Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 319der Fürst von Schwarzburg-SondershausenHöchstdero mosaischen Untertanen das Abonnement auf diese Zeitung allergnädigst empfahl. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, auf die bedauerlichen Lücken im deutschen Zeitungswesen aufmerksamzu machen. Man vergleiche die dürftigen Notizen über Ferdinand Jacobson mit den ausführlichen biographischen und genealogischen Artikeln der englischen Blätter über den Tod Frederic David Mocattas. Material, das nicht zur Zeit des Todes gesammelt wird, ist später gar nicht zu erhalten. Sehr oft haben derartige Mängel sich in der Redaktion der Encyclopedia fühlbar gemacht. Ich erinnere mich eines typischen Falles. Der Name Baron Moritz von Königswarters war vergessen worden. Ich bemerkte im letzten Augenblick diese Lücke und sagte mir, daß ein Mann, der Mitglied des Herrenhauses gewesen war, der in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde eine hervorragende Nolle gespielt hatte, in der Enzyklopädie nicht fehlen dürfe. Glücklicherweise konnte ich ohne viele Schwierigkeit das Datum seines Todes feststellen, aber die jüdischen Blätter jener Zeit, die österreichischen mit eingeschlosfen, enthielten nur Nekrologe ganz allgemeiner Art, aus denen nicht einmal die primitivsten biographischen Notizen, als das Datum feiner Geburt, seiner Ernennung zum Mitgliede des Herrenhauses oder die Ehrenämter, die er im öffentlichen Leben bekleidet hatte, geschöpft werden konnten. Durch derartige Unterlassungen begeben sich die Zeitungen des wichtigsten Vorrechts der periodischen Presse, eine Quelle der Zeitgeschichte zu werden. Mit den Zeitungen allein ist es jedoch noch lange nicht getan. Zur systematischen Ordnung der Geschichtsquellen gehört die Durchsicht der gesamten jüdischen Literatur. Von meiner eigenen Erfahrung ausgehend, will ich als Beispiel anführen,' daß ich bei dem Artikel über Psandverleiher die sehr wertvollen Notizen in Ciscatis Geschichte der Juden in Padua benutzen konnte, obwohl der Titel des Buches, wenn ich es nicht vorher. gelesen hätte, mich nie darauf geführt hätte, daß gerade in diesem Werke sich Material für meine Zwecke finden würde. In demselben Artikel wurde ich aus ganz natürlichem Wege durch den Schulchan Aruch auf ein Responsum des Rabbi Meir von Rothenburg geführt, in welchem ein Fall erzählt wird, der für die jüdische Apologetik großen Wert hat. Ein christlicher! Goldschmied hat bei einem Juden einen Schmuck verpfändet. Da kommt ein anderer Jude zu dem Goldschmied und bringt ihn: ein wertvolleres Pfand zur Reparatur. Der Goldschmied nimmt diesen Schmuck, trägt ihn zu seinem Gläubiger, löst damit sein ursprüngliches Pfand aus und macht sich aus dem Staube. Dieser Fall wie ein anderer, den Glücket von Hameln in ihren Memorien erzählt, wo zwei Schuldner ihres Vaters ein Komplott planen, um. sich eines verpfändeten Schmuckes durch List zu bemächtigen, zeigt, daß der Jude in dem einzigen Erwerbsbetriebe, der ihm gelassen wurde, oft genug der Betrogene war. Einen solchen Fall, wie den von Meir von Rothenburg erzählten, kann man mit Hilfe des Schulchan Aruch finden, nicht aber zwei Fülle von Morden, an Hausierern begangen, die Mendel Krochmal in seinen Gutachten erzählt, und die ich in meinem Artikel über Hausierer (Hawkers) verwendet habe, um zu beweisen, mit welchen Gefahren dieses Gewerbe im 17. Jahrhundert verbunden war. Ebensowenig wäre ich mit Hilfe von Lamp'rontis Lexikon darauf gekommenen meinem Artikel „Chebra Kaddischa" einen interessanten Gebrauch über die Inauguration der neugewählten Vorstandsmitglieder anzuführen, den Chajim Palaggi, der fruchtbare rabbinische