, vor langen Jahren, hatte er sich durch Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod zum Sergeanten aufgearbeitet — ein Wunder in so kurzer Zeit! — es gab säst gar kein Beispiel dazu — einmal hatte er einen Schlag mit einem Klewang bekommen—einmal mußte er geradezu Wunder bei einer Bestürmung geleistet haben — ja, das hatte er alles geschrieben. Ein ganzes Paket Briefe hatte sie von ihm liegen, die sie alle auf dem Bettstellenbrett aufbewahrte. Im letzten Brief aber nun hatte die große Ueberraschung gestanden. Sally, Sally, ihr Sohn, der Sergeant, würde, für ein Jahr beurlaubt, nach Holland zurückkehren. Anfang Juli würde er abreisen, Geschenke für sie alle mitbringen — Sachen, die sie noch nie gesehen hätten. Und, als ob kein Glück darauf ruhte: zwei Tage nach Empfang des Briefes, des göttlichen Briefes, des Briefes, der sie schluchzend weinen und tanzen ließ — ach, was war er doch immer für ein guter Junge gewesen — und wie er wohl aussehen mochte — nach einem Bild konnte man nie urteilen — und wieviel Wochen die Reise wohl dauerte — zwei Tage nach dem Brief, der hundertmal gelesen, vorgelesen wurde, rührte Vater der Schlag. Er hatte schon lange gekränkelt, schon manchmal das Bett gehütet. Das gab eine schreckliche Störung. Der einzige Sohn in Aussicht heimzukehren, als Sergeant, lobend erwähnt in allen Zeitungen, und das nicht mit erleben zu dürfen, wenn auch nur eine Stunde. Die ganze Nachbarschaft war dadurch in Miterregung gezogen. Und nach dem Begräbnis hatten sie tagelang beraten, was sie tun wollten, wie sie es Sally wissen lassen könnten. Onkel Manu hatte an telegraphieren gedacht und war ans der Post gewesen und hatte angefragt, was es wohl kosten würde, wenn sie zum Beispiel telegraphierten: Sally van Kosten — Sergeant — Batavia — Vater schwer krank — weniger Worte ging nicht — mehr waren nicht nötig, um ihn vorzubereiten — aber als er von der Post mit dem Schreck nach Hause kam — ja ein Schreck wars — ein Schreckschlag — daß man so viele Gulden dafür zahlen müßte, wie es Worte wären — eine Summe, vor der man zurückschrak, eine Summe, an die sie nicht denken konnten nach all dem Geld, was das Begräbnis gekostet hatte — und dann noch nicht mal die Gewißheit, ob Sally in Batavia war oder an Bord des Schiffs — als er mit dem Schreckschlag nach Hause kam, begriffen sie, daß es besser wäre, zu warten. Selien wollte es ihm nach Singapore oder nach Marseille oder nach sonst irgend einen Platz, den das Schiff anlief, berichten — dann fiells ihm nicht so schwer aus den Magen und Onkel Manu hatte auch wohl Sinn dafür, nur' daß sie wieder nicht genau um den Schiffsnamen Bescheid wußten — und daß man auch überhaupt nicht wußte, wie und wo — und wenn man nun auch Himmel und Erde in Bewegung setzte, es ging nun mal nicht — man mußte ihn: eben, wenn er von Bord kam und nach Väter fragte, das Unglück mitteilen. (Fortsetzung folgt.) Die grkundrnk Hsndlchrikt. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. XIV. 3M Folterzimmer zu Byzanz lag ein Mann sestgebunden auf einer Holzbank. Die Daumen seiner beiden Hände steckten in Schrauben, an denen zwei Männer drehten. Fester und fester zogen sie an, so daß das Blut unter den Nägeln des Gefolterten hoch zur Decke spritzte. Der niedrige Raum widerhallte von den Schmerzensrufen des Gemarterten.. Ganz in der Nähe saß Kaiserin Irene, ihr schönes Gesicht verzerrt von Leidenschaft und Wut. Blut war auf ihrem weißen Kleide zu sehen, Blutspuren auch auf ihrem Gesicht und ihren Händen. Sie achtete nicht darauf. Ihre Blicke hingen an dem Gefolterten. Und als der einmal ganz besonders laut wehklagte, gebot sie den Henkersknechten Halt. „Bist Du jetzt bereit, die Wahrheit zu bekennen?!" rief sie dem Mann zu. Der wimmerte nur vor Schmerzen, doch antwortete nicht. „Noch nicht, Du Hund von einem Hunde! Wart! Das Rad, Ihr Knechte!" Ein schweres Rad wurde herbeigerollt und der Mann darauf geflochten, den Rücken zum Rad am äußeren Rand, so daß Kopf und Füße sich berührten. Dann wurde eine schwere Holzplanke herbeigeschafft, auf der sich viele Querleisten befanden. Jedesmal, wenn das Rad mit dem daraufgebundenen Körper über solche Leiste ging, mußte unbedingt ein Knochen gebrochen oder ein Eingeweide verletzt werden. „Langsam," befahl Irene. „Er darf nicht sterben. Und sobald er sprechen will, haltet ein!" Und zu dem Gefangenen gewendet: „Sobald Du sprichst, schenk sch Dir das Leben!" Dann wieder zu den Henkern: „Beginnet!" Vier Männer haben das Rad aus die Planke. Als es über die erste Leiste kam und mit einem entsetzlich dumpfen Fall aus die Planke zurückfiel, schrie der Gefolterte so auf, daß selbst die Henkersknechte Mitleid fühlten und das Rad stehen ließen. Beide Unterschenkel waren dem Gefangenen gebrochen. Doch Irene blieb kalt. „Willst Du jetzt sprechen." Der Gefangene nickte mit dem Kopfe. : „So sprich!" Da erzählte denn der arme Sklave. Preis gab er den Auftrag Konstantins, erzählte, von unmenschlichen Schmerzen getrieben, den Inhalt der Warnung, die Konstantin gesendet nach Belendscher. . „Und der andere Sklave!?" „Entkam nach Belendscher," stöhnte der Sklave. „Hund von einem Sklaven! Bestie!"" schrie Irene außer sich vor Wut. Dann riß sie ihren Dolch aus ihrem Gürtel und stieß ihn dem aufs Rad Geflochtenen tief in den Hals. „Hinweg, mit ihm! Und nun zu Konstantin. Ihr zwei da, folget mir — —!"