Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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in den Hauptgerichtshöfen sind je ein englischer-und je ein türkischer und ein christlicher Richter; die Städte, Dörfer und Ansiedlungen haben weitgehende Selbstverwaltung, die schon der kleinsten jüdischen Kolonie zugute kommen würde. Regierungs-Chikanen, Steuermißwirtschaft und Bakschisch find völlig unbekannt. Die Rechts- und Sicherheitsverhältnisse sind vorzüglich geregelt, Landkauf ist absolut sicher, Straßen und Verkehr, Post- und Telegraphendienst sind musterhaft geordnet. Außer zahlreichen unregelmäßigen Schiffsverbindungen gibt es einen wöchentlichen Dampfer von Port-Said, der die europäische Post bringt und alle 14 Tage einen von Beirut. Die Post von Chpern braucht von London oder von Berlin 5^z Tage. Die Ueberfahrt von Port-Said dauert 24 und von Beirut 9 Stunden. Wenn die anatolische Bahn mit der schon existierenden Linie Adana-Mersina verbunden sein wird (es fehlen noch 200 km dazu), wird die Berliner Post 3 Tage zu Lande und etwa 9 Stunden zu Wasser brauchen. Dieser Dienst dürfte zwei- bis -dreimal wöchentlich stattfinden. — Die sanitären Verhältnisse sind die besten im ganzen Orient. Das Klima ist schon an sich gut und Krankheiten seltener als in Deutschland. Die Bevölkerung ist die friedlichste im ganzen Orient. Militär war selbst zur J Türkenzeit nicht nötig (Gegensatz zu Kreta!). Die Polizeitruppe hat nur für Ordnung zu sorgen. Die Häuser sind bei Tag und Nacht unverschlossen. Störungen, die aus einer Beunruhigung der eingesessenen Bevölkerung gegenüber wachsender jüdischer Einwanderung entstehen können, wären durch eine gewisse Strategie der Kolonisation zu vermeiden. Die Fruchtbarkeit des Landes ist groß, wie die höhere Bevölkerungszahl genügend beweist. Nur durch einen verwüstenden Krieg, durch Fortführung der Bewohner und durch jahrhundertelange Mißwirtschaft konnte das Land herunterkommen. Immerhin exportiert Cypern große Mengen von Lebensmitteln— die Lebenshaltung ist also im Lande billig. Hauptexportartikel sind Johannisbrot, Wein, Weizen, Gerste, Seide rc. — Importiert werden Baumwolle und Wollwaren, Bauholz und Eisen, Zucker, Tabak, Olivenöl rc. — Land ist billig. Fertige Landgüter mit Häusern, Gärten, Bäumen rc. kauft man für durchschnittlich 100 Mark per Hektar. Auch von der Regierung ist vorzügliches Land billig zu kaufen. Die Uebersiedlungskosten sind gering. Von den russischen und rumänischen Häfen der Schwarzen Meeres kostet die Ueberfahrt einer Familie von vier bis fünf Köpfen ca. 120 Mark. (Nach Amerika das Zehnfache!) Bei größerer Auswanderung, die darum noch lange nicht an die amerikanische heranzureichen braucht, läßt sich dieser Preis noch wesentlich verbilligen. Die Ansiedlungskosten können bei intensiver Landwirtschaft (ca. 2 Hektar per Familie — in Deutschland ist der durchschnittliche bäuerliche Besitz, abgesehen vom Großgrundbesitz, N/2 Hektar!) inklusive Land, Haus rc. auf 2000 Mark per Familie geschätzt werden und stellen sich wesentlich billiger, wenn eine Gesellschaft Land und Baulichkeiten gegen Pacht oder Abzahlung stellt. Ein arbeitsloses, bequem ausreichendes Einkommen (für ältere oder zur Landarbeit nicht geeignete Einwanderer) läßt sich innerhalb ca. fünf Jahren auf landwirtschaftlicher Basis (Baumzucht rc.) mittelst eines Kapitals von ca. 3000 Mark erzielen — ebenfalls inklusive Land und Haus. — Die Lebenshaltung ist sehr billig, Brot kostet 6 Pfennige per Pfund, Fleisch 20 bis 40 Pfg., Eier 2 Pfg. per Stück, Milch von 5 Pfg. an, guter Landwein 10 Pfg. per Liter. Dieses sind hauptstädtische Marktpreise. — Die Hausmiete beträgt in der Stadt für ein Haus mit vier bis fünf Zimmern, Garten rc. 8—20 Mark per Monat. Dienstboten bekommt man für „freie Station" (Wohnung, Kleidung und Essen). Kleidung undLSchuhwerk, selbst europäischer Machart, sind gut und billig zu haben. Landwirtschaftliche Industrien im Anschluß an die Landwirtschaft/bieten große Chancen — auch vielfach für Betätigung der Frauen und älteren Kinder. Auch gibt es eine ganze Anzahl Hausindustrien, durch die wesentlicher Nebenverdienst innerhalb der landwirtschaftlichen Kolonien erzielt werden kann. Eigentliche industrielle Unternehmungen