Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis von 1200 Mark wurde das spannenlange Bändchen, wie sich der glückliche Finder in einem Brief an seinen Vater ausdrückte, verkauft. Vor der Vernichtung durch Einstampfen rettete dann sein Sammeleifer eine große Anzahl Goethescher Originalausgaben. Nach dreieinhalbjähriger Lehrzeit, die der immer Strebende gut ausgenützt ^hatte, erhielt er von seinem Chef das Lehrzeugnis mitden besten Wünschen für die Zukunft. Nur kurze Zeit arbeitete der junge Gehilfe in der Kuhlmehschen Buchhandlung (H. H. Feddersen) in Liegnitz. Der Trieb zur Selbständigkeit ließ dem auf Verdienst angewiesenen strebsamen Jüngling keine Ruhe, er suchte Betätigung der in der Lehre empfangenen Anregungen im eigenen Geschäft. Daher gründete der noch nicht zwanzigjährige junge Mann nach rühmlicher Ablegung der in der Neuzeit vergeblich wieder, angestrebten Lehrlingsbezw. Gehilfenprüfung und der Prüfung für den selbständigen Betrieb des Buchhandels und Antiquariats Ende des Jahres 1859 unter stiller Teilhaberschaft seines Vaters in Fellheim in recht bescheidenen Verhältnissen ein Antiquariat durch den Ankauf der ersten Bibliothek. Rastlose geschäftliche und private Arbeit und kleine Erfolge spornten den immer weiter Schreitenden, der nie vergaß, sein bibliographisches Wissen und seine typographischen Kenntnisse zu bereichern und praktisch auszunützen, zu neuen Unternehmungen an. Im Jahre 1863 trat er mit dem Gesamtbuchhandel in Verbindung, wurde Mitglied des Börsenvereins und hatte feinen Konimissionär in Leipzig und Stuttgart. Gleichzeitig erschien der erste Antiquariatskatalog, „Katholische Theologie", schon mit einem Anhang „Manuskripte", Marienliteratur, Jesuiten und Haeresie. Er umfaßte die stattliche Anzahl von 3000 Nummern älterer Literatur. Dieser Richtung, vorwiegend nur ältere Literatur im reinen Antiquariat zu vertreiben, ist der früh Entschlossene auch immer treu geblieben. Es folgten beim steten Fortschritt der geschäftlichen Entwicklung ganz naturgemäß Kataloge über protestantische Theologie, Reformationsschriften, alte Jurisprudenz und Medizin, typographische Seltenheiten, Holzschnittwerke, Ornamentik, Werke in schönen Einbänden rc. Für eine weitere Ausdehnung konnte der kleine Ort Fellheim dem jetzt geschäftlich schon vielgewandten Antiquar nicht mehr genügen. Er verlegte daher sein Geschäft, nachdem ihm auf sein Gesuch „in Erwägung, daß der pp. Rosenthal die gesetzlichen Vorbedingungen zur Ansässigmachung resp. Uebersiedlung erfüllt hat, eine sehr gute Befähigung besitzt und nachgewiesenermaßen mit so viel Vermögen (es waren laut Vermögens- und Leumundszeugnisses der Gemeindeverwaltung zu Fellheim 5000 Gulden) versehen ist, daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß derselbe dahier seinen Nahrungsstand wird sichern können, zumal ihm . das Zeugnis großer Geschäftsgewandtheit und Tätigkeit zur Seite steht, und das Antiquariatsgewerbe vorzüglich konunerzieller Natur ist" . . . eine persönliche Antiquariatsbuchhandlungs- Konzession für die Stadt München bewilligt war, im Jahre 1867 nach München. München war der richtig gewählte Ort. Hier konnten sich die Kräfte des jungen Antiquars voll entfalten. Es entwickelte sich bei dem rastlosen Eifer und der Herausgabe bibliographisch anerkannt gut bearbeiteter Kataloge das Geschäft schnell weiter. Geschäftsreisen im engen Vaterlande, in Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Italien, England erweiterten den Gesichtskreis immer mehr, führten zur Auffindung und Erwerbung seltener typographischer Erzeugnisse und Handschriften, schufen neue Verbindungen und Absatzgebiete, brachten den immer Lernbegierigen mit Gelehrten und Bibliophilen zusammen, die wiederum den regen Eifer, das vielseitige