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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-07 · Heft 27 (7.7.1905) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 27 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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- 31 Unterscheidungen nicht zuläßt. Der Justizminister verletzt durch seine Berwaltungspraxis ganz offenbar diesen Grundsatz, indem er mit Rücksicht auf vorhandene antisemitische Tendenzen in der Bevölkerung gewisse Beamte von gewissen Stellen nur deswegen ausschließt, weil sie Juden sind. Diese Verletzung wird dadurch noch offenkundiger, daß der Hinderungsgrund für die Beförderung in manchen Fällen schon dadurch, gehoben werden kann, daß sich der betreffende Beamte zu einer Charakterlosigkeit, nämlich zu einer Taufe entschließt, die nicht in religiösen, sondern in Avancementsbedürfnissen ihre Ursache hat.. . „Diese Verwaltungspraxis verzeihlich zu finden, halteich für recht bedenklich, und für um so bedenklicher, wenn die Entschuldigung für diese Verletzung staatsbürgerlicher Rechtsgleichheit aus den Kreisen der Juden selbst kommt. Es ist ja auch offenbar, wie diese Praxis der preußischen Justizverwaltung antisemitisch ansteckend auf alle anderen Teile unseres Beamtenorganismus gewirkt hat. Wenn schon der Justizminister, so folgert man, auf die antisemitischen Tendenzen in gewissen Teilen der Bevölkerung sich gezwungen sieht, Rücksicht zu nehmen, so erscheinen die Regierungen, die keinen jüdischen Assessor annehmen, die Universitätsverwaltung, die keinen Juden zum ordentlichen Professor macht, die Militärverwaltung, die keinen Juden auch nur Reserveoffizier werden läßt, vollauf gerechtfertigt. Die Chefs der betreffenden Verwaltungen werden sich allesamt ebenso wie Herr Schönstedt dagegen verwahren, daß sie Antisemiten seien. Sie sind nur wohlwollend, und aus purem Wohlwollen sorgen sie dafür, daß ein Jude nicht durch Eintritt in eine mit gesellschaftlichen Vorurteilen umkleidete Stellung sozialen Unannehmlichkeiten ausgesetzt wird. Die Militärverwaltung tut sogar noch ein übriges, indem sie standhaft die Fiktion aufrecht erhält, es fehle den Juden an den erforderlichen Offiziersqualitäten und das Offizierkorps sei eine so unabhängige. Körperschaft, daß man die in ihm nun einmal vorhandene unausrottbare Meinung, die Juden seien für Offiziersstellungen nicht qualifiziert, gelten lassen müsse. Selbst die sonderbare Erscheinung, daß durch rechtzeitige Taufe bei einem Offiziersaspiranten Offiziersqualitäten hervorgerufen werden können, und die nicht minder eigentümliche Erscheinung, daß sich in anderen Armeen zahlreiche Juden als gute Offiziere erwiesen haben, vermag die antisemitische Handhabung des Offizierswahlrechts in der preußischen Armee nicht zu erschüttern. Darf man sich wundern, daß so aus allen Gebieten unseres Staatslebens der verfassungsrechtliche Grundsatz staatsbürgerlicher Rechtsgleichheit immer offener verletzt wird, wenn nicht, einmal der Justizminister es wagt, ihn unzweideutig zur Anerkennung zu bringen?" Jeder objektiv Urteilende wird sicher den Barthschen Ausführungen durchweg zustimmen und mit ihm der Meinung sein, daß in dieser Frage ein resigniertes Zuwarten nicht am Platze ist.. Wenn es die Erfüllung verfassungsmäßiger Rechte gilt, so ist nicht Warten und Bitten am Platze, sondern man hat nachdrücklich zu fordern, daß dem Gesetz Genüge geschehe. $ Die russische Judensrage ist noch keinen Schritt weiter gekommen. Die Machthaber in Petersburg haben ihre Lösung von neuem auf die lange Bank geschoben. Nur unverbesserliche Optimisten können behaupten, die Judensrage sei durch die Resolution des Ministerkomitees in Gang gebracht worden. ■nu§ der Resolution der Minister geht für den mit den gegenwärtigen Regierungsverhältnissen Vertrauten nur das eine l.ervor, daß es den reaktionären Elementen gelungen ist, die Frage noch einmal in den Sack einer Kommission „hinein- ^aretten". Indem die Regierung, die seit 200 Jahren Gesetz an Gesetz gefügt hat, um die Juden zu vertilgen, heute.behauptet, die Judenfrage sei für sie nicht, genug, geklärt, stellt l'-' sich dasselbe Zeugnis der Leichtfertigkeit aus, das sich kürzlich oa: Finanzminister durch seinen Vertreter ausfertigen ließ, als er zugab, daß die Statistiken des Finanzministeriums nur vüt größter Vorsicht zu benutzen seien.