Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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danke ich den mündlichen Belehrungen eines gelehrten Portugiesen, der mir den Namen dieses Juden aus Lissabon verschrieben haben würde, wenn es sich der Mühe lohnte/' Und der zweite Historiker romanischer Poesie in Deutschland bemerkt über die Entstehung des „Astersingspiels": „Sein Erfinder wav ein gemeiner Jude Antonio Jos6 da Silva, dessen rohe Stücke gleichwohl durch eine gewisse natürliche Komik dem Nationalcharakter ansprachen." Erst Ferdinand Wolf brachte, wie gesagt, unseren Dichter zu Ehren. Dann kamen französische, spanische und andere Literarhistoriker und schlossen sich diesem Reigen an. Heute ist Antonio Jose da Silva so gefeiert, daß sein Jubiläum in Lissabon als eine Art Volksfest gelten konnte. In seiner engeren Heimat, in Brasilien, hat man ihn allerdings schon um die Mitte des vorigen'Jahrhunderts als eine Art Nationalheiligen verehrt, wovon später noch die Rede sein soll. Die Pflege der italienischen Oper am Hofe Johannas V. im Gegensätze zu der musica sacra, die Johann IV. pflegte, zeitigte ein portugiesisches „Lustspiel", in welchem Jntriguen nach spanischer und italienischer Art und mythologische Phantasmagorien sich mit gesungenen Arien und volkstümlichen Rüpelszenen zu einem höchst sonderbaren Ganzen verbanden. Antonio Jose da Silva kam dem Zeitgeschmack mit seinen Werken entgegen. Wir kennen von ihm im Ganzen acht Stücke, aber er hat unzweifelhaft mehr geschrieben. Einzelne von diesen sind ins Französische übersetzt, ins Deutsche bisher keines. Die Titel dieser acht Stücke sind: „Labyrinto de Greta,“ „Variedades de Protheu“, „Guerras de Alecrim e Mangerona“, „Vida de Don Quijote de la Mancha“, „Esopaida“, „Precipios de Phaetonte“, „Amphitryao“, „Eucantos de Medea“. Sämtliche acht Stücke sind im Teatro Comico Portuguez vollständig abgedruckt. Schon aus den Titeln ersieht man, daß Antonio mit Vorliebe mythologische Stoffe und altklassische Fabeln behandelt hat, aber — und das ist die Hauptsache seine Götter und Göttinnen, seine Griechen und Römer, seine Spanier und Attfranzosen sind durch und durch Portugiesen seiner Zeit, und ich gebe jetzt das Wort unserem deutschen Literarhistoriker: „Alle diese Stoffe sind mit so genialer Originalität behandelt, daß seine Stücke als die volkstümlichsten in portugiesischer Sprache und bis auf die neueste Zeit ohne Rivalen geblieben sind." Das ist ein hohes Lob im Munde eines im Lobe sonst sehr sparsamen Kritikers, der ferner behauptet, daß die Singspiele -Antonios in der Geschichte des portugiesischen Dramas und des Lustspiels überharrpt eine epochemachende Stellung beanspruchen können, eine Stellung, die ihnen freilich erst in neuester Zeit eine unbefangene Kritik und ein besseres Verständnis wieder eingeräumt haben, während die klassische Schule, die alles über einen Leisten schlägt und den Sinn für nationale Originalität verloren hatte, in diesen „nur regel- . lose Ausgeburten, groteske Trivialitäten, oder höchstens ingeniöse Verirrungen lange Zeit hindurch sah." G. K. WSZ: Ssllys Heimkehr. Von Hermann Heijermans jr.h ritet Manu, der am schnellsten zu Fuß war, ging voran und als er mit seinen Packanschritten — er tat ja alles wie ein Packan — die zusammengepreßten Juteballen erreicht O /) Einzig autorisierte deutsche Uebersetzung von R. Ruben- Hamburg. hatte, ließ er sich wieeine platzende Seifenblase ans dem . vordersten nieder, drückte die kleinen Kniee gegen den Bauch und schlang die schwammig dicken Händchen um die hochstehenden Knieklumpen."; „Kommt doch!" 