Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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317 stellen in Indien fast ausschließlich an Engländer vergeben wurden und die Juden sehr geringe Chancen zur Beförderung haben, bewirkt, daß die Bern Israel nach und nach die Militärkarriere gänzlich aufgegeben haben und zum Handwerk und Handel übergegangen sind. Obwohl sie sich im Laufe der Jahrhunderte den Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen völlig angepaßt haben, halten sie sich von diesen streng abgesondert. Der Grund für diese Erscheinung ist nebst ihrer Religion auch die Tatsache, daß sie'stark die Schulen frequentieren und der überwiegenden einheimischen Bevölkerung geistig sehr überlegen sind. Außer diesen alt eingesessenen Juden, welche mehr oder weniger heidnisches Blut in ihren Adern haben, leben noch in Bombay 500 Familien rein jüdischen Ursprungs. Dieselben treiben meist Handel und zählen viele reiche Leute in ihrer Mitte. Sie sind fast alle sephardischen Ursprungs und meist über Bagdad in Indien eingewandert. Der Korrespondent weiß auch einiges über die Afghanen mitzuteilen, die von vielen für jüdische Abkömmlinge angesehen werden. Sie selber wollen Nachkommen der zehn Stämme sein und nennen sich mit Stolz Iehudim. Bekanntlich behauptet die afghanische Aristokratie von einem Enkel des Königs Saul, namens Afghan abzustammen. Englische Offiziere, darunter auch Männer wie Sir C. H. Rose und Sir Alexander Burnes, welche jahrelang in Afghanistan gelebt haben, halten an dem jüdischen Ursprung der Afghaner fest. Der Korrespondent teilt endlich mit, daß der von den Shanghaier Juden gemachte Versuch zur Rettung der Ueberreste der chinesischen Juden, völlig gescheitert ist. Die drei von Kaifungfe nach Shanghai gebrachten jüdischen Familien haben sich trotz aller Bemühungen in Shanghai nicht akklimatisieren können und mußten, nachdem auf ihre Erziehung viel Geduld und große Summen verschwendet wurden, in ihre Heimat zurückgeschickt werden." Erinnerungen an Minister LUltstter. Von S. Rothschild-Worms. ie Ernennung Moritz Ellstätters zum badischen Finanzminister fällt in die Zeit, in welcher ich in Karlsruhe das evangelische Lehrerseminar besuchte. Seminardirektor Stern, ein Schüler Pestalozzis, war in seinem 80. Lebensjahre in den Ruhestand getreten und an seine Stelle 1866 der seit zwei Jahren ebenfalls pensionierte Geh. Hofrat Lentz berufen worden. Für die jüdischen Seminaristen bedeutete der Direktionswechsel den Beginn einer neuen Aera, denn Direktor Stern hatte, wie ein älterer Lehrer damals öfters erzählte, nicht selten sich bemüht, jüdische Seminaristen, besonders wenn sie in Geldverlegenheiten waren, dem Judentum zu entfremden und dem Christentum zuzusühren. Sein Nachfolger Lentz dachte über diesen Punkt ganz anders, und wenn jetzt im allgemeinen ein freierer Geist einzog, so empfanden die jüdischen Seminaristen besonders angenehm, daß ihr Direktor einen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Seminaristen nicht kannte. Diesem wohltuenden Umstand hatte ich es zu verdanken, daß Hofrat Lentz mich als Privatlehrer einer christlichen Familie empfahl, die zu den ersten Familien Karlsruhes zählte. Ein früherer Minister, hohe Offiziere, bedeutende Professoren waren die nächsten Verwandten dieser Familie, die aus Mutter und einem Söhnchen bestand, das ich zu unterrichten hatte. Einschalten möchte ich hier noch, daß dieser frühere Schüler, der heute in hoher Staatsstellung sich efindet, die Beziehungen zu dem früheren Seminaristen immer ur och aufrecht erhält. In damaliger Zeit war Karl Mathy Staatsminister, mußte zur Zeit des politischen Druckes Deutschland veraffen, wirkte als Volksschullehrer in der Schweiz, war dann ine zeitlang