- Aus diesem Grunde 8anz allein ist die Resolution, die natürlich telegraphisch der •»'ÄV-vsUb,.*' »rfA »—■ , Vv. , « »•—.y»,,,* , staunenden Welt mitgeteilt worden ist, von Interesse. Was bis heute in der Judenfrage getan wurde, geschah unter dem Druckder ausländischen Kreditgeber. Immer ist es der 'Finanzminister, der den Reaktionären in die Zügel zu fallen sucht, und immer unter Hinweis aus Rothschild und Genossen. Die letzte Veröffentlichung der Negierung ist lediglich als ein neuer Versuch aufzufassen, dem Auslande Sand in die Augen zu streuen. Die Opposition gegen den Bulyginschen Plan nimmtauch im Schoße des Ministerkomitees derart zu, daß man jetzt schon mit gewisser Bestimmtheit Voraussagenkann, den Juden werde weder das passive, noch das aktive Wahlrecht zu der kommenden Gossudarstwenja Duma' vorenthalten werden. Leider hat man in Rußland trotz der furchtbaren Schläge der letzten Jahre noch immer nicht gelernt, daß halbe Maßregeln den Gegner nur reizen, ohne ihn zu schwächen.. Da es unmöglich scheint, den Juden für nichts und wieder nichts brutal die Teilnahme an . der Gossudarstwenja Duma zu verweigern, will man für sie wenigstens einen höheren Census einführen. Nur die wohlhabenden und hochbesteuerten Juden sollen das Wahlrecht erhalten, während die armen und elenden unter den Maigesetzen schwer keuchenden Massen, nach wie vor rechtliche Parias bleiben sollen. Hoffentlich wird auch diese halbe Maßregel das . Schicksal des ursprünglichen Bulyginschen Vorschlags teilen. Ja, unter dem Eindruck der Schreckensnachrichten aus Lodz und Odessa erscheint das AllesFso gleichgültig wie möglich. In Lodz sind von der Partei der „Nationaldemokraten" Aufrufe verteilt worden, die das Volk überzeugen sollen, daß es von den Juden, ins Verderben gestürzt worden ist. Das Volk wurde deshalb zur Niedermetzelung der Juden aufgefordert. Die Aufrufe hatten zur Folge, daß ungefähr sünszigtausend Menschen, ausschließlich Juden, aus der Stadt nach entfernter gelegenen Ortschaften geflüchtet sind und dort zum Teil unter freiem Himmel kampieren. Vergebens bemühten sich die Behörden, sie zur Ruhe zu bringen; die Geister, die sie gerufen, konnten sie nicht mehr bannen. Die Nachrichten, die wir aus Lodz erhalten, sind geradezu fürchterlich/ Aus Odessa fehlen noch nähere Mitteilungen. Aber auch diese Hiobsposten werden wohl leider nicht ausbleiben. ■ S ■ Eine Ablenkung der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa ist in diesem Augenblicke das wichtigste Problem. Wie man uns mitteilt, sind neue Unternehmungen im Werke, um ein Projekt, das vor Jahren bereits auftauchte, nämlich eine große Kolonie nach der englischen Insel CYpern zu senden, jetzt zu realisieren. Wir erhalten darüber von sachkundiger Seite die folgenden interessanten Mitteilungen: „Es existiert ein Gebiet, das die Vorzüge des türkischen Orients verbindet mit fast völliger Abwesenheit seiner Mängel. Das ist die seit 1878 unter englischer Verwaltung stehende Insel Cypern, die immerhin, wie auch Professor Marburg bestätigt, 700000 Einwanderern Raum bietet. — Eine derartige Zahl verfolgter unglücklicher Juden dort als freie Menschen und Herren ihres eigenen. Geschickes anzusiedeln, — das wäre schon eine weltgeschichtliche Tat. Chpern hat eine Fläche von 9300 Quadratkilometern'(also etwa zwei Drittel des Königreichs Sachsen). Die Insel hatte zur Venetianer- Zeit (vor ca. 340 Jahren) über eine Million Einwohner (im Altertum soll sie mehrere Millionen ernährt haben) und hat jetzt 240 000 Einwohner, also 25 per Quadratkilometer. Die Regierung ist englisch, die Verwaltung autonom unter eng- . lischem Einfluß, derart, daß der vom Volke gewählte Rat von 12, . dem übrigens sechs Engländer beigeordnet sind, nichts beschließen kann, was gegen die Intentionen der Engländer verstößt. Der Ober- Gouverneur und die Gouverneure der sechs Provinzen sind Engländer;

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