würden gleichfalls einer großen Anzahl von Einwanderern Beschäftigung gewähren, und die Heranziehung der reinen Industrie ist für die jüdische Kolonisation von ganz besonderer Bedeutung deshalb, weil die große Mehrzahl unserer Emigranten von vornherein sich weit besser für industrielle als für landwirtschaftliche Beschäftigung eignet. ' Industrielle Kolonisation ermöglicht auch auf. Grund ganz . geschäftsmäßiger Unternehmungen die Einwanderung völlig mittelloser, wenn nur erwerbsfähiger Elemente in großer Zahl. — Die Regierung unterstützt Landwirtschaft und Industrie in ausgiebigster Weife. Was das spezielle Vorgehen änbelangt, so würde es sich empfehlen, nicht 'überall im Lande Kolonien anzulegen, sondern von einem Distrikt auszugehen, da auf diese Weise eine ungestörte schrittweise Entwicklung am besten gewährleistet wird. Von den sechs Distrikten der Insel ist der geeignetste der von Famagusta. Er ist der größte, der fruchtbarste und gleichzeitig derjenige mit der dünnsten Bevölkerung und mit dem größten Prozentsatz von Türken. Die Rückständigkeit der eingesessenen Bevölkerung ist die Hauptursache, weswegen das Land nicht vorwärts kommt, und die Engländer auf Cypern würden nichts sehnlicher wünschen, als daß. durch eine kräftige Einwanderung intelligenter Elemente ein Aufschwung des Landes herbeigeführt würde. Ueber die .Geneigtheit der englischen Regierung — sowohl der in London als der cypri sichen — eine jüdische Einwanderung zu begünstigen, liegen hinreichend Aeußerungen vor. Was bisher fehlte, war das Interesse der Juden an der Sache. Es ist wiederholt von jüdischer Kolonisation die Rede gewesen, und es sind auch schon einzelne Versuche gemacht worden. Aber wie in jüdischer Kolonisation überhaupt, geschah es nie aus Grund eines wohl durchdachten Planes, nicht mit den rechten Kolonisten und nicht mit den rechten Mitteln. Auch die „Jca" hat eine Kolonie in Cypern. Uebrigens kauft die Jca neuerdings weitere Ländereien in Cypern. Auch die jüdische Orient-Kolonisationsgesellschaft hat dort bereits eine kleine Kolonie angelegt. * Den Tod des Staatssekretärs John Hah werden die amerikanischen Juden lebhaft beklagen. Mit ihm ist einer der verdienstvollsten Staatsmänner der nordamerikanischen Union dahingegangen. Sein Einfluß auf die Schicksale Amerikas lag weniger in der Richtung einer kräftigen Initiative als in einer klugen, dem Weltfrieden sehr förderlichen, retardierenden Mäßigung. Die Wohlfahrt seines Landes und aller Bürger desselben, war die einzige Richtschnur und der einzige Zweck seines Handelns. Und darum trat er auch mit solcher Entschiedenheit für die Juden ein. Alle erinnern sich, welch kräftige Sprache er anläßlich der Kischinewer Greuel im Namen der amerikanischen Juden gegen Rußland führte. Auch in der Paßangelegenheit ging er planvoll und zielbewußt vor. Und es bereitete ihm sicher noch in den letzten Lebenstagen eine Genugtuung, daß diese Frage in dem von ihm gewünschten Sinne nunmehr gelöst zu werden scheint. * Ueber die Juden in Bombay teilt ein Korrespondent der Londoner „Jewish Chronicle" nachstehende, noch sehr wenig bekannte Einzelheiten mit: „Demnach gibt es in Bombay drei Arten von Juden, welche durch Ursprung, Aussehen, Sitten und Gewohnheiten sich streng voneinander unterscheiden. Am interessantesten sind die schwarzen Beni Israel, die zurzeit in einer Anzahl von einigen hundert Familien in Cochin wohnen und von denen 25 gegenwärtig als Köche in Bombay beschäftigt sind. Die zweite Kategorie von Juden bilden die weißen Beni Israel, die fast sämtlich in Bombay wohnen, wo sie eigene Synagogen besitzen. Ihre Vorfahren waren schiffbrüchige Juden, welche .nach ihrer Landung sich einheimische Frauen nahmen. Ursprünglich widmeten sie sich in so großer Anzahl dem Militärdienst, daß sie ehemals bei der Ostindischen Kompagnie eigene Regimenter bildeten und in den früheren Kriegen mit den Eingeborenen eim hervorragende Rolle spielten. Nach erfolgter Verstaatlichung der Gesellschaft und der hiermit verbundenen Reorganisation der Militär- und Zivilverwaltungen in Indien wurden diese Regimenter ausgelöst und die einzelnen jüdischen Soldaten über die ganze Armee verteilt. Dieses hat im Verein mit der Tatsache, daß die Offiziers,