Autor von Smyrna, in seinen Gutachten anführt. Genug der Beispiele! Wir brauchen — das wird jedermann zugeben — eine systematische Indizierung der jüdischen Literatur. Kein Einzelner kann sie mit irgend einer Aussicht auf Erfolg unternehmen. Hingegen wäre sie eines Vereins wie der „Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums" im höchsten Maße würdig. Was bisher geschehen ist, hat sich nicht über das Maß dessen erhoben, was auch durch individuelle Kräfte hätte geschehen können, so lobenswert es auch fein mag. Eine Vorarbeit zu dem Index ist eine jüdische Bibliographie, die nicht nur nach Autoren und Büchertitelu, sondern auch nach Schlagwörtern geordnet sein müßte. Vorarbeiten sind ja reichlich vorhanden. Steinschneiders, Zedners, Roests Kataloge; Einzelarbeiten über die Geschichte gewisser Druckereien, und endlich buchhändlerische Kataloge müßten nur systematisch geordnet werden. Die verschiedenen Rabbinerseminare und die Verwaltungen jüdischer Bibliotheken würden sicherlich dazu ihre Hand bieten, wie sie wohl auch im Anschluß an solche Vereine, wie Alliance Jsraelite, Anglo-Jewish Association, Israelitische Allianz, Deutsch-israelitischer Gemeindebund, Oefterreichischisraelitische Union, Societe des Etudes Juives, Jewish Historical Society in England und Amerika und mit Hilfe der Zeitungsredaktionen ans Werk gehen könnten, um zunächst einen Index zur jüdischen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts zu schaffen. Tantum incepta opus est, cetera res expediet. »ÄM Lin deutscher Buchhändler. Unter den Begründern der großen Buchhandlungen Deutschlands in alter und neuer Zeit finden sich viele Männer, die es nur durch eisernen Fleiß und ihre nie ermüdende Umsicht, verbunden mit natürlicher Begabung für den erwählten Beruf, zu einem Weltruf gebracht haben. Zu diesen „Männern eigner Kraft" dürfen wir mit vollem Recht auch den Antiquar Ludwig Rosenthal, den Gründer der Firma Ludwig Rosenthals Antiquariat in München rechnen, der in diesem Monat auf eine fünfzigjährige Tätigkeit im Buchhandel zurückblicken kann. Das „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" widmet dem vortrefflichen Manne, der auch ein guter Jude ist, in Nr. 119 aus der Feder Paul Bürgers einen sehr interessanten Aufsatz, dem wir die nachfolgenden Mitteilungen entnehmen : Ludwig Rosenthal ist an: 2. Juli 1840 in Fellheim, einem kleinen Flecken an der Iller im Königreich Bayern, geboren. Die geringen Mittel des Vaters erlaubten es nicht, den begabten Knaben eine höhere Schule besuchen zu lassen. Doch wußte es der Vater zu ermöglichen, daß der dreizehnjährige Volksschüler wöchentlich dreimal mit vierstündiger Wanderung im zwei Wegstunden entfernten Buxheim Privatunterricht in der englischen Sprache genießen konnte. So nur mangelhaft für den Buchhandel vorgebildet, trat er im Mai 1855 bei I. Heß in Ellwangen in die Lehre. Unter der Leitung dieses anerkannt tüchtigen Buchhändlers und Antiquars machte er, immer bestrebt, die Lücken seiner Vorbildung durch Privatstunden bei einem Gymnasiallehrer in der englischen, französischen und lateinischen Sprache und in eigner Fortbildung durch Lesen bis spät in die Nacht hinein auszufüllen, eine gute Schule durch. Das erste Buch, das der Lehrling auszeichnete, war Scheffels Ekkehard, 1855 erschienen. Schon in der Lehre machte sich sein Sammeleifer und sein Suchen nach seltnen, wertvollen Büchern bemerkbar und wies ihm den Weg, den er in der Folge gehen sollte. In einem Ankauf des Sohnes seines Ehefs entdeckte er einen Neiberdruck, die „Mirabilia urbis Romae“, wovon in diesem Jahre ein Faksimile-Neudruck erschienen ist. Für den nach heutigen Verhältnissen spottbilligen