'rief er, das blaurote. Gesicht mit den grellgelben Bartstoppeln den Frauen zugewandt: „Hier seht Ihr über das ganze Wasser, weg, bis weit über das Meer!" „Du kannst gut rufen!" rief seufzend Selien, wobei sie stoßweise Luft schnappte — Allmächtiger, sie konnte kaum noch! — sie mußte Mutter mitschleppen — Mutter machte Schrittchen wie ein Kind von 'nem Jahr—Mutter hing ihr am Körper wie ein Stück Blei — Mutter war unbeschrieen so dick — und dann bei der Hitze, die einem den Atem vor dem Mund schmolz —: „Du hast's bequem... ich fall fast um — ich fchwitz mer'n Unglück . .. ." Außergewöhnlich gereizt griff sie zum so und sovielsten mal nach ihrem Sonntagshut, der um die Hutsedern herum' fockschießend auf dem unruhigen Winde lavierte. Es war fast unmöglich. Am einen Arm die Mutter, mit dem anderen die Sorge um Röcke und Hut. Der Schleier klebte ihr vorm Gesicht — ihr Herz klopfte wie ein Hammer gegen das Fischbein ihres Korsetts. ' „Was ziehfte mich so?" pustete Mutter eben mal salzsackerig stillstehend: „Was hast 'ne Eile vor nix!" Das kurze dicke Frauchen stand da wie ein sterbender Barsch, der mit den Kiemen nach Luft schnappt, schwer atemholend, als ob sie vorm Ofen läge und Holzkohlen anzufachen suchte. Der ungewohnte, zu frühe Spaziergang hatte sie ganz außer sich gebracht und dann noch zu traben wie ein Kutschpferd, wenn man noch 'ne Stunde Zeit hatte, das war ja reinweg, um krank zu werden. „Du kannst Dich doch da ausruhen, da wo Onkel Manu schon sitzt," philosophierte Selien ungeduldig, aufgeregt. „Noch sechs Schritt, dann könnt Ihr ausruh'n!" rief Onkel Manu. „Noch sechs Schritt?" fragte Mutter ungläubig. Sie konnte in der Nähe keinen Hund von 'nem Pferd unterscheiden, so kurzsichtig war sie in den letzten Jahren geworden. „Wie kann man nun so überklug sein," sprach Selien beinah zänkisch. „Wenn wir's Dir doch sagen! Onkel hat schon ein Plätzchen gesunden." „Was braucht Ihr auch so weit zu laufen?" pustete Mutter wieder auf Seliens Arm'gestützt, Pantoffelfuß vor und Pantoffelfuß nach. „Nun? War das nun so schlimm?" sagte Selien indem sie sie auf einen Juteballen niederdückte. „Gott sei Dank! Das ist heut' kein Wetter, um drin herumzulaufen. Das ist ein Wetter zu Haus zu sitzen in der Unterjack', bei 'ner Taff' Kaffee.." Mit ihrem Taschentuchknäuelchem, einem klatschnassen Pfropfen, den sie schon seit 5 Uhr im Gebrauch hatte, rieb sie sich Stirn und Nacken trocken.- Dann tat sie, was Onkel Manu tat, legte ihre Hand über die Augenbrauen, um die Sonne abzuwehren und stierte mit ihren Augen über die grellglitzernde Wasserfläche. „Seht Ihr was?" fragte Mutter, schwer keuchend. „Ja — da, eins, zwei, drei!" — sagte Selien ärgerlich. Mutter konnte aber auch Fragen stellen, unsinnige Fragen bei der Hitze. Als ob man gleich nur. so sah, wenn man da eben so saß. Aber indem sie schnell ihren spitzen Ton bereute — vor Durst und Hitze war man ja ganz außer sich — begann sie gütig zu beschwichtigen : „Das begreisste doch wohl — man