bibliographische Wissen und das schnelle Erfassen und Erfüllen ihrer Wünsche von seiten des jungen Geschäftsmanns zu. schätzen wußten.. \ Im Jahre 1874 nahm Ludwig Rosenthal seine Brüder Jacques und Nathan, die bei ihm das Antiquariats-Geschäft erlernt hatten, zu Teilhabern auf; er selbst blieb aber nach wie vor die Seele des Geschäfts. Große Ankäufe von hervorragenden Bibliotheken, der Bibliothek des Benediktinerklosters St. Veit bei Neumarkt a. Rott, der Stadtbibliothek Leutkirch in Württemberg, der Bibliothek der Familie Hoermann von Gutenberg (mit Kupferstichsammlung), der Bibliothek des Jesuitenkollegiums Landsberg, der Bibliothek des Freiherrn Karl Maria von Aretin, Direktors des Königlichen Bayrischen National-Museums in München, eines Teils der Bibliothek des Karthäuserklosters Buxheim bei Memmingen, der Bibliothek des Rittergutes Lobris in Schlesien brachten mit der Zeit eine Ausdehnung des Geschäfts, daß das Bücherlager der Firma Ludwig Rosenthabs Antiquariat in München an Inkunabeln, seltenen Drucken, Handschriften, Einzelblättern das größte Deutschlands geworden ist und einen Weltruf erworben hat. Ja, die Größe des Geschäfts ließ es wünschenswert erscheinen, eine Teilung zu schaffen, und so gingen die Brüder, die über 20 Jahre an dem großen Bau gemeinsam gearbeitet hatten, im Jahre 1895 auseinander und führten, jeder für sich unter eigener Firma, ein Antiquariat weiter. Ludwig Rosenthal behielt, seinem Hauptanteil am Geschäft entsprechend, die alte Firma und führte sie mit alter Kraft in den für richtig erkannten Bahnen weiter, bis er in diesem Jahre, 1905, 50 Jahre nach Eintritt in den Buchhandel, seine drei Söhne Adolf, Norbert und Heinrich zu seinen Teilhabern ernannte. Was die Wissenschaft dem Rosenthalschen Antiquariat verdankt, ist oft in Berichten und Besprechungen anerkannt worden. Die gut bearbeiteten Kataloge der Firma werden wegen ihrer bibliographischen Genauigkeit als Nachschlagewerke benutzt und öfter in Spezialbibliographien zitiert. Bei der Auffindung der verschollenen Globuskarte mit dem Schiffskurs der Magelhaensschen Weltumsegelung in den Jahren 1519 bis 1522 des Johannes Schöner von 1623, durch Professor Dr. Fr. R. von Wieser kritisch gewürdigt, und bei der Auffindung des „Missale speciale“, in dem Hupp, Misset und Stein einen Versuchsdruck Gutenbergs und einen Vorläufer des Psalteriums von 1457 erkannten, durfte Ludwig Rosenthal' der Wissenschaft die oft bewährten Handlangerdienste tun. Er selbst hat im Repertorium für Kunstwissenschaft, Band V, Seite 379—405, eine bibliographische Studie über Hans Behaims alttestamentliche Holzschnitte und deren Verwendung zur Bücherillustration 1529 bis 1612 geschrieben, auch sonst manches von bibliographischem Interesse in Fachblättern mitgeteilt. Wohl die meisten Bibliotheken und Museen beziehen ihre Cimelien direkt oder indirekt vom Hause Ludwig Rosenthal. Ein Hauptgeschäft macht die Firma nach Amerika, ganz erklärlich, weil die dortigen jungen Bibliotheken und Museen typographischer Seltenheiten noch sehr ermangeln. Eine Biographie Ludwig Rosenthals ist daher auch in Amerika zuerst in „Ibe Curio vol. I 1888" erschienen. — Der in völliger Mittellosigkeit früh auf eignen Verdienst Angewiesene hat, streng gegen sich selbst, in harter Arbeit nicht nur tagsüber, sondern auch in manchen Nachtstunden sich bemüht, die Lücken seines Wissens auszufüllen und sein Geschäft auf jene Höhe zu bringen, auf der es nach mühevollen Jahren jetzt steht. Ludwig Rosenthal ist somit der Begründer des blühenden Antiquariatsbuchhandels in München geworden, denn außer den direkt aus seinem Geschäft hervorgegangenen Firmen Jacques und Nathan Rosenthal sind die Inhaber mehrerer angesehener Firmen Münchens seine Schüler gewesen. Durch