Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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—_ 321 Ludwig Rosenthal ist der von ihm vertretene Zweig des Antiquariats, dessen Mittelpunkt srüher auch in Leipzig und Berlin lag, nach Süddeutschland verlegt worden; München ist durch ihn der Hauptplatz für Inkunabeln, seltene Drucke und Handschriften jeder Art geworden. Möge dem nunmehr 50 Jahre im Buchhandel tätigen Mann, der heute an leitender Stelle eines weltbekannten Hauses steht und mit nie ermüdendem Fleiß, umgeben von einem bibliographischen Handapparat, wie ihn nur große Bibliotheken besitzen, — ein rühmliches Vorbild aller seiner Mitarbeiter — von früh bis abends in voller Rüstigkeit arbeitet, das seltene Glück beschieden sein, auch noch das 50jährige Bestehen des selbst gegründeten Geschäfts in gleicher Frische zu erleben. flntomo Iolö Äs Silos. Ein Sänger und ein Held. I. enn ich nicht irre, so war die 'A. Z. d. I." das einzige Blatt in Deutschland, welches den zweihundertsten Geburtstag des großen Dichters — und zwar durch ein schönes, tiefempfundenes Gedicht von M. Levin — gefeiert hat. Ganz anders in seinem Heimatlande. Denn wenn Spanien ein Jubiläum begeht, so kann Portugal nicht müßig bleiben; wenn Madrid feiert, darf Lissabon nicht zurückstehen. So hat denn auch das Volk der Portugiesen in diesem Jahre sein großes Jubiläum sich zurechtgelegt, und originell, wie es nun einmal ist, so ist auch sein Jubiläum origineller als alle, die in diesem Jubiläumsjahre in Deutschland, Spanien und den umgrenzenden Ländern gefeiert wurden. Es gilt nämlich einem Dichter, der in der Weltliteratur bisher nur geringe Beachtung gefunden hat, obwohl er, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, einen großen Platz darin einnehmen sollte; es gilt einem Dichter, der den Forderungen, die Ludwig Uhland einst gestellt, in einer merkwürdigen Weise entsprochen hat. Er war „ein Sänger und ein Held dazu," der Mann, den sie in Lissabon jüngst mit dem ganzen Pomp feierten, den diese Nation nun einmal nicht lassen kann, ohne die weltgeschichtliche Ironie zu merken, die in dieser Feier eigentlich liegt. Sie nennen ihn den „portugiesischen Plautus", sie vergleichen ihn sogar mit Calderon, diesen armen unglücklichen Antonio Jose da Silva, von dessen Leben und Taten ich hier vem geneigten Leser etwas erzählen möchte. Antonio Jost da Silva stammte aus Rio de Janeiro. Er gehörte einer jener Familien an, die, jüdischer Abstammung, nach der Vertreibung der Juden sich zum christlichen Glauben bekannten und dadurch sich gegen jede Verfolgung für gesichert hielten. Man nannte sie ebristaos novos, das heißt Neuchristen, oder auch nach einem Wort, dessen Provenienz bisher noch nicht aufgeklärt ist, Marannen. Die Bücher der Geschichte wn Spanien und Portugal wissen viel von den Taten und Leiden dieser Männer, die zum Teil zu sehr hohen Stellungen gelangten (ja sogar ein Großinquisitor soll von ihnen abstammen), zum Teil aber trotz ihrer Bekehrung dem furchtbarsten Martyrium preisgegeben wurden. Antonios Vater war in der brasilianischen Hauptstadt ein angesehener Advokat, der auch mehrere poetische Werke verfaßt haben soll. Als der jüngste von drei Söhnen wurde Antonio am 8. Mai 1705 geboren, also zu einer Zeit, wo die Inquisition die Neuchristen mit größerem Eifer als bis dahin und mit aller Strenge verfolgte. Diesem Schicksal verfiel auch die Mutter des Dichters, Loürenya. Sie wurde als eine zu dem jüdischen Glauben - Rückfällige (relapsa) angeklagt und 1713 auf Befehl der Inquisition in deren Kerker nach Lissabon gebracht. Ihre