Buchhändler, in welcher Eigenschaft er Berthold 'Auerbach den Weg zur Herausgabe seiner „Schwarzwälder Dorfgeschichten" ebnete und trat später in die Diskontobank ein, wo er,' wenn ich nicht irre, Ellstätter, der ebenfalls dort beschäftigt war, kennen lernte. Seinem Einflüsse war es jedenfalls zuzuschreiben, daß dieser, an die Spitze des Finanzministeriums gestellt, sehr bald veranlaßte, daß Ellstätter als Ministerialrat in sein Ministerium berufen wurde. Man war über diese Berufung in jüdischen Kreisen sehr erfreut, denn die Anstellung von Juden in damaliger Zeit war selten und die Berufung an eine hervorragende Stellung schien fast unmöglich. Im Jahre 1868 erkrankte Mathy sehr gefährlich; sein Ende stand bevor. Als ich eines Tages meinem Schüler Unterricht erteilte, sagte mir die Mutter: Heute weiß ich Ihnen eine sehr wichtige Mitteilung zU machen, die gewiß großes Interesse für sie hat, aber Sie müssen diese Mitteilung für sich behalten. Ein Glaubensgenosse von Ihnen wird Minister werden. Meinem Schwager ist das Portefeuille angeboten worden, aber er ist sehr augenleidend und hat es deshalb ab gelehnt. Mathy hat auf dem Todesbette Ellstätter warm empfohlen, aber man soll ob seiner Konfession Bedenken tragen. Der Großherzog und Prinz Wilhelm (der Bruder des Großherzogs) bestehen aber darauf, und so wird Ellstätter Minister werden. Daß der Großherzog an der Konfession Ellstätters keinen Anstoß nahm, hatte man erst kurz vorher erfahren. Der spätere Generaldirektor Levi aus Gießen war zum Kapellmeister ernannt worden. Man hatte damals in Karlsruher Kreisen davon gesprochen, daß, als die Ernennung Levis offiziell bekannt wurde, Kapellmeister K. den Großherzog darauf aufmerksam machte, daß Levi Jude sei, der Großherzog habe aber geantwortet: „Ich habe nicht den Juden, sondern den tüchtigen Musiker angestellt." Ich weiß nicht mehr, wie viele Wochen vergangen waren, seitdem die Mutter meines Schülers mir jene vertraulichen Mitteilungen gernacht hatte. Im Seminar fand eine „Orgelstunde" statt. Die Seminaristen, welche in dieser Stunde nicht an die Reihe kamen, durften sich mit anderen Arbeiten beschäftigen. Da kommt der Musiklehrer, ein sehr braver, aber sehr pietistisch gesinnter Herr auf mich zu mit der Frage: „Kennen Sie Ellstätter?" „Nein." Haben Sie ihn schon gesehen?" „Einmal hat ein mir fremder Herr das Seelengebet für verstorbene Eltern (Maskir) neben mir verrichtet. Man hat mir später gesagt, daß dies Ministerialrat Ellstätter gewesen sei." „Geht er öfters zur Synagoge?" „Das weiß ich nicht, weil ich Sonntags zur Zeit des Gottesdienstes im Seminar und an den Feiertagen nicht hier bin." „Ist er im Ministerium des Innern oder im Finanzministerium?" „Auch das weiß ich nicht." „Wissen Sie, warum ich Sie frage? Man spricht in der Stadt viel davon, daß Ellstätter Finanzminister werden soll." Es dauerte nicht lange und die „Karlsruher Zeitung" brachte die offizielle Ernennung Ellstätters zum Präsidenten des Finanzministeriums. Manche Kreise haben sich ob dieses Fortschrittes gefreut, aber in vielen anderen herrschte tiefe Verstimmung, die in manchem „offenen Brief," wie ich mich noch dunkel erinnere, zum Ausdrucke kam, am deutlichsten in einer zu Offenburg tagenden Versammlung der nationalliberalen Partei, die damals wirklich liberal war und gar manches offene Wort an die Regierung richtete, besonders wegen der damaligen Kaltstellung des liberalen Ministerialrats Kiefer. Man hat natürlich in jener Versammlung die Konfession Ellstätters nicht berührt, wohl aber den Umstand, warum man den Finanzminister nicht aus der Reihe der Kameralisten, wie dies sonst zu geschehen pflegt, genommen, sondern aus dem Kreise der Juristen. Ob bei manchen Teilnehmern jener Versammlung hieß brr Hauptgrund der