Familie folgte' ihr dorthin und der Gatte setzte auch in der portugiesischen Hauptstadt seine Advokaten-Praxis fort. So kam unser Antonio schon im sechsten Lebensjahre nach Portugal, um es nie wieder zu verlassen. Wie sein Vater, bezog er die Universität in Coimbra, um sich dem Studium des Rechtes zu widmen, und wie dieser trat auch er im Jahre 1726 in ben Advokatenstand. Aber obwohl er das kanonische Recht studiert und die damit verbundene Würde erlangt hatte, blieb auch er nicht frei von der Verfolgung. Am 8. August wurde er vor das Jnquisitionstribunal gebracht und ihm der Prozeß gemacht, daß er des heimlichen Judaismus verdächtig sei. Selbst die Ablegung eines reuigen Bekenntnisses seiner Schuld und die Abschwörung seiner Jrrtümer, die der Inquisitor großmütig angenommen hatte, befreite ihn nicht von den Martern der Tortur, und die Anwendung des Wipp-Galgens (traws äs pole) hatte ihn nach der Mitteilung eines seiner Biographen so übel zugerichtet, daß er längere Zeit nicht einmal seinen Namen unterschreiben konnte. Man wollte nämlich bemerkt haben, daß er während der Tortur „nur den Namen Gottes, nicht aber den der heiligen Jungfrau oder eines Heiligen" angerufen habe. Bei einem am 13. Oktober 1726 abgehaltenen Autodafe wiederholte Antonio „feierlich und öffentlich" seine Abschwörung und erhielt die Freiheit wieder. Er kehrte nun zu seinem früheren Berufe zurück und vermied vorsichtig, wie alle Zeugen zugeben, jeden ferneren Umgang mit Juden oder Neuchristen. Dagegen wußte er sich die Freundschaft und den näheren Umgang mehrerer im Gerüche der Frömmigkeit stehenden Klostergeistlichen zu erwerben. Acht Jahre später verheiratete er sich, und nun schien die Sonne des Glücks ihm ungetrübt zu lächeln. Schon als Student in Coimbra hatte er sich in Poetischen Arbeiten versucht und zur Verheiratung des Kronprinzen eine Sarzuela, eine Art Vaudeville, geschrieben, das großen Beifall and. Später hatte er sich eifrig mit dem Studium großer dramatischer Dichter beschäftigt und nun entdeckte er Plötzlich seinen Beruf als Bühnendichter. Sein erstes Bühnenwerk erschien 1733 und nun folgten rasch aufeinander verschiedene Werke, Singspiele oder Operas genannt, die mit immer steigendem Beifall von 1733 bis 1738 auf dem großen Theater von Bairro Alto zu Lissabon ausgeführt, großes Aussehen erregten, ungemeffenen Beifall fanden und den Dichter mit einem Male so populär machten, daß . er zu den gefeierten Tagesgrößen von Lissabon zählte. Trotzdem durften die Werke nicht mit des Verfassers Namen ausgesührt werden. Warum, weiß man nicht; aber es scheint, daß auch hier die Inquisition ihre Hand im Spiele gehabt hat. Die Singspiele, an denen die schöne Welt von Lissabon so viel Gefallen fand und die bei den Theaterhabituös in Abschriften von Hand zu Hand gingen, erhielten im Druck den Namen „Die Opern des Juden" (operas äo luäsu), unter welchem sie bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts gingen. Ein bekannter Forscher auf dem Gebiete der romanischen Literaturen, Ferdinand Wolf, hat im Jahre 1860 zuerst die Aufmerksamkeit deutscher Kreise auf diesen bedeutenden Portugiesischen Dichter brasilianischer Abstammung gelenkt. Der Haß, der sein armes Volk Jahrtausende hindurch verfolgte, heftete sich auch an den Namen unseres unglücklichen Poeten. Der erste deutsche Historiker der romanischen Poesie sagt von ihm: „Er soll ein Jude gewesen sein, dessen Name, nachdem er bekannt geworden, doch selten ausgesprochen wurde, weil sich das Publikum mit der Antonomasie begnügte, ihn! schlechthin den Juden zu nennen. Auch diese kleine Notiz ver-